Berühmte behinderte Frauen

 

Anneliese Mayer

Anneliese Mayer veröffentlicht schon seit vielen Jahren Porträts behinderter Frauen. Im Buch berühmt - beliebt - behindert -- Außerordentliche Frauen im Portrait (auch hier im Archiv zu finden - Link zum Buch), dass sie 2001 gemeinsam mit Hedwig Kaster-Bieker im Rahmen der bifos-Schriftenreihe herausgab, werden Lebensläufe berühmter behinderter Frauen nachgezeichnet. 


Seit dem Jahr 2003 führt sie die Reihe durch regelmäßige Beiträge in der Zeitschrift WeiberZeit der Politischen Interessenvertretung behinderter Frauen - Weibernetz e.V. (Link zu Weibernetz e.V.)  fort. Hier füllt sie die Rubrik "Berühmte behinderte Frauen" regelmäßig mit weiteren interessanten Lebensgeschichten behinderter Frauen.

Im Archiv finden sich nun ein Großteil der bereits erschienen und öffentlich zugänglichen Texte der WeiberZeit.

 


 

 

Die Portraits:

Berühmte behinderte Frauen

Betty Hirsch (1873 – 1957)

Gründerin der ersten Blindenschule

 

von Anneliese Mayer

 

In der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek ist im Erdgeschoß ein Arbeitsraum für seh- und körperbehinderte Menschen zu finden, der mit Computern ausgestattet ist, die u.a. eine Sprachausgabe oder Braillezeile haben. Dieser Raum ist benannt nach einer blinden Pädagogin, die heute niemand mehr kennt: Betty Hirsch. 

 

Betty Hirsch war maßgeblich am Aufbau neuer Ausbildungsgänge für blinde Menschen beteiligt. 1914 eröffnete sie mit Unterstützung des Augenarztes Prof. Paul Silex in Berlin die erste Schule für Kriegsblinde. Ihr Ziel war es, die Späterblindeten soweit zu befähigen, damit sie in ihre alten Berufe zurückkehren und selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen konnten.

 

Am 15. Januar 1873 in Hamburg als jüngstes von acht Kindern des jüdischen Kaufmanns Meyer Hirsch und seiner Frau Sara geboren, erlebt Betty Hirsch eine unbeschwerte Kindheit. 

 

Ihr Leben verändert sich im Alter von 12 Jahren. Ein paar Tage nach einem Sturz im Garten entzünden sich ihre Augen. Verschiedene Augenärzte werden aufgesucht, aber keiner kann ihr helfen. Ihre Sehkraft lässt immer mehr nach und schließlich erblindet sie mit 17 Jahren nach einer Augenoperation vollständig. Dass ihre Blindheit der Grund dafür sein soll, als hilflos angesehen und von anderen Personen abhängig zu werden, kann Betty Hirsch nicht akzeptieren:

 

„Als man aber anfing, mir mit jeder geringen alltäglichen Arbeit wie anziehen und sonstigen Handgriffe helfen zu wollen, erwachte ein Wille von Selbständigkeit in mir, der mir half, mein weiteres Schicksal mit Würde zu tragen.“ 

 

Dennoch vergehen einige Jahre, bis sie soweit ist, trotz familiärer Widerstände ihren Weg zu gehen. 

 

Der Ehrgeiz etwas zu schaffen ist gepackt

Da ihre schulische Laufbahn mit der Augenerkrankung abrupt unterbrochen wurde, beschließt die nun 21-jährige an der Preußischen Blindenanstalt in Berlin-Steglitz wieder die Schulbank zu drücken. Sie wird mit Punkt- und Kurzschrift vertraut gemacht, besucht die Fortbildungsklasse in Musik, Literatur und Englisch  und lernt die typischen Tätigkeiten für Blinde (Korb- und Stuhlflechten). Richtig wohl fühlt sie sich jedoch nicht in der Anstalt unter lauter Blinden, die zudem noch aus „armen, ungebildeten Kreisen“ kommen. Betty Hirsch ist ehrgeizig. Sie stellt hohe Anforderungen an sich. So bleibt es nicht aus, dass sie mehrmals scheitert. Sie beginnt ein Musikstudium am Konservatorium in Berlin und ist glücklich mit sehenden jungen Frauen zusammen zu sein. Diese Ausbildung finanziert sie durch Privatstunden bei blinden Kindern. Sie lernt ihren Freund‚ Armin‘ kennen, der sie auch während ihrer Tätigkeit als Konzertsängerin musikalisch begleitet. Die Anstrengungen durch die vielen Konzertreisen und Auftritte führen 1907 zu einem Nervenzusammenbruch.

 

Es folgt ein Aufenthalt im Sanatorium  und der Entschluß, ein Sprachstudium in London aufzunehmen. Danach unterrichtet sie wieder blinde Kinder aus wohlhabenden Familien. Abwechselnd hält sie sich in Hamburg und Berlin auf.

 

Zwischen den Weltkriegen

Betty Hirsch besucht gerade einen Feriensprachkurs in London, als der 1. Weltkrieg ausbricht. Sie muss das Land verlassen und auf der Fahrt hört sie zum ersten Mal das Wort „Kriegsblinde“. Zielstrebig macht sie sich auf die Suche nach den Kriegsblinden und findet sie im Maria-Viktoria-Krankenhaus in Berlin, das Geheimrat Silex leitet. Sie überzeugt den berühmten Augenarzt, dass die Männer mehr als medizinische Hilfe benötigen. 

 

Am 22. November 1914 wird die Privatschule eröffnet und sie beginnt ehrenamtlich fünf Kriegsblinde in blindenspezifischen Fertigkeiten zu unterrichten. Bald gelingt es ihr, den Männern Arbeitsplätze in einer Munitionsfabrik (!) in Spandau oder bei AEG und Siemens zu beschaffen, wo sie vollen Lohn erhalten. Mit Fortschreiten des Krieges vergrößert sich die Zahl ihrer Schüler (250 insgesamt bis Kriegsende). Viele haben früher in der Landwirtschaft gearbeitet und Betty Hirsch findet in Schlesien ein Gut, auf dem die blinden Bauern geschult werden, um ihre Arbeit blindheitsbedingt wieder aufzunehmen.  Immer mehr Spenden bekommt Betty Hirschs Privatschule und sie kann die entsprechenden Lehrmittel anschaffen. Weitsichtig erkennt sie, dass die neuen Büroberufe sich für Blinde besonders eignen. Sie bildet Männer und Frauen als Phono- und StenotypistInnen und MaschinenschreiberInnen, aber auch als TelefonistInnen aus. Nach Kriegsende spezialisiert sich Betty Hirsch auf die Ausbildung in den Büroberufen. In den zwanziger Jahren unternimmt Betty Hirsch diverse Auslandsreisen und berichtet über ihre Arbeit, zu der neben der Ausbildung auch die Berufsberatung und die Stellensuche gehört. In den USA verbringt sie einen Tag mit Helen Keller und wird vom amerikanischen Präsidenten als „deutsche Helen Keller“ begrüßt.

 

Nach der Machtergreifung geht Betty Hirsch im Oktober 1934 für 13 Jahre nach England ins Asyl. Sie veranlasst ihren Stellvertreter Thiermann, in die SA einzutreten und die Schule weiterzuführen. Als sie 1947 zurückkehrt, möchte sie die Schule (inzwischen heißt sie Silex-Handelsschule) an eine Handelsschule für Sehende angliedern. Die Behörden legen ihr jedoch Steine in den Weg. 

 

Große öffentliche Aufmerksamkeit findet Betty Hirsch noch mal an ihrem 80. Geburtstag. Sie beginnt ihre Lebenserinnerungen niederzuschreiben. Kurz nach deren Beendigung stirbt sie am 8. März 1957 an Altersschwäche.

 

Quellen:

Betty Hirsch – Augen einer blinden Frau sahen neue Wege für Blinde.
In:Gertrud Fundinger: Stiefkinder des Schicksals, Helfer der Menschheit. München 1932

Christine Pluhar: Betty Hirsch – Lebensbild einer blinden Frau.
Hausarbeit zur Prüfung für das Lehramt an Sonderschulen. Fachrichtung: Blinden- und Sehbehindertenpädagogik. Berlin 1981

Christine Pluhar: Betty Hirsch - weiblich, jüdisch, blind – dreifach chancenlos? 
In: blind-sehbehindert Zeitschrift für das Sehgeschädigten-Bildungswesen. 109. Jahrgang. 1-4/1989


 


 

aus WeiberZeit Nr. 1/Oktober 2003 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

 

Berühmte behinderte Frauen

Pascale Noa Bercovitch (*1967)

 

von Anneliese Mayer

 

Pascale Bercovitch.jpg

Vor drei Jahren stand ihr Buch monatelang auf der Bestsellerliste. Die wahre Geschichte über den jungen Beduinen Abid‘allah und das Delphinweibchen Oline erwärmte rasch die Herzen vieler TierliebhaberInnen. Abid‘allah hat als kleiner Junge durch einen Sturz weitgehend sein Gehör verloren und spricht nicht mehr. Der intensive Kontakt zu dem frei im Roten Meer lebenden Delphin hilft ihm, wieder seine Sprache zu finden. Daneben weiß der junge Mann seine Freundschaft zu dem Delphin gut zu vermarkten. Unterstützt wird er dabei von der in Israel lebenden Französin Pascale Noa Bercovitch, der Autorin des Buches „Das Lächeln des Delphins“, das sicherlich weitere Ströme von Touristen an den Sinai gelockt hat. In diesem Buch stellt Pascale Noa Bercovitsch sich selbst kurz vor und verheimlicht nicht, dass sie behindert ist:

 

„Sie (lachende, kleine Burschen/A.M.) drängen sich aneinander und sind überrascht und beeindruckt von den Sachen, die ich aus meinem Auto hervorhole: meinen Rollstuhl und die Rucksäcke, die ich daran befestige. Seit dem 13. Dezember 1984 ist dieser Rollstuhl stets bei mir. Es war in Frankreich, ich war 17 Jahre alt und bereitete mich gerade aufs Abitur vor. In diesem Winter gab es den Kälterekord des Jahrzehnts. Auf dem Weg zur Schule glitt ich mit dem Fahrrad auf einer vereisten Pfütze aus, wurde vom Luftstrom eines Zuges erfasst und unter den vorletzten Waggon gezogen. Der Alarm brachte den Zug erst fünfzig Meter weiter zum Stehen. Ich lag zwischen den Gleisen und hatte keine Beine mehr: Sie waren von den Oberschenkeln bis hinunter zu den Füßen zerquetscht. Meine Größe von 1,65 Meter war durch die Gewalt eines Zuges auf genau einen Meter verringert worden: Ich bin jetzt genauso groß wie der Abstand zwischen zwei Gleisen. Französische Norm. Heute bewege ich mich also im Rollstuhl fort, er wiegt acht Kilo, ich 41, und zusammen haben wir ein ordentliches Gewicht. Seit meinem Unfall  sehe ich  die Welt aus der Perspektive eines zehnjährigen Kindes. Das verschafft mir zuweilen einen recht außergewöhnlichen Blick auf unseren Planeten.“ (S. 17f)

 

Bei dieser Schilderung des Unfalls gibt es einige bedeutende Abweichungen zu einer anderen Version. Ich gehe davon aus, dass es sich um Übersetzungsfehler handelt. (Wie das Buch überhaupt sprachlich eine Katastrophe ist!) Eher nachvollziehbar ist, dass Pascale Noa sich an jenem denkwürdigen Tag ziemlich verspätet hat, als sie zur Schule unterwegs ist. Sie läuft dem bereits anfahrenden Zug hinterher und versucht, aufzuspringen. Während sie sich schon an die Haltegriffen festhält, rutscht sie über eine Eispfütze, ihre Beine gleiten ihr weg und geraten unter die Räder. 

 

Das alles geschieht in dem kleinen Städtchen Anger an der Loire, wo Pascale Noa bei ihren Eltern, einer Psychologin und einem Philosophieprofessor, lebt. Die Eltern sind Juden, und die Tochter hegt schon lange vor dem Unfall den Wunsch, nach Israel auszuwandern. Und nichts kann sie von ihrem Plan abhalten, auch nicht der Verlust beider Beine. Einen Monat nachdem sie im Sommer 1985 in der Klinik ihr Abitur abgelegt hat, ist sie in Israel – und tritt dort in die Armee ein. Sie trägt inzwischen Prothesen. Während ihrer Zeit in der Armee kümmert sie sich um verwundete Soldaten und übernimmt die Rolle eines Peer, um ihnen wieder Mut zu machen. 

 

Pascal Noa Bercovitch ist eine Frau, die weiß, was sie will. Sie studiert Geschichte und Psychologie in Haifa und beginnt ihre Karriere als Fernsehjournalistin. U.a. begleitet sie die israelische Nationalmannschaft der Schwimmer zu den Paraolympics nach Syndey und dreht eine Dokumentation über deren sportlichen Leistungen. In dieser Sportart ist sie selbst sehr trainiert. Allmählich freundet sie sich auch mit dem Rollstuhl an. So eindeutig bejahend, wie sie es in „Das Lächeln des Delphins“ beschreibt, ist ihr Verhältnis zu diesem Fortbewegungsmittel vor Jahren noch  nicht gewesen. Als sie in Paris für das Fernsehen arbeitet, schnallt sie sich die Prothesen an, von denen sie drei Paar besitzt, „um Schritt zu halten mit den Kollegen.“ Und dann gibt es noch die Geschichte, wie sie eine Woche lang mit drogen-abhängigen Jugendlichen durch die Wüste wandert, mit Ledermanschetten an den Beinstümpfen, um ihnen zu demonstrieren, dass auch sehr große Schwierigkeiten mit einem starken Willen über-wunden werden können. Mit Gael, ihrem Freund und Vater ihrer zweijährigen Tochter Eden, pflegt Pascale Noa eine Wochenendbeziehung. Er ist Unternehmensberater in Paris und sie lebt und arbeitet in Tel Aviv. Vor einem Jahr kandidierte Pascale Noa Bercovitch für die Grünen um einen Platz im israelischen Parlament. Da sie auf einem der vorderen Listenplätze stand, ist anzunehmen, dass sie heute die Politik in ihrer Wahlheimat mit beeinflusst. 

 

Literatur:

STERN 2/2003: „Ich sitze auf einer Mauer, ganz ohne Beine und ich lache“. Bericht von Ursula Neuhauser

Pascale Noa Bercovitch; „Das Lächeln des Delphins. Die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft.“ Ullstein Taschenbuchverlag. München 2001

Pascale Noa Bercovitch: „Die Botschaft der  Tiere. Wie sie unser Leben bereichern“. Ullstein-Verlag. München  2001

* Anmerkung der Redaktion: Das Buch von Pascale Noa Bercovitch „Das Lächeln des  Delphins“ gibt es auch auf Hörcassetten


 


 

aus WeiberZeit Nr. 2/Januar 2004 I I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Dorothy Hodgkin-Crowfoot (1910 - 1994)

Nobel-Preisträgerin für Chemie

 

von Anneliese Mayer

 

Im Oktober 1964 brachte die englische Tageszeitung Daily Mail eine sensationelle Meldung: „Grandmother wins Nobel-Prize“ lautete die Schlagzeile. Der Frau, der diese Ehrung zuteil wurde, hieß Dorothy Hodgkin-Crowfoot. Nicht wegen ihrer besonderen Fähigkeiten als Großmutter bekam sie die hohe Auszeichnung, sondern vielmehr für ihre wissenschaftliche Arbeit. Dorothy Hodgkin-Crowfoot ist die dritte und bislang letzte Frau, die den Nobelpreis für Chemie erhielt.1)


 

Dorothy Crowfoot wurde am 12.Mai 1910 als Älteste von vier Töchtern des britischen Archäologen und Kolonialbeamten John Winter Crowfoot und seiner Frau Grace Mary in Kairo geboren. Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kamen die Mädchen nach England. Hier wuchsen sie unter der Obhut ihrer Großmutter und eines Kindermädchens heran, und Dorothy besuchte die höhere Gemeindeschule in Norfolk. Schon sehr früh erwachte bei ihr das Interesse an Chemie. Zusammen mit einer Mitschülerin wurde ihr gestattet am Chemieunterricht teilzunehmen, der ansonsten den Jungs vorbehalten war. Zuhause auf dem Dachboden richtete sich Dorothy ein eigenes Labor ein. Sie interessierte sich besonders für die Strukturanalyse von Kristallen.


 

1928 2) nahm Dorothy Crowfoot als eine der wenigen jungen Frauen ihres Jahrgangs das Studium der Chemie und Kristallographie am Somerville-College in Oxford auf. Ihr Spezialgebiet war die damals noch junge Wissenschaft der Biochemie. Nach Abschluß ihrer Ausbildung ging die junge Chemikerin nach Cambridge, um im Rahmen eines Postgraduaten-Studiums in einer Forschungsgruppe 3) mitzuarbeiten. Dorothy Crowfoot begeisterte sich für eine neue Methode: „Ich war von der Idee besessen, dass es möglich sein müsste, durch die Röntgenstrukturanalyse fast ohne Hilfe anderer physikalischer oder chemischer Beobachtungen die chemische Formel einer Verbindung exakt zu ermitteln.“ Gemeinsam mit dem Wissenschaftler Bernal erarbeitete sie hier die wichtigsten Grundlagen für die späteren eigen-ständigen Analysen an biologisch bedeutsamen Substanzen wie dem Penicillin und dem Vitamin B 12.

Im Alter von 26 Jahren kehrte sie nach Oxford zurück, unterrichtete am Somerville-College und stieg im Rahmen eines Stipendiums in die Insulinforschung ein.

Es gelang Dorothy Crowfoot zum ersten Mal in der Geschichte Interferenzbilder von Insulin zu machen und somit den Aufbau der untersuchten Kristalle dreidimensional darzustellen.


 

1937 promovierte die Chemikerin und heiratete den Historiker Thomas H. Hodgkin. Ein Jahr später, nach der Geburt ihres ersten Sohnes Luke, erkrankte sie an entzündlichem Gelenkrheuma. Hier zwei Beispiele wie ihre Behinderung in den meisten Biografien beschrieben wird: „Trotz der Verwachsungen der Gelenke und ungeachtet der schweren schmerzhaften und entstellenden Krankheit blieb sie ihrer Arbeit und der Wissenschaft treu: ‚Trotz ihrer schrecklich verkrüppelten Finger und Hand-gelenke war sie so gut wie jeder im Labor und besser als die meisten‘, beschrieb eine ihrer Teamkollegen ihre Arbeit stolz.“ Und „Obwohl Dorothy mit 24 Jahren (?) rheumatische Arthritis diagnostiziert wurde, entwickelte sie sich zu einer der besten Kristallographen ihrer Zeit“ 


 

Dorothy Hodgkin war auf jeden Fall eine praktische veranlagte und tatkräftige Frau. Kurz nach der Diagnose ihrer Arthritis und einem anschließenden Kuraufenthalt nahm sie ihre Arbeit im Labor wieder auf. Sie stellte fest, dass sie den Schalter des Röntgengerätes nicht mehr bedienen konnte. Kurzerhand beauftragte sie einen Techniker, einen langen Hebel anzubringen.

Nach ihrem Sohn Luke brachte sie noch eine Tochter und einen weiteren Sohn auf die Welt. Zum Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ meinte sie:

„Ich denke, eine Frau sollte, wenn sie Naturwissenschaften ernst nehmen will, sich nach Möglichkeit mehr um ihre Kinder als um ihren Haushalt kümmern und den einer Hilfe über-lassen, damit sie Zeit findet für ihre Kinder ebenso wie für ihre wissenschaftliche Karriere. Mir ist das zum Glück gelungen.“ Aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung konnte sie zeitweise drei Hausangestellte beschäftigen: ein Kindermädchen, einen Koch und eine Reinigungsfrau.


 

1946 gelang es Dorothy Hodgkin nach vier Jahren intensiver Arbeit die Struktur von Penicillin aufzuschlüsseln: die Voraussetzung zu seiner halbsynthetischen Herstellung. Zu der Zeit ihres großen wissenschaftlichen Erfolgs unterrichtete sie eine junge Studentin, die Jahrzehnte später die erste britische Premierministerin wurde: Margaret Thatcher.


 

1947 wurde sie als dritte Frau überhaupt in die exclusive Royal Society aufgenommen – eine wissenschaftliche Vereinigung, die 1660 gegründet wurde und der bis 1945 nur Männer angehörten. Kurz danach verlieh ihr Queen Elizabeth den „Order of Merit“, den höchsten britischen Zivilorden. Bei dieser Ehrung war ihr nur die Krankenschwester Florence Nightingale zuvor gekommen.

Eine Professur in Oxford erhielt Dorothy Hodgin erst 1956, und 1960 wurde sie Forschungsprofessorin an der Royal Society. 1956 veröffentlichte sie auch ihre Untersuchungen zur Struktur des Vitamins B12. Dieser Arbeit ebenso wie der Strukturanalyse des Penicillins verdankte sie den Nobelpreis.


 

Neben ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit war Dorothy Hodgkin sehr an gesellschaftspolitischen Entwicklungen interessiert. Sie engagierte sich in der Friedensbewegung. Sie war Mitbegründerin und zeitweise Präsidentin der „Pugwash-Bewegung“, einem breiten Zusammenschluß von Wissenschaftlern aus Ost und West gegen den Gebrauch wissenschaftlicher Forschung zur Waffenentwicklung.


 

1977 emeritierte die Professorin. Ihr Engagement und ihr Interesse an der Naturwissenschaft ließ jedoch nicht nach. Vor zehn Jahren, am 29. Juli 1994, starb sie mit 84 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.


 

1) Ihre Vorgängerinnen waren Marie Curie und deren Tochter Iréne Juliot-Curie, die 1911 und 1935 den Nobelpreis für Chemie verliehen bekamen.

2) 1928 war auch das Jahr, in dem der Chemiker Fleming in London per Zufall das Penicillin entdeckte

3) Die Gruppe wurde von dem Molekularbiologen John Desmond Bernal geleitet, der als Vorläufer von James Watson und Francis Crick, den Entdeckern der DNS, gilt.


 

Literatur:

Georgina Ferry: Dorothy Hodgkin – A life. London 1998

Ulla Fölsing: Nobel-Frauen. Naturwissenschaftlerinnen im Portät, München 2001. Vierte erweiterte Auflage

Luise Pusch: Berühmte Frauen. Band 1, Frankfurt am Main 2000


 


 

aus WeiberZeit Nr. 3/April 2004 I I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Die australische Sportlerin Lisa Llorens, geb. 1978

 

von Anneliese Mayer

 

File:231000 - Athletics track 100m T20 final Lisa Llorens silver action - 3b - 2000 Sydney race photo.jpg

Wenn in diesem Jahr vom 17.-28. September die 12. Paralympischen Sommerspiele in Athen stattfinden, wird eine junge Athletin nicht mehr dabei sein. Ihr Name ist Lisa Llorens. Menschen, die bisher in der Leichtathletik in die sog. Schadensklasse T 20 (intellektuelle Einschränkungen) eingeteilt wurden, sind dieses Jahr nicht für die Spiele qualifiziert. Diese Entscheidung traf das Internationale Paralympische Komitee (IPC) im Februar 2003. Der Hintergrund ist, dass vor vier Jahren die spanische Basketballmannschaft unberechtigt die Goldmedaille gewann. Das Team täuschte vor, dass seine Mitglieder geistig behindert wären, obwohl dies nicht den Tatsachen entsprach. Aber rechtfertigt dieser Vorfall den Ausschluß einer Gruppe von behinderten Menschen, mit deren allgemeiner Anerkennung sich besonders der Deutschen Behindertensportverband schon immer schwer getan hat? Die sportliche Leistung von Menschen mit sog. geistiger Behinderung steht keineswegs hinter der der Körperbehinderten zurück, wie das Beispiel Lisa Llorens zeigt.


 

Lisa Llorens hat 1996 in Atlanta und 2000 in Sydney mehrere Gold- und Silbermedaillen in ihren Disziplinen gewonnen. Den 100 m-Lauf legt sie in einer Zeit von 12,42 sec. zurück. (Zum Vergleich: Der Weltrekord bei den Beinamputierten liegt bei 12,61 sec.) Im Hochsprung liegt ihr persönlicher Rekord bei 1,54 m und im Weitsprung stellte sie in Sydney mit 5,43 m einen neuen Weltrekord auf. 

Lisa Llorens wurde am 17. Januar 1978 in Canberra in Australien geboren und ist Autistin. Sie identifiziert sich vollständig mit einem Gepard, dem schnellsten Tier der Welt. An den Wänden ihres Schlafzimmers hängen Poster von Geparden, sie schaut sich zuhause stundenlang Videos über Geparden an, liest Bücher über Geparden, trägt Kleider in den Farben des Gepards und besteht darauf, dass ihre Familie und ihre Freunde sie „Cheetah“ (Gepard) rufen. Sie ist dafür bekannt, dass sie in Restaurants rohe Steaks verschlingt. Ihr ist sehr wohl bewusst, dass Außenstehende ihre Verhaltensweise nicht nachvollziehen können. In einem Interview anlässlich der Paralympics in Sydney äußerte sie sich dazu „Autismus ist sehr befremdend. Weil unsere Sprache, unsere Art uns ausdrücken, für andere Ohren sehr befremdend klingen kann, schließt jeder daraus, dass wir blöd sind. Das ist nicht wahr; viele Autisten sind genauso intelligent – viel intelligenter manchmal – als sogenannte „Normal“Menschen.


 

Mein Gehirn ist einfach anders verdrahtet als Eures, so dass ich die Welt nicht in gleicher Weise sehe und höre wie Ihr. Eure Welt, so wie ich es sehe, ist wie der Versuch, Licht in einer schwarzen Höhle auszumachen. Und das ist sehr, sehr frustrierend.“

Während sie in den Startblöcken steht, geht sie ganz in ihrer Rolle auf: „Ich springe alle Gegnerinnen an, die vor mir liegen, ich jage sie, ich ringe sie nieder und schließlich töte ich sie.“ Damit bringt Lisa Llorens schonungslos zum Ausdruck, was Hochleistungssport bedeutet. Das Rennen wird zum Kampf ums Überleben.


 

Jedoch ist der Kampf nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite verstehen es die australischen Athletinnen die lustvolle Seite ihrer Persönlichkeit hervorzuheben. So haben sich viele behinderte Sportlerinnen von einer bekannten Bodypainterin bemalen lassen und daraus einen Kalender gestaltet. Lisa Llorens trägt die Maske eines Geparden. Ihr Körper ist in hellbraun grundiert mit den typischen dunklen Flecken und dem weißen Bruststreifen des Tieres. Mitten im Lauf fotografiert, zeigt sich uns ein muskulöser Körper voller Kraft und Elan, der gerade zum Sprung ansetzt. Dazu passt auch eine Aussage von ihr in dem erwähnten Interview: „Wenn ich renne, liebe ich es, mich verwandelt in einen Gepard vorzustellen. Ich sehe mich ausgestattet mit der gleichen Kraft, der gleichen Anmut, der gleichen Geschwindigkeit. Ich kann mir keinen schöneren Anblick vorstellen.“


 

Zu den Paralympischen Sommerspielen

In Athen werden zwei Wochen nach dem Abschluß der offiziellen Olympischen Spiele 4000 Athletinnen und Athleten mit einer Behinderung mit ihren Wettkämpfen beginnen. Sportlerinnen und Sportler aus 130 Ländern wetteifern in insgesamt 18 Disziplinen um die besten Plätze. Allein Deutschland ist mit 213 SportlerInnen vertreten, von denen etwa ein Viertel Frauen sind. Seit ca. 12 Jahren sind die Paralympics aus ihrer Randständigkeit hervorgetreten. Sie stellen ein Medienereignis dar. Über die Wettkämpfe berichten die Sportredakteure großer Zeitungen ebenso wie die verschiedenen Fernsehanstalten. Die Sportlerinnen werden nicht mehr als Versehrte betrachtet, sondern werden nach ihren Leistungen beurteilt. An der Spitze der deutschen Leichtathletinnen steht seit Jahren Marianne Buggenhagen, die 1994 zur Sportlerin des Jahres gewählt wurde. Behindertensport scheint zur Normalität geworden zu sein. 


 

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass diese Normalität sich mehr und mehr an hoch-professionellem Leistungssport orientiert. Hier geht es um knallharten Wettstreit, bei dem der technische Fortschritt eine große Rolle spielt. Für Prothesen-hersteller sind die amputierten LäuferInnen hervorragende Werbeträger für die neuesten Entwick-lungen, was sich dann so anhört „Das Rennen wird zu einer eindrucksvollen Demonstration moderner Prothesentechnik: Nahezu unbehindert jagen die Athleten mit ihren federnden Füßen aus schwarzer Kohlefaser über die Tartanbahn. (...) Die Resultate unterschenkelamputierter Athleten nähern sich damit auch absolut immer mehr den Ergebnissen nicht-behinderter Hochleistungssportler an.“ Maßstab der Normalität ist und bleibt der Nichtbehinderten-sport. Eine Erklärung mag sein, dass zumindest bei den deutschen WettkämpferInnen ein großer Teil Spätbehinderte sind und bereits vor dem Beginn der Behinderung SportlerInnen waren. So kommt es, dass die Sportarten, die bei den Olympischen Sommerspielen großen Raum einnehmen, auch bei den Paralympics zu den Favoriten (Leichtathletik, Radsport, Schwimmen, Fechten, Tennis etc.) gehören. Dagegen finden Sportarten, die sich aus einer Behinderung entwickeln, kaum Aufmerksamkeit wie z.B. Goalball für blinde Menschen oder Boccia, das vorwiegend von Menschen mit einer spastischen Lähmung ausgeübt wird. Diese deutliche Hinwendung im Behindertensport an den Leistungssport führt zur Ausgrenzung von bestimmten Behindertengruppen. 


 

Zitate aus: 

Daily Telegraph vom 24 .10.2000 „Australian cheetah hunts down rivals“

Marianne Buggenhagen (Hrsg.): „Paralympics 2000. Die 11. Sommerspiele in Sydney“. 
Sport-Verlag Berlin 2000

 


 

aus WeiberZeit Nr. 4/Juli 2004 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Die Fotografin Dorothea Lange (1895-1965)

 

von Anneliese Mayer

 

„Keiner, der nicht als halber Krüppel durchs Leben gegangen ist, weiß, was das bedeutet. Ich glaube, das war das Wichtigste, was mir geschehen ist. [Es] prägte mich, leitete mich, lehrte mich, half mir und demütigte mich. Alles auf einmal. Ich bin niemals darüber hinweg-gekommen und bin mir diesen ungeheuren Drucks bewußt.“

 

Diese harten, aber aufrichtigen Worte kamen aus dem Munde einer der bedeutendsten amerikanischen Fotografinnen. Anfang der sechziger Jahre nahm die damals 65-jährige Künstlerin in einem ausführlichen Interview Stellung zu ihrer Arbeit und zu ihrer Behinderung. Ihr Name: Dorothea Lange.

 

Am 26. Mai 1895 wird Dorothea Lange als erstes Kind von Joan und Henry Nutzhorn in Hoboken, New Jersey - einem Vorort von New York - geboren. Die Vorfahren der Mutter waren deutscher Herkunft. Dorothea erkrankt mit sieben Jahren an Kinderlähmung. Als Folge davon bleibt das rechte Bein vom Knie abwärts gelähmt. Fortan hinkt Dorothea, und die anderen Kinder spotten über sie und rufen ihr „Hinkebein“ nach. Doch sie lässt sich nicht entmutigen: „Von Kindheit an und während ihres ganzen Lebens bemühte sich Dorothea sichtlich, sich selbst und anderen zu erklären, daß ein hinkender Gang auf keinen Fall mit einem benachteiligten, eingeschränkten Leben gleichbedeutend sei.“

 

Ein weiteres einschneidendes Erlebnis ihrer Kindheit ist für Dorothea das Verschwinden des Vaters. Henry Nutzhorn – von Beruf Rechtsanwalt – verlässt seine Familie 1907. Nach der Scheidung nimmt die Mutter wieder ihren Mädchennamen Lange an und arbeitet als Bibliothekarin. Sie wohnen bei der Großmutter – einer streitsüchtigen und hartherzigen Frau. Auf dem täglichen Weg zu ihrer Schule in Manhattan durchstreift Dorothea die belebten Straßen und bekommt einen Eindruck von dem lärmenden und pulsierenden Leben der Großstadt. Ihr Interesse für die Menschen und die Vielfalt der Kulturen ist sehr groß, der Unterricht hingegen langweilt sie zunehmend.

 

Mit 18 Jahren möchte Dorothea Fotografin werden. Die Familie ist dagegen, und sie fängt eine Ausbildung als Lehrerin an. Ihre Freizeit verbringt sie jedoch in den Fotostudios. Bald bekommt sie bei einem Fotografen eine Stelle angeboten und damit Gelegenheit, um sich das Handwerk anzueignen. Ihre Ausbildung beendet sie 1917 bei dem berühmten Fotografen C.H. White an der Columbia University. Gemeinsam mit einer Freundin und 140 $ in der Tasche plant sie eine Reise nach China. Unterwegs wird sie ausgeraubt, und die Reise endet in San Francisco. Sie hat Glück und kann hier bald ein Atelier eröffnen. Einflussreiche und reiche Familien lassen sich von ihr fotografieren. Sie ist finanziell unabhängig. 1920 heiratet sie den um 20 Jahre älteren Maler Maynard Dixon. Unter dessen Einfluss lernt sie die Lebensbedingungen der Indianer in den Reservaten kennen. So entsteht ihr erstes aussagekräftiges Dokumentarfoto, das eines Hopi-Indianers.

 

Nach der Geburt ihrer Söhne – 1925 kommt Daniel und 1928 John auf die Welt – beginnt die Ehe zu kriseln. Dixon hat häufig Affären und äußert sich abfällig über die Art des Gelderwerbs seiner Frau  – reiche Leute zu porträtieren. Infolge des Börsenkrachs reduzieren sich beider Aufträge. 

 

Dorothea bekommt unmittelbar die Auswirkungen der großen Depression mit, als sich in der Straße vor ihren Studio die arbeitslosen und hungrigen Menschen versammeln, die zur Armenspeisung kommen. Sie hängt sich die Kamera um den Hals und verlässt das Atelier, um Aufnahmen von bedrückten Menschen zu machen, die mit ihrem Blechnapf in der Hand Schlange stehen. In rascher Folge macht sie ihre „Bilder von Menschen“, die 1934 im Oakland Studio der Gruppe f/64 ausgestellt werden. Bei ihrer Arbeit ist ihr der Grundsatz aller guten FotografInnen zu eigen, der lautet: „Du darfst niemanden etwas wegnehmen: weder die Persönlichkeit oder die Würde noch die Integrität.“

 

Durch die Ausstellung wird der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Paul S. Taylor auf Dorothea aufmerksam und gewinnt sie für die Mitarbeit an seinem Institut des State Emercency Relief Administration (kurz: SERA). Gemeinsam reisen sie durch Kalifornien und dokumentieren die Lage der WanderarbeiterInnen.

 

Ende 1935 heiraten Dorothea Lange und Paul Taylor und führen eine intensive Arbeits- und Privatbeziehung. Sie mieten ein Haus in Berkeley. Jedoch ist Dorothea mit ihrem Mann meistens unterwegs, um an verschiedenen Programmen der Farm Security Administration (FSA) mitzuarbeiten, die Präsident Roosevelt im Zusammenhang des New Deal eingerichtet hat, um die angeschlagene Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.

 

1936 entsteht ihr bekanntestes Foto „Migrant Mother“– die Aufnahme einer heimatlosen Mutter mit ihren drei Kindern, die sich eng an sie schmiegen. Das Bild erscheint in San Francisco News und bewirkt, dass 9000 Kilo Lebensmittel für die WanderarbeiterInnen zur Verfügung gestellt werden. Ihre Bilder zeigen zunehmend die Schattenseiten Amerikas und sind erfüllt von Menschenliebe.

 

Da Dorothea unermüdlich ihrem Beruf nachgeht, kann sie den Bedürfnissen ihrer Familie nicht genügend nachkommen. Die drei Kinder, die Taylor mit in die Ehe gebracht hat und ihre beiden Söhne werden oft bei Pflegefamilien untergebracht. Sie weiß, dass sie eine miserable Mutter ist, aber sie fühlt „sich ans Haus gefesselt – nicht als befreite Frau“. Ihre starke Zerrissenheit zwischen Familie und Beruf führt dazu, dass sie Geschwüre bekommt. Mittlerweile ist sie Mitte 40 und hat öfters Schmerzanfälle: Ihre Magengeschwüre werden nicht richtig behandelt. Von ihrer Arbeit lässt sie sich jedoch nicht abhalten: Sie ist „eine einnehmende Frau, beharrlich und ungewöhnlich stark an anderen interessiert“.

 

1945 ist sie doch gezwungen, wegen ihrer schlechten Gesundheit eine fünfjährige Pause einzulegen. Kaum geht es ihr etwas besser, beginnt sie in den fünfziger Jahren ihre Arbeit wieder und arbeitet für Magazine wie „Life“. Sie reist durch Europa und Asien.

 

Während eines Aufenthalts im Iran muss sie ins Krankenhaus gebracht werden. Da die medizinische Behandlung nicht ausreichend ist, wird sie in die Schweiz transportiert. Im dortigen Krankenhaus wird bei ihr Malaria diagnostiziert. Im August 1964 stellen die Ärzte fest, dass sie Speiseröhrenkrebs hat. Sie unterzieht sich einer Strahlentherapie, aber es werden weitere Krebszellen gefunden. Am 11. Oktober 1965 stirbt Dorothea Lange in San Francisco – zwei Monate vor der großen Retrospektive ihrer sozialdokumentarischen Fotografien im Museum of Modern Art in Oakland.

Quelle:  Dorothea Lange: Ein Leben für die Fotografie. Verlag Könnemann. Köln 1998

 

Anneliese Mayer

 

 


 

aus WeiberZeit Nr. 5/November 2004 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Die Schriftstellerin Ursula Eggli (geb. 1944-2008)

 

von Anneliese Mayer

 

Als sie noch ein kleines Kind war, wurde ihr die Diagnose „Progressive spinale Muskelatrophie“ gestellt. Die Ärzte prophezeiten ihr, dass sie nicht älter als 20 Jahre würde. Vor drei Monaten hat sie nun ihren 60. Geburtstag gefeiert – quicklebendig und unternehmungslustig wie immer! Bevor am Wochenende die große Feier bei ihr zu Hause stattfand, unternahm sie noch eine Reise nach Venedig. So kennt man/frau sie: voll Lebensenergie und Zuversicht, viel unterwegs (auf Reisen, bei Lesungen, bei Veranstaltungen zum Thema „Behinderung“) und immer neue Ideen und Geschichten im Kopf.

 

Am 16. November 1944 wird Ursula Eggli als Älteste von drei Geschwistern in der Frauenklinik Winterthur geboren. Seit Generationen waren die Egglis in Dachsen, einem kleinen Dorf am Rheinfall, ansässig. Erwin, ihr Vater, war Arbeiter und der Sozialdemokratischen Partei verbunden. Ihre Mutter Frieda war die älteste Tochter eines Bauern und hatte aufgrund einer Kinderlähmung einen Klumpfuß. Wie viele Frauen ihrer Zeit war sie schon als junges Mädchen in Stellung gekommen, hatte den Haushalt bei fremden Leuten geführt und schließlich eine Lehrstelle als Kinderschneiderin gefunden. Sie war viel herumgekommen in ihrer schweizer Heimat, bis sie schließlich in einer Bindfadenfabrik den Soldaten Erwin kennen lernte und heiratete.

 

Das „Urseli“ ist ein hübsches, aufgewecktes Kind mit blonden, glatten Haaren, das nicht so recht das Laufen lernen will. Einige Leute wissen es besser und meinen, sie wäre zu faul. Es dauert einige Zeit, bis ein Arzt gefunden wird, der weiß, was mit dem Kind los ist: das „Urseli“ hat Muskelschwund. Die Eltern versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. 

 

Weitgehend in die dörfliche Gemeinschaft integriert, wächst Ursula heran. Sie sitzt in einem Kinderwagen und wird von den Nachbarskindern oder ihrem zwei Jahre jüngerem Bruder Daniel durch die Gegend geschoben. Es kommt aber auch oft vor, dass sie allein ist. Dann beschäftigt sie sich mit Lesen oder erfindet Geschichten; denn sie blüht vor Phantasie.

 

Die Dorfschule besucht Ursula drei Jahre lang. Sie ist in ihrem Jahrgang das einzige Mädchen unter 24 Jungs. Die Eltern bringen sie jeden Tag ins Schulgebäude und holen sie wieder ab. Als sie neun ist, kommt sie in ein Heim für behinderte Kinder.

 

Der Heimaufenthalt wird damit begründet, dass sie zu belastend für die Schule wäre. Inzwischen ist auch ihr jüngster Bruder Christoph geboren, der die gleiche Behinderung wie Ursula hat. Die Mutter hat Diabetes bekommen und wird im Alter erblinden.

 

Die Jahre vergehen. Ursula beendet die Schule und lebt einige Zeit zuhause. Sie ist eine sehr aufgeschlos-sene junge Frau, lernt andere behinderte Menschen kennen und hat Kontakte zu jungen Leuten ohne Behinderung. Sie ist vorneweg dabei, als Anfang der siebziger Jahre in der Schweiz ein CeBeeF (Club Behinderter und ihrer Freunde) nach deutschem Vorbild gegründet wird. Und da es die Zeit der Alter-nativbewegung ist, gründet sie mit ihren Freundinnen und Freunden eine Wohngemeinschaft.

 

1977 erscheint ihr erstes Buch mit dem Titel „Herz im Korsett“. In Form eines Tagebuchs schildert sie ihre Erlebnisse mit und in der WG. Von Bedeutung ist jedoch, dass in diesem Buch erstmalig die Situation einer behinderten Frau beschrieben wird, die den herkömmlichen Erwartungen an die Rolle einer Frau als (Sexual-)Partnerin und Mutter nicht entspricht. Offen spricht Ursula Eggli von ihren Gefühlen und Empfindungen als Frau, die ihre Sexualität leben möchte und auf enge Grenzen stößt. Sie macht die Erfahrung, dass eine behinderte Frau von der Gesellschaft als sexuelles Neutrum betrachtet wird. „Herz im Korsett“ ist ein Meilenstein in der Geschichte der Behinderten-/Frauenbewegung.

 

Auch in dem später folgenden Film „Behinderte Liebe“, an dem Ursula Eggli neben ihrem Bruder und Aiha Zemp mitwirkt, wird die Sexualität behinderter Menschen zum Thema macht und die gesellschaftliche Auseinandersetzung damit einfordert.

 

Ursula Eggli hat sich Anfang der achtziger Jahre zu einer Behindertenaktivistin entwickelt. Sie veröffentlicht in Behindertenzeitschriften, ist bei Protestaktionen und Demonstrationen dabei, hält Vorträge und fordert gemeinsam mit anderen behinderten Menschen ihre Rechte ein. Neben ihren politischen Aktivitäten macht es ihr viel Spaß, Ferienlager für Kinder mit Muskelschwund mitzuorganisieren. Sie schreibt weiter: Freakgeschichten und Märchen, in denen die bekannten Figuren (Rotkäppchen, Schneewittchen usw.) behindert sind.

 

Ursula verliebt sich in eine Frau. Die Beziehung dauert sechs Jahre und gemeinsam unternehmen sie viele Reisen um die halbe Welt. Ursula ist mit dabei, als sich Anfang der neunziger Jahren behinderte Lesben und Schwule im Waldschlößchen bei Göttingen regelmäßig treffen, um sich gegenseitig über Diskriminierungen auszutauschen und an die Öffentlichkeit zu treten. Auch hier wird von ihr wieder ein Tabu gebrochen.

 

Heute ist Ursula Eggli Vizepräsidentin des Schweizer Netzwerks behinderter Frauen „Avanti Donne“. Sie lebt in Bern in einem großen Haus mit Garten, bekommt täglich vier Stunden Assistenz durch einen Pflegedienst und organisiert die übrige Hilfe, die sie braucht, durch Freunde und Nachbarn. Obwohl sie aufgrund ihrer Behinderung kaum noch mit dem Computer schreiben kann, veröffentlicht sie regelmäßig Kinderbücher, Märchen und vor kurzem einen Briefwechsel mit einer behinderten Frau. 

 

In einem Interview für die Ausstellung der „Imperfekte Mensch“ (2000-2001 in Dresden) hat Ursula Eggli über ihre Behinderung folgende Feststellung getroffen: „Ich hätte vielleicht ein sehr langweiliges Leben, wenn ich nicht behindert wäre. (...) Die Behinderung hat mein Leben sehr spannend gemacht, und ich denke, die Behinderung hat mich auch dazu gebracht, Sachen zu überdenken, die würde, weil ich keine Veranlassung dazu hätte. (...) Ich lebe nun einmal mit diesem Körper und ich bin mit diesem Körper sehr zufrieden, auch wenn er immer schwächer wird.“

 

Anneliese Mayer

 

 


 

aus WeiberZeit Nr. 6/Januar 2005 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Harriet Tubman (1821- 1913)

 

von Anneliese Mayer

 

„Go down Moses
‘ way down in Egypt’s land
Tell ol‘ Pharaoh,
Let my people go!“

 

Harriet Tubman 1895.jpg

Viele von uns kennen diesen Gospel mit seiner einprägsamen Melodie – die wenigsten kennen jedoch die Geschichte dieses Liedes. Wie viele andere Gospels ist auch „Go down Moses“ ein spiritueller Song, der während der Zeit der Sklavenbefreiung in den USA entstanden ist und als verschlüsselter Text für die Eingeweihten große Bedeutung hatte. In Anlehnung an die biblische Gestalt Moses, der sein Volk, die Israeliten, aus der Sklaverei in Ägypten befreite, wird hier auf eine Person hingewiesen, die den Mut und die Tatkraft besaß, zahlreiche afro amerikanische Sklavinnen und Sklaven in die Freiheit zu führen. Hinter „Moses“ verbirgt sich eine Frau. Ihr Name hat in die Geschichtsschreibung der USA Eingang gefunden: Harriet Tubman, die bereits zu Lebzeiten den Beinamen „The Moses of Her People“1 erhielt.

 

Das genaue Geburtsdatum von Harriet Tubman ist nicht bekannt. Allgemein wird angenommen, dass sie 1820 oder 1821 in Dorchester County im Bundesstaat Maryland auf die Welt kam: Als Kind trug sie den Namen Araminta Ross; wurde jedoch bald mit dem Vornamen ihrer Mutter gerufen. Ihre Eltern Benjamin Ross und Harriet Greene hatten zehn weitere Kinder. Sie waren die Sklaven eines Holzhändlers. 

 

Bereits mit sechs Jahren musste Harriet ihre Eltern verlassen und bei einer Weberin arbeiten. Deren Mann benötigte sie zudem zum Aufstellen von Fallen. Egal wie ihre körperliche Verfassung war, sie musste arbeiten – ansonsten wurde sie ausgepeitscht. Und die Arbeit wurde zunehmend härter: „... in Maryland lernte sie durch Arbeit, daß ihre Leistungsfähigkeit der jeden Mannes gleich war. Ihr Vater lehrte sie, Holz zu fällen und Stämme zu Spalten.“2

 

In ihrer frühen Jugend kam es zu einem Ereignis, das nachhaltig ihr weiteres Leben beeinflußte – es hatte sowohl körperliche als auch psychische Auswirkungen: Ein Sklave, mit dem sie zusammen auf den Feldern arbeitete, hatte sich unerlaubt entfernt. Sie wurde von dem Aufseher aufgefordert, sich bei der Suche zu beteiligen. Er wurde in einem Laden aufgestöbert. Der Aufseher wollte ihn auspeitschen und forderte Harriet auf, den Entflohenen festzuhalten. Diese weigerte sich. Der Sklave rannte davon. Harriet wollte ihn von einem erneuten Fluchtversuch abhalten und lief hinter ihm her. Sie kam nur ein paar Meter bis zur Tür, als sie von einem zwei Pfund schweren Eisengewicht getroffen wurde, dass der Aufseher geworfen hatte, mit der Absicht, den flüchtigen Sklaven zu treffen. Harriet lag lange Zeit im Koma. Als sie wieder zu sich kam, musste sie mit der Zeit feststellen, dass sie unvorhersehbar in einen (kurzen) schlafähnlichen Zustand fallen konnte. Ihre Beeinträchtigung wird heute als Narkolepsie bezeichnet.3

 

1844 heiratete Harriet den freien schwarzen Mann John Tubman. Diese Verbindung bedeutete keineswegs, dass sie selbst der Sklaverei entkam. Im Gegenteil, sie musste fünf Jahre später befürchten, an einen neuen Besitzer verkauft zu werden, nachdem der bisherige gestorben war. Um diesem gnadenlosen Schicksal zu entgehen, beschloß sie zu fliehen. Auf dem Weg in den Norden wurde sie am Anfang noch von einem ihrer Brüder begleitet. Nachdem sie sich größtenteils alleine durchgeschlagen hatte, erreichte sie Philadelphia. Dort fand sie Arbeit und konnte ihr eigenes Geld verdienen.

 

Schon während ihrer Flucht hatte Harriet Tubman die Underground Railroad kennengelernt. Diese Organisation unterhielt ein ausgeklügeltes Netz von Zufluchtsorten und Kontaktpersonen, die den versklavten Männern und Frauen aus den Südstaaten den „Zug“ in den Norden ermöglichte, wo es keine Leibeigenschaft gab. Sie wurde die bekannteste Fluchthelferin. Dabei zeigte sie eine unglaubliche Durchsetzungskraft und war unnachgiebig gegenüber den Schwächeren oder der Zaghaftigkeit ihrer „Passagiere“.

 

Innerhalb von zehn Jahren gelang es ihr, 300 Menschen - darunter ihre Eltern und Geschwister - in die Freiheit zu bringen.

 

Nachdem 1851 auch die Nordstaaten ein Gesetz, das Fugitive Sklave Law, anwendeten und die Entflohenen wieder auslieferten, führte sie die Flüchtigen weiter nach Kanada. Für die Sklavenhalter war sie längst ein Dorn im Auge – sie setzten für ihre Ergreifung ein Kopfgeld von 40.000 $ aus.

 

Während des amerikanischen Bürgerkriegs stellte Harriet Tubman ihre Dienste der Armee der Nordstaaten zur Verfügung. Sie arbeitete als Köchin und Krankenschwester. Aufgrund ihrer hervorragenden Ortskenntnisse und ihres hohen Bekanntheitsgrades war sie häufig als Spionin und Verbindungsfrau zu den schwarzen Menschen tätig.

 

Ihr Mann John hatte sich bereits zwei Jahre nach ihrer Flucht von Harriet losgesagt und eine andere Frau geheiratet. 1869 heiratete sie den um 20 Jahre jüngeren Nelson Davis, der Soldat in der Armee der Konföderierten gewesen war, und dem es gesundheitlich nicht gut ging. Sie zog mit ihm in ihr Haus in Auburn, New York, und pflegte ihn bis zu seinem Tod 1888.

 

Harriet setzte sich verstärkt für das Wahlrecht der schwarzen Bevölkerung ein. Sie kämpfte für deren Recht auf Schulbildung – die sie selbst nie bekommen hatte. Mit Frauen wie Susan Brownell Anthony und Sojourner Truth, die sich beide radikal für das Frauen-wahlrecht und die Rechte der schwarzen Menschen einsetzten, stand sie in engem Kontakt.

 

Im Alter von 75 Jahren richtete sie in ihrem Haus ein Altersheim ein, das Harriet Tubman Home for Indigent Aged Negroes. Über 30 Jahre hatte sie dafür gekämpft, damit die Regierung nachträglich eine Entschädigung für die Kriegsdienste der Afroamerikaner zahlt. Es wurde ihr eine Pension zugesprochen, die sie an bedürftige schwarze Menschen weitergab.

 

Harriet Tubman starb am 10. März 1913 in ihrem Haus an Lungenentzündung.

 

Anneliese Mayer


 

Anmerkungen:

1)  Ihre zweite Autobiografie „Harriet Tubman - The Moses of Her People“, die sie mit Hilfe von Sarah Bradford schrieb, wurde 1886 veröffentlicht. Bereits 1869 erschien „Scenes in the life of Harriet Tubman“, mit deren Verkaufserlös sie ihre politische Arbeit finanzieren konnte.

2) Angela Davis: Rassismus und Sexismus, S. 25

3) Leider konnte ich in den mir zur Verfügung stehenden amerikanischen und deutschen Texten keinen Hinweis auf die eventuellen Einschränkungen oder Schwierigkeiten finden, die ihre Behinderung verursachten, während sie sich in gefährlichen Situationen befand. Oder auch wie ihre Umgebung darauf reagierte, wenn sie ohne Vorankündigung einschlief.

 

Quellen:

Angela Davis: Rassismus und Sexismus. Schwarze Frauen und Klassenkampf in den USA, Berlin 1982, S. 25ff

Susanne Gretter/ Luise F. Pusch (Hg.): Berühmte Frauen. 300 Porträts, Frankfurt am Main 1999, S. 288

www.graceproducts.com/tubman/life.html:„In Search of the Heroes“: The Quest for Freedom – Harriet Tubman

Christa Markon: „Fight, and if you can‘t fight, kick!“ Durchbrochene Rollenbilder von und durch Sklavinnen. In: Frauensolidarität. Schwerpunkt Sklaverei. Heft 3/2004, S. 11

 

 


 

aus WeiberZeit Nr. 8/August 2005 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Perla Ovici (1921–2001)

 

Anneliese Mayer

 

Gelesen hatte ich zum ersten Mal über sie im März 2000. Gesehen habe ich sie danach auf der Leinwand, als auf der Sommeruni 2003 in Bremen der Film „Liebe Perla“ von Shahar Rozen vorgestellt wurde – zu dem Zeitpunkt war sie bereits gestorben. Bis dahin erschien es mir unmöglich, dass jemand mit einer Behinderung das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebt haben könnte - noch viel weniger die grausamen Menschenversuche eines KZ-Arztes wie Josef Mengele. Ihre (Über-)Lebensgeschichte zeigt, dass es gerade ihre Kleinwüchsigkeit war, die sie vor dem sicheren Tod in der Gaskammer bewahrt hat. Das Leben von Perla Ovici kann nicht allein erzählt werden. Es ist vielmehr eine Geschichte von zehn Geschwistern.

 

Perla Ovici wurde am 10. Januar 1921 als Jüngste von 10 Geschwistern in einem Dorf in Siebenbürgen geboren. Ihr Vater kam 1868 als drittes Kind einer jüdischen Bauernfamilie auf die Welt und fiel dadurch auf, dass er nur einen Meter groß wurde. Shimshon Eizik Ovici wurde Wanderrabbiner und Badchin (ein Unterhalter bei Dorffeierlichkeiten, der Geschichten erzählt, Späße treibt und das Publikum mit Musik bei Stimmung hält – heute würde man ihn als Animateur bezeichnen!). Shimshon heiratete die gleichaltrige „große“ Brana Fruchter und hatte mit ihr zwei Töchter, die ebenso wie der Vater klein-wüchsig waren: die Älteste Rozika wurde 1886 geboren und Franceska 1889. Nachdem seine erste Frau im Alter von 33 Jahren an Tuberkulose verstarb, suchte sich der Rabbiner rasch eine neue „große“ Frau. Batia-Bertha Husz wurde die Mutter seiner sieben weiteren Kinder, die in Abständen von zwei bzw. ab 1911 von drei Jahren auf die Welt kamen. Avram war 1903 der erste, gefolgt von Frieda, Sarah, Mordechai (gen. Micky), Leah, Elisabeth, Ariel und zum Schluß Perla. Außer Sarah, Leah und Ariel waren alle kleinwüchsig.

 

Der Vater starb, als Perla zweieinhalb Jahre alt war. Die Mutter und die drei ältesten Geschwister sorgten für den Lebensunterhalt der Familie. Die Kinder hatten das künstlerische Talent des Vaters geerbt und traten anfangs als Klezmergruppe auf. 1930 starb die Mutter und der Zusammenhalt der Geschwister verfestigte sich. Die angeheirateten EhepartnerInnen der Älteren wurden in den Familienverband integriert. Perla erlebte eine unbeschwerte Kindheit und Jugend und fühlte sich aufgrund der Behinderung nie als Außenseiterin: „Die enge Gemeinschaft mit meinen Geschwistern bewahrte mich aber davor; mich minderwertig zu fühlen, und half mir, mich zu akzeptieren wie ich bin. Auch in meinem Träumen wurden meine Beine und Arme nicht länger, und ich hatte nie die Phantasie von einer guten Fee, die kommen würde, um meine Größe zu verdoppeln.“

 

In den dreißiger Jahren hatten sich die Geschwister im Kleinkunstgeschäft etabliert. Die sieben „kleinen“ Geschwister traten als „Trupa Liliput“ auf die Bühne und boten ein abwechslungsreiches Programm an Liedern und Sketchen. Ihre „großen“ Schwestern unterstützten sie hinter der Bühne. (Ariel, der „große“ Bruder, war inzwischen seine eigenen Wege gegangen und wollte vom Showgeschäft nichts wissen.)

 

Die „Trupa Liliput“ hatte großen Erfolg und tourte durch Osteuropa. 1940 wurde Siebenbürgen an das mit den Nazis kollaborierende Ungarn angeschlossen. Die Familie Ovici musste sich in Budapest registrieren lassen und da sie nicht extra gefragt wurden, ob sie Juden wären, sahen sie keine Veranlassung, die Behörden darauf aufmerksam zu machen. Dadurch stand in ihren Papieren kein Hinweis auf ihren Glauben. Sie waren keinen Repressalien ausgesetzt, als sie weiter umherzogen – bis zum Frühjahr 1944, als die großen Deportationen der ungarischen Juden begannen. Am 19. Mai kam die Familie Ovici mit ihren Verwandten und engsten Vertrauten nach einer fünftägigen Fahrt im Viehwaggon in Auschwitz-Birkenau an. Die Soldaten, die an der Rampe standen und die Selektion vornahmen, holten die kleinwüchsigen Geschwister aus der Menge und führten sie zu Dr. Mengele, der begeistert war, als er die Gruppe vor sich sah. Der Arzt, der bekannt für seine Forschungen an Zwillingen war, konnte sich nun – ehrgeizig wie er war – einem neuen Projekt der Erblehre zuwenden. Der „Todesengel von Auschwitz“ sorgte dafür, dass seine „Versuchskaninchen“ verhältnismäßig gut untergebracht wurden. Anders als die anderen LagerinsassInnen durften sie ihre eigene Kleider tragen und – was für die Ovici-Frauen immer sehr wichtig war – sie konnten sich schminken. Sie bekamen ausreichend Nahrung, die aber keine Extras zur üblichen Lagerkost darstellte.

 

Fast täglich wurden die Geschwister ins Labor gefahren und mussten die qualvollsten Untersuchungen und Experimente über sich ergehen lassen. Es wurde ihnen literweise Blut abgenommen. Sie mussten ständig Messungen und Röntgenuntersuchungen über sich ergehen lassen. Rückenmarksproben wurden entnommen und in ihre Augen wurde eine Flüssigkeit getröpfelt, die sie stundenlang erblinden ließ. Den EhepartnerInnen wurden entwürdigende Fragen über Intimitäten gestellt. Eines Tages wurden alle sieben kleinwüchsigen Geschwister in einen Saal geholt, in dem sich eine Gruppe von SS-Offizieren versammelt hatte. Sie mussten sich nackt ausziehen und Mengele zeigte mit einem Stab auf ihre Körperteile und gab Erläuterungen ab. Mengele war stolz auf seine „Zwerge“ und zeigte sie überall vor. Für die Frauen und Männer waren diese Veranstaltungen sehr demütigend. 

 

Die Geschwister Ovici verbrachten ein dreiviertel Jahre in Auschwitz-Birkenau. Am 27. Januar 1945 wurde das Todeslager durch die Rote Armee befreit. Die Ovici’s machten sich mit ihren Angehörigen auf den beschwerlichen Weg zurück in ihre Heimat. Sie konnten oft nicht weiterziehen und hatten längere Aufenthalte in Lagern. Sie begannen unverzagt wieder ihren Lebensunterhalt zu verdienen, in dem sie die Menschen mit Gesang und Schauspiel unterhielten. Als sie nach sieben Monaten endlich in ihrem Dorf ankamen, mussten sie feststellen, dass ihr Haus von fremden Leuten bewohnt wurde. Sie beschlossen 1947 nach Belgien zu gehen und die „Trupa Liliput“ wieder aufleben zu lassen. Aber auch dort konnten sie als orthodoxe Jüdinnen und Juden nicht heimisch werden. 1949 wanderten sie wie viele andere Überlebende nach Israel aus und siedelten sich in Haifa an. Die Geschwister blieben auch weiterhin zusammen. Anfangs wurde ihre Show als eine Attraktion in Israel gefeiert, aber allmählich verlor sich das Interesse des Publikums an ihren Aufführungen. 

 

Ab Mitte der fünfziger Jahre begannen die Geschwister ein Kino in der Innenstadt von Haifa zu betreiben. Elisabeth und besonders Perla, als die Jüngsten konnten noch miterleben, wie Mitte der achtziger Jahre das Interesse an ihrem Schicksal in Auschwitz-Birkenau wach wurde. Hatte sie vierzig Jahre niemand nach ihren Erlebnissen im KZ gefragt, wurde das Schweigen nun gebrochen. Die Opfer glaubten jahrzehntelang, sich für das, was mit ihnen geschehen war, schämen zu müssen. Die sich als große Gruppe zu Wort meldeten, waren die sogen. „Mengele-Zwillinge“. In diesem Zusammenhang traten auch Elisabeth und Perla auf. Perla Ovici hat oft als Zeitzeugin ihre Erlebnisse vor israelischen SchülerInnen berichtet.

 

Aber erst durch die Forschungen einer Frau aus der deutschen Behindertenbewegung ist Perla Ovici auch außerhalb Israels bekannt geworden. Hannelore Witkofski lernte Perla Ovici kennen, nachdem sie die Gedenkstätte Auschwitz besucht hatte und im dortigen Archiv die Geschichte über medizinische Versuche an kleinwüchsigen Menschen recherchierte. Daraufhin schrieb Hannelore nach Jerusalem an die Gedenkstätte Yad Vashem und bekam Antwort. Sie besuchte Perla Ovici 1995 zum ersten Mal und zwischen beiden Frauen entwickelte sich eine intensive Freundschaft, die erst durch den Tod von Perla Ovici am 9. September 2001 endete.

 

Anneliese Mayer

 

Der Film „Liebe Perla“ .von Shahar Rozen (1999) dokumentiert die (vergebliche) Suche nach den Filmaufnahmen, die von den Ovici-Geschwistern gemacht wurden, als Mengele sie im September 1944 den SS-Offizieren präsentierte. Der Film zeigt die Verfolgung jüdischer Menschen, die auch behindert waren und thematisiert die Fortsetzung des damaligen eugenischen Denkens heute u.a. in der Pränatalen Diagnostik.

 

Süddeutsche Zeitung vom 16. März 2000: Der Teufel hat sie gerettet – Perla Ovitz, Haifa: Wie eine kleinwüchsige Jüdin Auschwitz überleben konnte.

 

Yehuda Koren/Eilat Negev: Im Herzen waren wir Riesen. Die Überlebensgeschichte einer Liliputanerfamilie. Berlin 2004

 

 


 

aus WeiberZeit Nr. 7/April 2005 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Die Künstlerin Alison Lapper

 

von Anneliese Mayer

 

Am 15. September diesen Jahres wurde an einem zentralen Platz in London – dem Trafalgar Square – ein ungewöhnliches Denkmal enthüllt.1 Auf einer der vier Säulen, die den Platz begrenzen, sitzt aus weißem Marmor gehauen eine nackte,  schwangere Frau. Die 3,6 m hohe Statue von Marc Quinn, einem bedeutenden Künstler des Brit-Art, trägt den Titel „Alison Lapper Pregnant“.2 Sie ist das Abbild einer behinderten Frau, die sich selbst seit vielen Jahren künstlerisch mit ihrem Körper auseinandersetzt: Bis zu ihrer Schwangerschaft war Alison Lapper in der Öffentlichkeit unbekannt. Während sie ein Kind erwartete,  drehte das dänische Fernsehen einen Film über sie, und Marc Quinn begann mit den Vorarbeiten zu der Skulptur. Und nun ist sie schlagartig in aller Munde.

 

Gerade ist auch Alison Lappers Buch „Autobiografie einer Optimistin“ 3 in deutscher Sprache. erschienen. Hier beschreibt sie ihre Lebensgeschichte, die sich teilweise liest wie eine Erzählung von Charles Dickens:

 

Alison Lapper wurde am 7. April 1965 in einem Krankenhaus in Burton-upon-Trent geboren. Ihre Mutter, eine Fabrikarbeiterin, bekommt den Säugling die ersten Tage nicht zu sehen. Sie erfährt, dass sie ein Mädchen mit „schweren Mißbildungen“ auf die Welt gebracht habe. Es hat keine Arme, und Beine ohne Knie und Unterschenkel. Der medizinische Ausdruck für diese Behinderung ist Phokomelie (sog. Robbengliedrigkeit). Alisons Mutter lehnt ihr Kind von Anfang an ab und hat keine Einwände, als die zuständigen Ärzte eine Unterbringung in einer staatlichen Einrichtung für die beste Lösung ansehen. Nach einer kurzen Zwischenstation in einem Altenheim kommt die sechs Wochen alte Alison nach Chailey Heritage in Sussex, wo etwa 250 behinderte Kinder unterschiedlichen Alters leben.

 

In diesem Behindertenheim wird für die Grundbedürfnisse der kleinen Alison gesorgt. Sie bekommt zu essen, sie wird gewaschen und medizinisch versorgt. Die medizinische  Versorgung sieht so aus, dass spezielle Prothesen für sie angefertigt werden: „Man dachte, man müsste den Kindern Gliedmaßen geben, damit sie irgendwann normal funktionierten und in der Gesellschaft verkehren können – damit sie normal aussehen, was auch immer das bedeutet. Schon als kleines Kind musste ich Arm- und Beinprothesen tragen. Ich hasste sie, aber ich musste sie anbehalten, bis man mich wieder davon befreite.“4 

 

Alison ist fünf Jahre alt als eine junge Familie, bei der sie einige Male die Feiertage verbracht hat, sie adoptieren möchte. Dazu braucht es das Einverständnis ihrer Mutter. Diese verweigert ihre Zustimmung und nimmt zum ersten Mal Kontakt zu ihrer Tochter auf. Die Beziehung zwischen den beiden wird zeitlebens schwierig sein.

 

Alison beschreibt ihre Mutter als eine Frau, die sehr viel Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild legt. Sie hat ein kühles Verhältnis zu ihrer jüngsten Tochter, wenn diese während der Ferien bei ihr wohnt. Es kommen oft Äußerungen der Mutter, die Alison nur als Ablehnung empfinden kann. Das einzige Mitglied ihrer Familie, das mit Alison klar kommt, ist ihre acht Jahre ältere Schwester Vanessa.

 

Alison wird 17 Jahre in dem Behindertenheim verbringen. Sie besucht dort die Schule für Lernbehinderte. Dass sie eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hat, wird erst festgestellt, als sie die Schule schon längst verlassen hat. Unverkennbar liegt  ihre Begabung im künstlerischen Bereich.

 

Als sie 1982 Chailey Heritage, das für sie eine Heimat war und  wo sie ihre Freunde gefunden hatte, verlassen soll, ist sie voller Angst und Unsicherheit. Sie kommt für zwei Jahre in das Diagnosezentrum Banstead, um auf ein eigenständiges Leben vorbereitet zu werden. Dieses Leben beginnt mit einem möblierten Zimmer in einem Wohnheim in London, das ein befreundeter Architekt mit ihr so gestaltet hat, dass sie problemlos zurechtkommt. Sie hat inzwischen den Führerschein gemacht und besitzt ein auf ihre Bedürfnisse angepasstes Auto.

 

Die „extrovertierte, unkonventionelle und lebenslustige“ Alison genießt die bislang unbekannte Freiheit und stürzt sich in das abenteuerliche Leben in der Metropole. Sie besucht verschiedene Kunstkurse. Seit ihrer Jugend fertigt sie für die Vereinigung Mund-und Fußmalender Künstler (VDMFK) Bilder, deren Motive hauptsächlich für Weihnachtskarten verwendet werden. In dieser Zeit lernt sie auch einen Mann namens Francis kennen. Die beiden heiraten, aber die Ehe ist nur von kurzer Dauer, da Alison bald merkt, dass ihr Mann ihre Hilfeabhängigkeit ausnutzt.

 

Durch die VDMFK erhält die mittlerweile 24-jährige ein Stipendium und kann ein Kunststudium in Brighton beginnen. Während ihrer Ausbildung konzentriert sie sich ganz auf die Auseinandersetzung mit ihrem Körper. Sie lässt sich nackt fotografieren und gestaltet aus den Bildern Collagen und Serien. Sie möchte die Schönheit ihres Körpers betonen und dadurch auch ihr Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringen. Als Idealfigur weiblicher Schönheit gilt seit ewigen Zeiten die „Venus von Milo“. Diese Skulptur aus der Antike - der ein Arm vollständig fehlt, während der andere noch als Stumpf vorhanden ist - nimmt Alison Lapper als Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Arbeit.

 

1999 wird Alison Lapper schwanger. Obgleich der Kindsvater ihr eine Abtreibung nahe bringen will und ihre Beziehung auflöst, möchte sie auf jeden Fall das Kind bekommen Die letzten Wochen der Schwangerschaft sind schwierig. Ihr Sohn Parys kommt im Januar 2000 verfrüht auf die Welt. Mit Hilfe wechselnder Kindermädchen versorgt sie ihr Kind im eigenen Haus, das sie in Shoreham, West Sussex, besitzt.

 

Die Marmorstatue „Alison Lapper Pregnant“, die für 18 Monate auf dem Trafalgar Square zu sehen sein wird, sorgt inzwischen schon für heftige Debatten. Die Meinungen über den künstlerischen und politi-schen Aussagewert des Werks, sind sehr kontrovers.5 Für viele stellt die Skulptur eine Provokation dar. Eine Auseinandersetzung über behinderte Weiblichkeit in dieser Breitenwirkung war jedoch längst fällig.

 

Anneliese Mayer

 

Anmerkungen:

1 http://de.wikinews.org/wiki/    am 18. September 2005

 „Behinderte, nackt und hochschwanger: Marmorstatue der Künstlerin Alison Lapper auf dem Trafalgar Square enthüllt

2 deutsch: „Alison Lapper, schwanger“

3 Alison Lapper: Autobiografie einer Optimistin. München 2005 Verlag Blanvalet.

4 www.zdf.de 37 Grad  Alisons Baby. Sendung vom 29.4. 2003

5 BBC NEWS / England / London / Square’s naked sculpture revealed. Monday, 19 September 2005

 


 

aus WeiberZeit Nr. 9/Dezember 2005 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Marianne Kirchgeßner (1769-1808)

Musikerin

 

von Anneliese Mayer

 

2006 – das Mozartjahr. Alles dreht sich um das Leben und die Musik dieses „Wunderkindes“. Im Schatten dieses „Genies“ tauchen auch hin und wieder die Namen von Frauen auf, die seine künstlerische Laufbahn begleitet haben. Und es sind nicht eben wenige, die dazu beitrugen, dass seine musikalischen Werke unsterblich wurden. Zu den Kolleginnen Mozarts zählten zwei blinde Frauen, die heute nur Insidern der Musikgeschichte ein Begriff sind: Die 1759 geborene Pianistin und Komponistin Maria Theresia von Paradis – ebenfalls ein Wunderkind - und die berühmteste Glasharmonikavirtuosin ihrer Zeit: Marianne Kirchgeßner, die Kompositionen von Mozart auf ihren vielen Konzertreisen vortrug. Leider gibt es von der Letztgenannten keine persönlichen Zeugnisse (Briefe, Tagebuch, Zeichnung u.ä.), so dass es schwer fällt, sich von ihr ein Bild zu machen.

 

Marianne Kirchgeßner wurde am 5. Juni 1769 als Tochter eines Kammerzahlmeisters in Bruchsal geboren. Mit vier Jahren erblindete sie nach einer Pockenerkrankung. Bei der kleinen Marianne stellte die Familie sehr früh eine musikalische Begabung fest. Der verarmte Vater sah sich nach einem Förderer um und fand ihn in dem kunstsinnigen Domkapitular Joseph Anton Reichsfreiherr von Beroldingen. (Bruchsal war bis 1803 Resistenzstadt der Bischöfe von Speyer). Dieser Kirchenmann ließ der Zehnjährigen für 100 Dukaten eine Glasharmonika bauen und finanzierte ihren Unterricht beim Kapellmeister Joseph Schmittbaur in Karlsruhe.

 

Die heute fast in Vergessenheit geratene Glasharmonika wurde 1761 von dem amerikanischen Diplomaten Benjamin Franklin in London entwickelt. Bei dem zu Ende des 18. Jahrhunderts sehr populären Instrument handelt es sich um eine Achse, auf der verschieden große Glasschalen aufgereiht sind. Die Achse ist an einem Holzgestell angebracht und wird durch ein Fußpedal zum Drehen gebracht. Mit angefeuchteten Fingern werden die Glasschalen berührt und es entstehen sehr empfindsame Töne.

 

Im Frühjahr 1791 unternahm Marianne Kirchgeßner in Begleitung „ihres treuen Freundes, des Rathes Boßler aus Speyer“ ihre erste Konzertreise. Sie führte sie über Heilbronn, Ludwigsburg, Stuttgart, München, Salzburg, Linz nach Wien. Hier gab sie im Mai ihr erstes Konzert am Burgtheater. Mozart hatte von der Künstlerin gehört und komponierte für sie sein berühmtes Quintett für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Viola und Violoncello (KV 617) und einige Zeit später das Solo-Adagio in C (KV 617a). „Durchdrungen von dem Gefühle des wärmsten Dankes, über den glücklichen Beyfall, mit dem ich in meiner [...]  musikalischen Akademie, beehrt wurde [....] werde (ich) daher [...] vor meiner Abreise von hier nach Berlin [...] nächstkommende Woche noch eine grosse musikalische Akademie geben, und ein neues, überaus schönes Konzertquintett mit blasenden Instrumenten begleitet, von Hern Kapellmeister Mozart  [...] spielen.“ 

 

Das zweite Wiener Konzert fand am 19. August 1791 am Kärtnertortheater statt – vier Monate vor Mozarts Tod. Zu diesen Zeitpunkt hatte Marianne Kirchgeßner ihre Reise bereits nach Leipzig und Dresden fortgeführt  Sie erntete viel Bewunderung am Hofe des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II in Berlin, wo sie mehrmals vorspielte. Da die Virtuosin keine Noten sehen konnte, hatte sie ein erstaunliches Geschick entwickelt, die für sie komponierten Werke nach Gehör wieder zu geben. D.h. ein neues Stück wurde von jemand auf dem Klavier vorgetragen und sie spielte es danach auf der Glasorgel nach.

 

Weitere Konzertreisen unternahm die junge Frau nach Polen, Hamburg und London, wo sie sich 1794-1796 aufhielt. Nicht genauer belegbar ist die Behauptung, dass sie sich in London einer Augenoperation, durchgeführt von einem deutschen Arzt namens Fiedler, unterzog und dadurch „wenigstens einen Lichtschimmer gewann“.

 

1799 konnte Marianne Kirchgeßner mit den Einnahmen ihrer Konzertreisen – sie war inzwischen auch in Holland, im Baltikum und in Petersburg aufgetreten - in Gohlis bei Leipzig ein Landgut erwerben.

 

Neun Jahre später wollte sie wieder eine längere Konzertreise in die Schweiz unternehmen. Anfangs trat sie an einigen Ort in Süddeutschland (Tübingen, Stuttgart) auf. Im Spätherbst erreichte sie gerade das Städtchen Schaffhausen, als die Postkutsche, in der sie unterwegs war, einen Unfall hatte. Es ist anzunehmen, dass die Künstlerin sich verkühlte und eine Lungenentzündung holte, an der sie am 9. Dezember 1808 starb. Heute wird in der Stadtbibliothek von Schaffhausen die einzige Erinnerung an Marianne Kirchgeßner aufbewahrt: eine blonde Lockensträhne.

 

Anneliese Mayer

 

Literatur:

Alexander Mell: Handbuch des Blindenwesens. Wien  und Leipzig  1900, S. 407

Melanie Unseld: Mozarts Frauen. Begegnungen in Musik und Liebe. Reinbek bei Hamburg 2005, S. 154 ff

https://de.wikipedia.org/wiki/Marianne_Kirchgeßner

Eine ausführliche Biografie von Maria Theresia von Paradis findet sich in dem Buch Hedwig Kaster-Bieker/Anneliese Mayer: Berühmt-beliebt-behindert, bifos Schriftenreihe. Kassel 2001 - hier im Archiv: https://archiv-behindertenbewegung.org/materialien/buecherbord/?book-id=id254id

Am 14. Juni findet im Schloss Bruchsal ein Konzertabend zu Ehren von Marianne Kirchgeßner statt. Veranstalter: Kulturring Bruchsal, Tel.: 07251/88055

 

 


 

aus WeiberZeit Nr. 10/April 2006 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Gertrude („Trudy“) Ederle (1906-2003)

 

von Anneliese Mayer

 

Dieses Jahr hätte sie ein doppeltes Jubiläum zu feiern. Zum einen wäre im Oktober ihr 100. Geburtstag, und zum anderen ist es diesen Sommer genau 80 Jahre her, dass sie als erste Frau der Welt den Ärmelkanal durchschwamm. Diese Daten sind gesichert. Einige Ereignisse in ihrem Leben scheinen eher in der Fantasie der/des jeweiligen Erzählerin/Erzählers stattgefunden zu haben.

 

Gertrude Caroline Ederle wird am 23. Oktober 1906 im New Yorker Stadtteil Queens geboren – ein Viertel im Zentrum von Long Island, in dem sich zahlreiche Einwanderer Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Existenz aufbauen. Hier unterhält der gelernte Metzger Heinrich (Henry) Ederle, ein gebürtiger Schwabe, zusammen mit seiner aus Ostpreußen stammenden Frau Gertrud, ein Feinkostgeschäft in der Amsterdam Avenue. Gertrude wächst mit fünf Geschwistern auf.

 

Wo Gertrude das Schwimmen gelernt hat, darüber gibt es verschiedene Versionen. Je nachdem, ob ihr Leben von einem deutschen oder einem amerikanischen Autor beschrieben wird, unternimmt sie entweder im schwäbischen Bissingen oder in New Jersey ihre ersten Übungen im Wasser. Jedenfalls scheint sie sehr rasch einen sportlichen Ehrgeiz zu entwickeln.

 

Bereits 1919 stellt sie im 800 Meter Freistil mit 13:19:0 Minuten einen Weltrekord auf. Ab 1921 nimmt ihre sportliche Karriere einen rasanten Verlauf. Sie erzielte in den verschiedensten Schwimmdisziplinen  11 (oder sind es18?) Weltrekorde. Bei den Olympischen Spielen 1924 ist sie zwar nicht so erfolgreich – wahrscheinlich weil die Erwartungen an sie sehr hoch sind, aber immerhin gewinnt sie eine Gold- und zwei Bronzemedaillen 1).

 

Nach diesem für ihren Ehrgeiz eher schmählichen Erfolg, strebt sie ein neues Projekt an, das durch die beiden Tageszeitungen „Daily News“ und „Chicago Tribune“ gesponsert wird. Sie will als erste Frau den Ärmelkanal durchqueren. Bisher hatten dies nur fünf Männer geschafft.  1925 startet Trudy nach intensivem Training den ersten Versuch, der damit endet, dass sie bewusstlos aus dem Wasser gezogen werden muss. Jedoch kein Grund für sie aufzugeben.

 

Doch dann kommt der 6. August 1926. Morgens um 7.09 Uhr startet sie im französischen Cap Griz-Nez, nachdem sie zuvor von ihrem Vater mit Schmalz  und  Vaseline eingerieben wird. Ein Boot begleitet sie aus dem sie Hühnerbrühe, Zucker und Obst zur Stärkung versorgt wird. Als sie nach 14 Stunden und 39 Minuten völlig erschöpft das Ufer bei Kingsdown erreicht, wohin sie die Strömung abtrieb, hat sie eine Strecke von 35 Meilen in einer absoluten Rekordzeit zurückgelegt: Trudy Ederle ist 1 1/2 Stunden schneller als ihr Vorgänger, der Argentinier Enrique Tiraboschi. Damit stellt sie unter Beweis, dass Frauen ebenso wie Männer zu Höchstleistungen fähig sind: „People said women couldn’t swim the Channel but I proved they could.“.

 

Trudi Ederle ist nunmehr der Star des Sommers 1926. Sowohl in der alten Heimat ihres Vaters als auch in New York wird sie gefeiert.  Am Broadway empfängt man sie mit einer Konfetti-Parade, und hunderttausend Menschen jubeln ihr zu. Irwin Berlin komponiert ihr zu Ehren den Schlager „Trudy“, und sie bekommt einen hochdotierten Vertrag für eine Wasserrevue. Ihre Zukunft scheint gesichert.

 

Der Bruch kommt kurz vor ihrem 23. Geburtstag. Die Profischwimmerin hat schon immer Schwierigkeiten mit dem Hören gehabt. Bei einer ärztlichen Untersuchung stellt man fest, dass sie im Laufe der nächsten Jahre ertauben wird – der stundenlange anstrengende Aufenthalt im Salzwasser wird als Ursache genannt. Diese Mitteilung bringt Trudy Ederle völlig aus der Fassung. In ihrer Verzweiflung zertrümmert sie das gläserne Becken, in dem sie allabendlich ihre Schwimmkünste vorführt, mit einer Feueraxt. Eine hohe Schadensersatzklage des Varietés bringt sie fast um ihre Ersparnisse 2).

 

Zu der Hörbehinderung kommt noch hinzu, dass sie beim Sprechen rasch ermüdet, da auch ihre Stimmbänder durch das Salzwasser Schaden genommen haben.

 

Doch dem nicht genug. 1933 erleidet sie durch einen Sturz eine Wirbelsäulenverletzung und muss fast sechs Jahre ein Gipskorsett tragen. Dank ihrer Willensstärke läßt sie sich nicht unterkriegen und verwendet ihre ganze Energie darauf, wieder schwimmen zu können. Während des Zweiten Weltkriegs meldet sie sich als Freiwillige und arbeitet in der Flugzeugfabrik.

 

Bereits in den fünfziger Jahren ist sie völlig gehörlos. Ihre Leidenschaft – das Schwimmen – lässt sie jedoch nicht los. Fortan arbeitet sie mit gehörlosen Kindern,  denen sie mit großer Hingabe Schwimmunterricht gibt.

 

Gertrude Ederle hatte im Sport ihre Berufung gefunden und übt ihn bis zu ihrem 70.Lebensjahr aus. Ab diesem Zeitpunkt verschlechtern sich ihre Augen und sie zieht sich immer mehr zurück. Doch auf ihr eigenständiges Leben scheint sie bis zum Schluss allergrößten Wert zu legen, denn sie zieht erst mit 94 Jahren in ein Pflegeheim in Wyckoff in New Jersey. Dort stirbt sie am 30. November 2003.

 

Fußnoten:

1) Star der amerikanischen Qlympiamannschaft ist Johnny Weissmuller, der acht Jahr später als „Tarzan“-Darsteller welt-berühmt wurde.

2) Dieses Ereignis wird in englischsprachigen Artikeln nicht erwähnt.

 

Literatur:

Florence Hervé/Ingeborg Nödinger: „Lexikon der Rebellinnen.“ München 1999 

Ernst Probst: „Superfrauen“ Band 12 – Sport. Mainz 2001

http://de.wikipdia.org/wiki/Gertrude_Ederle

www.noww.nl/info/port-ederle-gertrude.html

 


 


 

aus WeiberZeit Nr. 11/Juli 2006 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Maxie Wander (1933 –1977)

Schriftstellerin

 

von Anneliese Mayer

 

Maxie Wander

Ihr Talent war es, rückhaltlos  freundschaftliche Beziehungen zwischen Menschen herzustellen; ihre Begabung, andere erleben zu lassen, daß sie nicht dazu verurteilt sind, lebenslänglich stumm zu bleiben. Christa Wolf im Vorwort zu „Guten Morgen ,du Schöne“

 

Als ich im Sommer 2005 las, dass Gesine Meerwein an Krebs gestorben ist, erinnerte ich mich spontan an zwei Frauen, die in den siebziger und achtziger Jahren ihre Krebserkrankung zu einem öffentlichen Thema machten. Während Gesine Meerwein aufgrund ihres Berufs das Medium Film benutzte, um die Ängste, die Unsicherheit, die Hoffnung, den Kampf und die Verzweiflung krebskranker Frauen zu schildern, war es bei ihren Vorgängerinnen das geschriebene Wort, durch das sie sich mitteilten. Beide Frauen waren Schriftstellerinnen und beide hatten eine Behinderung, die jedoch auf den ersten Blick nicht zu erkennen war: Maxie Wander und Audre Lorde.

 

Die erste, deren Tagebuchaufzeichnungen über den Verlauf ihrer Krebserkrankung veröffentlicht wurden, war Maxie Wander. Vor dreißig Jahren, am 14. September 1976, wurde Maxie Wander an der Berliner Charitè nach der Diagnose Krebs die rechte Brust abgenommen. Sieben Wochen später erfolgt eine weitere OP, bei der ihr die Eierstöcke entfernt werden. Danach beginnt die Prozedur der Bestrahlung. Die Tagebucheintragungen und die Briefe an Freunde und Verwandte berichten über ihre Erlebnisse mit den Mitpatientinnen und Ärzten. Sie berichtet über ihre Schuldgefühle („...was mit mir passiert, ist der Preis – wofür? Für Übermut und Anmaßung? Oder?“/17. Sept. 1976 ), dem mangelnden Respekt vor der Patientin als eigenständige Person („...eine Patientin, die Bescheid wissen will, die alles beobachtet und registriert und Fragen stellt – darauf sind die Ärzte sehr wenig vorbereitet.“/ 27. Okt. 1976.) und dem Ausgeliefertsein. („Die letzte Nacht war das Schlimmste, was ich an Angst und Schmerzen erlebt habe.“/8. Nov. 1976) Unmittelbar bevor Maxie Wander erfuhr, dass der ertastete Knoten in der Brust tatsächlich Krebs war, hatte sie die Arbeit an ihrem Buch „Guten Morgen, du Schöne“ beendet. Diese Tonbandinterviews mit Frauen aus der DDR, die ihren Alltag in Familie und Beruf erzählen, sollte ein Kultbuch werden. Die Geschichten der siebzehn interviewten Frauen dokumentieren, dass auch die sozialistische DDR von der Emanzipation der Frauen noch weit entfernt ist. Maxie Wander bekam in den letzten Monaten, bevor sie am 20. November 1977 starb, noch die große Resonanz auf ihr Buch mit. Sie erhielt zahlreiche Briefe von Frauen und wurde zu Kultursendungen eingeladen. Vor öffentlichen Auftritten hatte sie Angst. So schreibt sie am 9. Juni 1977 in einem Brief: „Der Gedanke, vor fremden Leuten eine öffentliche Show abzuziehen, mit Autogrammstündchen hinterher und so, das läßt mich erschauern. Und öffentliche Blamage hat mir der Doktor nun wirklich nicht verschrieben.“ Die öffentliche Blamage sah sie auf sich zukommen, wenn sie sprechen würde. Sie stotterte heftig, sobald sie in Aufregung geriet oder alle Blicke auf sich gerichtet fühlte.

 

Sie meinte, sich für ihre Behinderung entschuldigen zu müssen, als ob es ihre Verschulden wäre: „Ich wollte Ihnen noch ein paar Worte zu Ihrem Besuch sagen, auch um Entschuldigung bitten für mein Gestotter.“ (Brief vom 17. Oktober 1977) Dennoch erwähnt Fred Wander in seiner Autobiografie, dass seine Frau ihr Stottern „oft unterdrücken und dann wieder geschickt einsetzen konnte“. Das Letztere kann man sich bei der selbstironischen Art der lebhaften Maxie im privaten Bereich gut vorstellen. Diese Sprachbehinderung hatte sie seit ihrer Kindheit. Es wird angenommen, dass das Stottern aufgrund der hohen psychischen Belastung auftrat, die das Spannungsfeld zwischen dem kommunistischen Elternhaus und der nationalsozialistisch geprägten Schule für das kleine Mädchen darstellte.

 

Biografische Daten zu Maxie Wander

Am 3. Januar 1933 als Tochter der Arbeiter Alois und Käthe Brunner geboren. Sie bekommt den Namen Elfriede – wird jedoch Fritzi oder Maxie gerufen.

1933 - 1950 Kindheit und Schulbesuch im Wiener Arbeiterbezirk Hernals.

1950 - 1952 vorzeitiger Abbruch der Schule, verschiedene Jobs in einer Kartonagefabrik, als Kassiererin am Theater, als Sekretärin im Wiener Friedensrat.

Dezember 1952 lernt Maxie den 16 Jahre älteren jüdischen Schriftsteller Fred Wander kennen.

13. Juli 1956 Heirat mit dem mittlerweile von seiner ersten Frau geschiedenen Wander.

12. Oktober 1957 Geburt der Tochter Kathrin („Kitty“).

März 1958 Übersiedlung in die DDR, nach Kleinmachow bei Berlin.

1962/1963 mehrwöchige Aufenthalte in Paris. Maxie Wander unterstützt die Arbeit ihres Mannes: tippt Manuskripte und fotografiert für seine Reisebücher; übt verschiedene Tätigkeiten als Sekretärin, Bibliothekarin, Redakteurin und Drehbuchautorin.

Das Heimkind Roberto („Berty“) wird in die Familie aufgenommen.

Januar 1966 Geburt des Sohnes Daniel.

Mai 1968 Tod der Tochter „Kitty“ nach einem Sturz in eine Baugrube. Nachfolgend häufige Schwächeanfälle, Gleichgewichtsstörungen und cholerische Ausbrüche

1975 Beginn der Arbeit für die Tonbandprotokolle; Interviews mit Frauen.

Sommer 1976 Diagnose von Brustkrebs; Operation an der Charité, weitere Operation und Bestrahlung an der Rössle-Klinik in Berlin-Buch.

Frühjahr 1977 Veröffentlichung des Buches „Guten Morgen, du Schöne“ in der DDR. Pläne für ein neues Buch:„Männergeschichten“.

Wunsch aufs Land zu ziehen; der Kauf eines Bauernhaus in Mecklenburg-Vorpommern wird erwogen.

Anfang November 1977 Einweisung in die Klinik, nachdem eine Vergrößerung der Leber festgestellt wurde.

In der Nacht vom 20. auf den 21. November 1977 stirbt Maxie Wander.

 

Literatur:

Maxie Wander: Guten Morgen, du Schöne. Frauen in der DDR. Verlag Luchterhand. Darmstadt und Neuwied 1978

Maxie Wander: Leben wär‘ eine prima Alternative. Tagebuchaufzeichnungen und Briefe. Sammlung Luchterhand. Darmstadt und Neuwied 1980

Fred Wander: Das gute Leben. Erinnerungen. Hanser Verlag. München 1996

http://www.literatur.de : Wie jemand versucht, glücklich zu werden.

 


 


 

aus WeiberZeit Nr. 12/Dezember 2006 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Audre Lorde (1934 –1992)

 

von Anneliese Mayer

 

Eudora, Eudora, was sagtest du damals immer zu mir?
Verschwende nichts, Chica, nicht einmal den Schmerz
Gerade den Schmerz nicht.
(Audre Lorde: Zami. S. 333)


Auf den ersten Blick betrachtet, gibt es viele Parallelen zwischen den beiden Schriftstellerinnen Maxie Wander und Audre Lorde. Beide waren etwa gleich alt - beide hatten eine Behinderung, die nicht sofort auffiel – beide haben eine Tochter und einen Sohn auf die Welt gebracht – beide erkrankten mit Mitte 40 an Brustkrebs – beiden wurde die rechte Brust abgenommen – beide starben im Monat November an Leberkrebs.

 

Und doch gibt es eine Diskrepanz im Charakter und in der Lebensweise dieser beiden Frauen, wie sie größer nicht sein könnte. Zwischen der zurückhaltenden bürgerlichen Maxie Wander (siehe WeiberZEIT 12/2006) und der kämpferischen Außenseiterin Audre Lorde liegen Welten, im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Audre Geraldine Lorde wird am 18. Februar 1934 im New Yorker Stadtteil Harlem geboren. Die Eltern – Linda und Byron Lorde – sind in den zwanziger Jahren aus der Karibik nach New York ausgewandert. Anfangs arbeiten beide als Aushilfskräfte im berühmten Waldorf Astor-Hotel. Byron lässt sich nach dem Börsenkrach als Makler ausbilden und verwaltet fortan möblierte Zimmer in kleinen Wohnanlagen. 

 

Gemeinsam mit ihren älteren Schwestern Phyllis und Helen wächst Audre unter der Obhut ihrer strengen Mutter auf. Die Kinder müssen gehorchen und dürfen sich dem Willen der Mutter nicht widersetzen. Sie sollen sich unauffällig verhalten, damit in der Öffentlichkeit niemand an ihnen Anstoß nehmen konnte. Die Eltern sind der Überzeugung, durch Anpassung die Kinder vor der feindlichen Umwelt, die durch Rassendiskriminierungen geprägt ist, schützen zu können. Dass Schwarze in den USA in dieser Zeit erniedrigt werden, ist im Elternhaus von Audre Lorde nie Gesprächstoff. Die Verletzungen werden verschwiegen. Als Erwachsene bringt Audre Lorde mit der Feststellung „Your silence will not protect you!“(Dein Schweigen wird dich nicht schützen!) ihre Kindheitserfahrungen auf den Punkt.

 

Audre ist jedoch kein unauffälliges Mädchen. Da ist zum einen ihre starke Kurzsichtigkeit. Dem Gesetz nach wird sie als blind eingestuft. Mit fünf Jahren besucht sie die Sehbehindertenklasse an der Bezirksschule und bekommt ihre erste Brille. „Bevor ich eine Brille trug, kannte ich Bäume nur als hohe braune Säulen, die in dicken flauschigen Wirbeln blasser werdender Grüntöne endeten“ beschreibt Audre Lorde ihre visuelle Wahrnehmung. Hinzu kommt, dass die kleine Audre bis zu diesem Zeitpunkt stumm war. Eine kleine Membran unter der Zunge wird durchschnitten und sie lernt gleichzeitig sprechen und lesen.  Jedoch ist sie sehr erstaunt über die Figuren in den Bilderbüchern, die so gar keine Ähnlichkeit mit ihr haben: „Sie waren blond und weiß und lebten in Häusern mit Bäumen drumherum und hatten Hunde mit Namen Spot.“ 

 

Zum anderen wird Audre mehr und mehr zu einem widerspenstigen Kind. Als schwarze Schülerin einer katholischen Schule erfährt sie die herablassende und scheinheilige Art der Nonnen. Diese Verhaltensweise kann sie nicht widerspruchslos hinnehmen. Als Teenager schreibt sie ihre ersten Gedichte, um ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen und mit ihrer Einsamkeit und ihrem Anders-Sein zurecht zu finden.

 

Bis 1954 besucht Audre die High School, um danach am Hunter-College in New York Literaturwissenschaft zu studieren. Sie ist schon mit 17 von zu Hause ausgezogen, nachdem sie sich mit den Eltern überworfen hat. Sie finanziert ihr Studium durch verschiedene Jobs als Fabrikarbeiterin (u.a. an Röntgenmaschinen) als Sprechstundenhilfe etc.

 

Ein Jahr ihrer Studienzeit verbringt Audre in Mexiko an der National University. Dieses Jahr wird für sie zu ihrem Schicksalsjahr. Sie findet als Anfang Zwanzig-jährige zu ihrer Identität als Lesbe und Poetin. Nach New York zurückgekehrt, lebt sie nun im (weißen) Künstlerviertel Greenwich Village und findet Zugang zur schwul-lesbischen Szene, in der sie sich als schwarze Lesbe wieder in einer Außenseiterrolle sieht. 1961 beendet sie ihr Studium an der Columbia University mit dem Master-Abschluß in Bibliothekswissenschaft und arbeitet als Bibliothekarin. Sie heiratet den Rechtsanwalt Edwin Rollins und bekommt zwei Kinder, Elizabeth und Jonathan. Nach wenigen Jahren wird die Ehe geschieden. Ab 1970 erzieht sie gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Francis Clayton die Kinder. Die intensive Beziehung mit Francis dauert 22 Jahre. 

 

Audre Lorde bezeichnet sich selbst offensiv als „Schwarze, Lesbe, Mutter, Kriegerin und Dichterin“. In den siebziger Jahren schreibt sie ihre meisten Gedichte und veröffentlicht sie. Sie lehrt nun am Tougaloo College, Mississippi und am Hunter-College, wo sie selbst studiert hat. Sie ist aktiv für die Rechte von schwarzen Frauen und gründet einen feministischen Verlag (Kitchen Table: Women of Color Press). 

 

1978 wird bei Audre Lorde Brustkrebs festgestellt und die rechte Brust entfernt. Alles scheint gut zu verlaufen, bis fünf Jahre später – kurz vor ihrem fünfzigsten Geburtstag – festgestellt wird, dass der Krebs die Leber befallen hat. Trotz des Anratens der Ärzte in New York entscheidet sie sich gegen eine erneute Operation. Sie kommt im Sommer 1984 für eine Gastprofessur nach Berlin, um Seminare mit afro-deutschen Frauen abzuhalten. Den Deutschland-Aufenthalt nutzt sie zudem, um sich einer alternativen ganzheitlich ausgerichteten Krebstherapie zu unterziehen. Für Audre Lorde ist es von immanenter Bedeutung, niemals die Selbstbestimmung über den eigenen Körper aus der Hand zu geben. Für sie ist der Kampf gegen den Krebs gleichzeitig ein politischer Kampf. Mit der Tatsache, Leberkrebs zu haben, hat sie acht Jahre überlebt. Sie hat die Stadien der Wut, der Verzweiflung und der Resignation beschrieben, aber sie hat bis zuletzt für ein Leben gegen Fremdbestimmung und Unterdrückung von schwarzen, lesbischen und behinderten Frauen gekämpft. 

 

Die letzten Jahre ihres Lebens verbringt Audre Lorde in der Heimat ihrer Eltern – in St. Croix bei Grenada. Sie stirbt dort am 17. November 1992. Sie hat sich dort auch einen neuen Namen gegeben, der auf ihre afrikanischen Wurzeln hinweist: Gamba Adisa – was bedeutet: „Warrior: She Who Makes Her Meaning Known“ (Kriegerin: Sie, die ihre Meinung kundtut)


 

Anmerkung: Audre Lorde hat sich meines Wissens nie geäußert, weshalb sie E. Rollins geheiratet hat. Wahrscheinlich gab es im purita-nischen Amerika der sechziger Jahre keine andere Möglichkeit für eine lesbische Frau Mutter zu werden, als durch eine Ehe.

 

Quellen:

Audre Lorde: Zami. Ein Leben unter Frauen. Fischer Taschenbuch. Frankfurt am Main 1993

Audre Lorde: Auf Leben und Tod. Krebstagebuch. Orlanda Frauenverlag. Berlin 1994

http://en.wikipedia.org/wiki/Audre_Lorde



 


 

aus WeiberZeit Nr. 14/Dezember 2007 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen 

Barbara Thompson 

Berühmte Frauen mit Parkinson (Teil 1)

 

von Anneliese Mayer


 

Bei meiner Suche nach weiblichen Berühmtheiten mit einer Behinderung bin ich auf vier Frauen mit dem Parkinson-Symptom gestoßen. Alle vier sind sehr unterschiedlich mit dieser im Alter von etwa 50 auftretenden neurologischen Erkrankung umgegangen. Die Älteste mir bekannte Frau ist die SPD-Politikerin und Gewerkschafterin Toni Sender, 1888 in Wiesbaden-Biebrich geboren. Chronologisch folgt die 1904 geborene amerikanische Fotografin Margarete Bourke-White. Am 13. Juli diesen Jahres feierte die deutsche Physikerin und Schriftstellerin Helga Königsdorf ihren 70. Geburtstag. Bei ihr zeigten sich ungewöhnlich früh die ersten Symptome von Parkinson. Und schließlich als „Jüngste“ die Saxophonistin und Komponistin Barbara Thompson. Mit ihr möchte ich meine Vorstellung der Frauen mit Parkinson beginnen und in weiteren Beiträgen die anderen porträtieren.


Barbara Thompson habe ich zum ersten Mal im August 1992 live erlebt. Die gertenschlanke Frau mit den langen blonden Haaren spielte ihre Solostücke auf Saxophon, Klarinette und kleiner Flöte vor einem Publikum, für das stilvolle Rock- und Jazzmusik gleichbedeutend ist mit Barbara Thompson oder der Formation „United Jazz and Rock Ensemble“, deren fester Bestandteil sie seit den siebziger Jahren war. Eine Künstlerin, die es versteht, sich dem Publikum nahe zu bringen und es mitzureißen.


Im April 2008 ist Barbara Thompson wieder auf Tournee in Deutschland und ich erlebe sie dieses Mal mit ihrer Band „Paraphernalia“. Vom äußeren Eindruck scheint sich nichts an dieser Frau verändert zu haben. Das gleiche „Outfit“ wie vor sechzehn Jahren: Lange dünne blonde Haare, enganliegende Jeans und lässiges T-Shirt oder Hemd. Bei genauerem Hinsehen fallen natürlich die Falten im Gesicht auf, aber dafür muss man schon ganz nahe an der Bühne sitzen. Auffallend ist auch ihre Ruhelosigkeit. Sie kann nicht auf der Stelle stehen bleiben - ist immer in Bewegung. Viele mögen dies als „Mitgehen“ mit der Musik deuten - hat ihre Mischung aus Jazz und Rock doch etwas sehr Rhythmisches. Aber da sind auch die kleinen Patzer während ihres Einsatzes, die hervorragend von den übrigen Mitgliedern der Band aufgefangen und ins Gesamtspiel integriert werden. Ein Team, das völlig aufeinander eingespielt zu sein scheint.


Seit Mitte der neunziger Jahre hat sich im Leben der Musikerin eine einschneidende Veränderung vollzogen. Barbara Thompson weiß seit 1997, dass sie Parkinson hat. Diese Diagnose hat sie zuerst „wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen“. Außer ihren Mann Jon Hiseman hat sie anfangs niemanden eingeweiht. Mit der Zeit wird ihr jedoch bewusst, dass Verschweigen auf die Dauer keine Lösung ist. Und sie lernt, offensiv mit ihrem „Leiden“ umzugehen, wie mit einem unwillkommenen Gast, dem man es so bequem wie möglich macht, damit er weniger Schwierigkeiten bereitet. („I decided earlier on that the only way to cope it was not to make it the main point of my life, but treat it as an unwelcome visitor, whom if you make comfortable, made less demands to you.“). Die Parkinson-Erkrankung will sie nicht zum Mittelpunkt ihres Lebens machen. Die Hauptsache in ihrem Leben ist die Musik und soll es auch bleiben.


Am 27. Juli 1944 wird Barbara Thompson in der englischen Universitätsstadt Oxford geboren. Die künstlerische Ader liegt ihr im Blut. Ihr Großvater väterlicherseits hatte sich als Pianist einen Namen gemacht, und die Großmutter mütterlicherseits war eine angesehene Cellistin. Die fünfjährige Barbara spielt bereits hervorragend Blockflöte, spielt in der Grundschule im Schulorchester und lernt problemlos Notenlesen. Der Musikunterricht in der Schule genügt bald nicht mehr und sie bekommt Privatunterricht. Als 13-jährige hat sie ihre ersten öffentlichen Auftritte mit dem London Schools Symphony Orchestra.


Ihr Studium beginnt sie am Royal College of Music in London an den Instrumenten Flöte, Klarinette und Klavier. Klassische Komposition gehört ebenfalls zu ihren Studienfächern. Im Laufe der Zeit wird sie immer mehr vom Jazz und Musikern wie Duke Ellington beeinflusst. Ihr favorisiertes Instrument wird das Saxophon. 1967 heiratet Barbara Thompson den gleichaltrigen Schlagzeuger Jon Hiseman, den sie drei Jahre zuvor bei einer Zusammenkunft junger Musiker kennen gelernt hat. Sie arbeitet zunächst als Studiomusikerin bei dessen Band „Colosseum“. Ihre beiden Kinder Marcus und Anna werden 1972 und 1975 geboren. Mit einer Statistenrolle begnügt sich Barbara Thompson jedoch auf Dauer nicht. So gründet sie 1977 ihre eigene Band „Barbara Thompson’s Paraphernalia“ mit Jon Hiseman als Drummer, später kommt noch die Bigband „Moving Parts“ dazu. Zudem gibt es noch seit 1975 die Formation „The United Jazz und Rock Ensemble“, die aus herausragenden englischen und deutschen Musikern (Wolfgang Dauner, Albert Mangelsdorff, etc) besteht und fast dreißig Jahre existiert. Barbara Thomson und ihr Mann gehören dazu.


Zahlreiche Musikstücke für ihre Bands, aber auch für ihre Soloauftritte stammen von Barbara Thompson selbst. Zusammen mit Andrew Lloyd Webber komponiert sie die Melodien für die Musicals „Cats“ und „Starlight Express“. Immer häufiger wird sie auch für Film- und Fernsehmusiken angefragt.


Einige Zeit nach Ausbruch der Parkinson-Krankheit stellt Barbara Thompson fest, dass „das Spielen extrem schwierig für mich“ ist. 2001 kündigt sie eine Abschiedstournee an, und 2002 ist sie noch dabei, als das „United Jazz and Rock Ensemble“ seine letzten Auftritte hat. „Ich begann dann meine neue Karriere als Vollzeit-Komponistin und schrieb einen Choral für 100 Stimmen, drei Konzerte für Solisten mit Streicherensembles, für ein Kammerorchester, und drei Saxophon-Quartette.“


Aber sie ist einfach nicht die Frau, die ohne die Bühne und ohne das Saxophon leben kann. Nach zwei-jähriger Pause ist sie wieder dabei, als in der Band ihres Mannes „Colosseum“ Dick Heckstall-Smith, der Saxophonist, wegen Krankheit bzw. Tod ausfällt. Seitdem hat die Vollblut-Musikerin wieder ihre regelmäßigen Auftritte - mit der eigenen Band oder mit „Colosseum“. Ihr aktuelles Programm trägt bezeichnenderweise den Titel: „Never Say Goodbye“.


Wie bekommt sie es hin, die Parkinson’sche Krankheit unter Kontrolle zu halten und die körperlichen Strapazen bei ihrer Arbeit zu überstehen? Barbara Thompson vertraut auf die moderne Medizin. Sie nimmt „ein Arzneimittel, das Dopamin enthält: jenes chemikalische Element im Gehirn, das die Muskelbewegungen koordiniert“ und das sich bei Parkinson-Erkrankten abbaut. Sie sieht jedoch auch die Gefahr: “Natürlich ist das eine Art Pakt mit dem Teufel, denn es war nie meine Art, derart harte Medikamente einzunehmen, und am Ende könnten sich die Nebenwirkungen womöglich als ebenso schwierig für mein Leben erweisen wie die Parkinson’sche Krankheit selbst.“ 


Quellen: www.wikipedia.de Barbara Thompson
www.handmadeconcerts.de Barbara Thompson
www.temple-music-com Barbara Thompson - My affairs with Parkinson’s

 


 


 

aus WeiberZeit Nr. 15/September 2008 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Margaret Bourke-White (1904-1971)

Berühmte Frauen mit Parkinson (Teil 2)

 

von Anneliese Mayer

 

Während meines Studiums hing über meinem Bett ein großes Schwarz-Weiß-Poster. Es zeigte eine junge Frau mit flach anliegender dunkler Kopfbedeckung unter der eine Bubikopffrisur hervorguckte. Die Frau sitzt auf einer freien Plattform hoch über einer amerikanischen Großstadt, deren Gebäude und Hochhäuser im Hintergrund zu sehen sind. Die Plattform ist anscheinend nur durch drei Metallstreben gesichert. Auf dem Schoß hält die dunkel gekleidete Frau einen altmodischen Fotoapparat. Das Gesicht strahlt Gelassenheit und Zuversicht, aber auch Wagemut aus. Vor 25 Jahren wusste ich noch sehr wenig über diese Frau, außer dass sie eine berühmte amerikanische Fotografin war namens Margaret Bourke-White. Der Hintergrund ihres Lebens erschloss sich mir erst allmählich: 

 

Margaret Bourke-White wird am 14. Juni 1904 in New York, in der Bronx, geboren. Gemeinsam mit ihren zwei Geschwistern verbringt sie eine unbeschwerte Kindheit in einer kleinen Stadt in New Jersey. Sie liebt es, Tiere in ihren verschiedenen Entwicklungsstadien zu beobachten. So sammelt sie Raupen und Kaulquappen. Reptilien - und hier hauptsächlich Schlangen - gilt ihre besondere Leidenschaft.

 

Ihre Eltern, Minnie Bourke, die von irisch-englischen Einwanderern abstammt, und John White, dessen Vorfahren polnische Juden sind, unterstützen die Begeisterung ihrer lebhaften Tochter für die Naturwissenschaften. Der Vater ist Maschinenbauingenieur von Beruf und ein begeisterter Erfinder von neuen Druckmaschinen. „Vater hatte dabei sogar an jene gedacht, die ohne Licht leben mussten. Er konstruierte die erste Druckmaschine für Brailleschrift. Die Bücher, die heute für Blinde gedruckt werden, entstehen auf Maschinen, die aus den früheren Patenten meines Vaters entwickelt wurden.“(S. 14). 

 

Margaret ist 17 Jahre, als der Vater stirbt. Sie besucht verschiedene Colleges und Universitäten und lernt dabei einen Mann namens Everett Chapman, der gerade sein Studium als Elektroingenieur abgeschlossen hat, kennen. Rasch wird geheiratet, aber bereits nach einem Jahr kommt es zur Scheidung, da Margaret nicht bereit ist, die Rolle der fügsamen Ehefrau zu übernehmen. Als Studentin besucht Margaret verschiedene Seminare in Biologie, Zoologie und Kunstgeschichte. Zufällig landet sie dabei auch in einem Kurs von Clarence H. White, der die Technik des Fotografierens unterrichtet. Da die junge Frau nach der Scheidung für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen muss, besinnt sie sich auf die Reflexkamera, die ihr die Mutter vor einiger Zeit geschenkt hat. Sie macht Landschaftsaufnahmen auf dem Universitätsgelände von Ithaca und verkauft diese Bilder. Bald bekommt sie die Anfrage einer Architektenfirma, ob sie moderne Bauten und Brücken fotografieren wolle. Sie beendet ihr Studium und beginnt 1927 ihre Laufbahn als Architektur- und Industriefotografin. Einige Zeit lebt sie in Cleveland, Ohio, wo sie vor allem Maschinen und Menschen in den Stahlwerken und Gießereien mit der Kamera festhält. In diesen Bildern, die gegen Ende der zwanziger Jahre entstehen, zeigt sich ein gigantischer Fortschrittsglaube. „Ihre spektakulären Aufnahmen von Industrieanlagen stellten einen neuen und vielbeachteten fotografischen Zugang zur rasanten Wirtschaftsentwicklung der Vereinigten Staaten dar.“

 

1929 wird die zwischenzeitlich nicht mehr unbekannte Fotografin nach New York eingeladen. Sie soll für die führende Wirtschaftsillustrierte „Fortune“ arbeiten. Bald eröffnet Margaret Bourke-White im obersten Stockwerk des Chrysler-Buildung ihr Fotoatelier. Das Entstehen dieses Wolkenkratzers hat sie mit dem Fotoapparat begleitet und die eingangs beschriebene Schwarz-Weiß-Aufnahme von ihr wurde vor dem Fenster ihres Studios in luftiger Höhe arrangiert.

 

Sie reist in die Sowjetunion und nach Europa, um u.a. Bildreportagen über die I.G. Farben und die Werften von Hamburg zu machen. Sie wird eine exzellente Fotojournalistin. Als im November 1936 das auf dem Gebiet der Fotoreportage bald eine hervorragende Rolle einnehmende Life-Magazin gegründet wird, ist sie sofort dabei und liefert das Titelbild über den Staudammbau von Fort Peck Lake. Für diese Zeitschrift wird sie über zwanzig Jahre arbeiten. 1937 erscheint ein Bildband über die Lebensbedingungen der Feldarbeiterinnen im Süden der USA. Die Texte zu „You Have Seen Their Faces“ stammen von dem Schriftstellers Erskine Caldwell, den sie vor Beginn des Zweiten Weltkriegs heiratet. Bereits nach drei Jahren sind sie wieder geschieden. Margaret Bourke-White ist eine zu emanzipierte Frau, die ihre Unabhängigkeit braucht. Während des Zweiten Weltkriegs ist sie die erste weibliche Kriegsberichterstatterin der US-Armee. Sie dokumentiert die Luftangriffe der Deutschen auf Moskau und ist bei dem Kämpfen in England, Nordafrika und Italien dabei. Nach der Kapitulation reist sie durch Deutschland und fotografiert die zerstörten Städte. Als eine der ersten macht sie Bilder von den Überlebenden, aber auch von den Leichen im Konzentrationslager Buchenwald und Zwangsarbeitslager Leipzig-Thekla. Bilder, die erschüttern. In den kommenden Jahren ist Margaret Bourke-White an den Schauplätzen der Weltgeschichte zu finden: Sie macht eine Reportage über Mahatma Gandhi. Dabei entsteht ihr berühmtestes Foto – Gandhi am Spinnrad; sie berichtet in ihren Bildern über den Koreakrieg und sie rüttelt auf durch ihre Reportage über die Arbeitsbedingungen der Schwarzen in den Diamantminen Südafrikas.

 

Sie ist Anfang Fünfzig, als sich die ersten Symptome der Parkinson-Erkrankung bei ihr zeigen. Es beginnt mit „einem leisen dumpfen Schmerzgefühl in meinem linken Bein. (…)“ Nicht im entferntesten aber dachte ich daran, dies könne der heimliche Beginn eines lebenslänglichen Belagerungszustandes sein, der mich zwingen würde, meinem Vokabular ein neues Wort, und zwar auf mich bezogen, hinzuzufügen: das Wort ‚unheilbar’“. (S.324) Aus den Schmerzen im linken Bein und linken Arm wird ein Schwanken, sobald sie vom Sitzen aufsteht und die ersten Schritte geht. Sie versucht diese Unsicherheit in der Öffentlichkeit zu überspielen. Nach einem halben Jahr, in dem sich nichts verändert, begibt sich Margaret Bourke-White in ärztliche Hände und erfährt die Diagnose. Sie nimmt den Kampf gegen die Krankheit auf. Mit Ausdauer und Disziplin bewältigt sie jeden Tag ein physiotherapeutische Programm, dass vor allem die Beweglichkeit der Hände und Finger aufrecht erhalten soll. In ihrem unerschütterlichen Glauben an den Fortschritt unterzieht sich von 1959 -1961 zwei Gehirnoperationen. Aber diese Eingriffe können nicht verhindern, dass ihre Behinderung voranschreitet. 1963 kann sie noch ihre Biografie „Portrait of Myself“ (deutsch: „Licht und Schatten“) beenden. Danach wird es still um die Fotografin. Sie stirbt am 27. August 1971 in Stamford im Bundesstaat Connecticut, wo sie ihr Zuhause gefunden hatte.

 

Quellen:

Margaret Bourke-White: Licht und Schatten. Mein Leben und meine Bilder. München/Zürich 1964 (Zitate mit Seitenangabe entstammen diesem Buch!)

Susanne Gretter und Luise F. Pusch (Hrsg.): Berühmte Frauen 2. Dreihundert Porträts. Frankfurt am Main 2000

http://en.wikepedia.org/wiki/Margaret_Bourke-White

 

 


 


 

aus WeiberZeit Nr. 16/März 2009 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Veza Canetti (1897-1963)

 

von Anneliese Mayer

 

Sie wurde von der Frauenbewegung nicht wahrgenommen. Die Literaturwissenschaft schenkte ihr lange Zeit keine Beachtung. Auch ihr Mann, der Nobelpreisträger Elias Canetti, kam nicht von selbst auf die Idee, ihre Arbeiten zu veröffentlichen. Ihre große Rolle spielte Veza im Privaten, im Verborgenen. Und sie verbarg sich selbst. Sie verbarg ihre Behinderung, über die niemals gesprochen wurde, über die hinweggegangen wurde, die tabuisiert wurde.

 

Am 21. November 1897 wird Venetiana Calderon Taubner in Wien geboren. Die Mutter Rachel Calderon kommt aus Belgrad, der Vater, Hermann Taubner ist ungarischer Abstammung. Beide Eltern sind Juden.

 

Venetiana, die sehr bald Veza gerufen wird, ist mit einer Körperbehinderung auf die Welt gekommen. Der linke Unterarm fehlt ihr vollständig, und die Hand ist am Ellenborgen angewachsen. Inwieweit die Eltern die „Missbildung“ ihrer Tochter kaschieren oder verleugnen, ist nicht bekannt. Als Veza sechs Jahre alt ist, stirbt der Vater und ihre Mutter geht eine dritte Ehe mit dem über zwanzig Jahre älteren Kaufmann Menachem Alkaley ein. Allkaley ist ein herrschsüchtiger Mensch; Veza lernt, sich mit List zu behaupten.

 

Veza macht das Abitur, verbringt in ihrer Jugend einige Zeit in England und gibt privaten Sprachunterricht. Ob sie jemals als Lehrerin an einer Schule gearbeitet hat, wie sie in einem Lebenslauf für den Malik-Verlag schreibt, darf bezweifelt werden.

 

Am 17. April 1924 besucht der neunzehnjährige Chemie-Student Elias Canetti eine Vorlesung des legendären Schriftstellers, Sprachwissenschaftlers und Gesellschaftskritikers Karl Kraus. Dort begegnet er zum ersten Mal Veza Calderon-Taubner. In der Erinnerung daran schreibt Canetti Jahrzehnte später: „Sie sah sehr fremd aus, eine Kostbarkeit, ein Wesen, wie man es nie in Wien, wohl aber auf einer persischen Miniatur erwartet. Ihre hochgeschwungenen Brauen, ihre langen schwarzen Wimpern, mit denen sie, auf virtuose Weise, bald rasch, bald langsam spielte, brachten mich in Verlegenheit. Ich schaute immer auf die Wimpern statt in die Augen und wunderte mich über den kleinen Mund.“ Bei den fortan regelmäßigen Besuchen der Vorträge sieht Canetti sie jedes Mal aus der Ferne und beobachtet, dass sie nie in die Hände klatscht wie das übrige Publikum. Erst ein Jahr nach der ersten Begegnung wagt es Canetti, Veza anzusprechen. Er bewundert die gebildete Frau. Langsam entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Canetti besucht Veza immer häufiger in ihrer Wohnung in der Ferdinandstraße, wo Veza mit ihrer Mutter und dem Stiefvater lebt.

 

Die Ferdinandstraße bildet auch den Hintergrund  für die Erzählungen, die Veza zu schreiben beginnt und die in den Jahren 1932 und 1933 in der Wiener Arbeiter-Zeitung veröffentlicht werden. Die Ferdinandstraße wird zur „Gelben Straße“, der Straße der Lederhändler, der kleinen Geschäftemacher, der Dienstboten und Intellektuellen. „Es ist eine merkwürdige Straße, die Gelbe Straße.  Es wohnen da Krüppel, Mondsüchtige, Verrückte und Satte.“ Die Rahmenfigur ist Frieda Runkel, eine verbitterte Kioskbesitzerin, die in einem Kinderwagen sitzt und wahrscheinlich Glasknochen hat.

 

Im Dezember 1932 veranstaltet die Wiener Arbeiter-Zeitung ein Preisausschreiben für die beste Kurzgeschichte. Die Jury findet keine der 827 Erzählungen des ersten Preises würdig. Den zweiten Preis erhält Veza für ihre Kurzgeschichte „Ein Kind rollt Geld“. 

 

Veza Calderon-Taubner erzählt ihre Geschichten aus dem Wien der zwanziger und dreißiger Jahre mit einem beißenden Humor und mit viel Mitgefühl für das Schicksal der kleinen Leute. Sozialkritisch reflektiert sie die Ausbeutung von Frauen durch ihre Männer und die Auswirkungen der hohen Arbeitslosigkeit. Veza schreibt unter verschiedenen Pseudonymen: Veza Magd, Veronika Knecht und Martha oder Martina Murner. Angeblich befürchtet der Herausgeber der Wiener Arbeiter-Zeitung, die Bevorzugung einer jüdischen Autorin könne im zunehmend antisemitischen Wien ein schlechtes Licht auf die Zeitung werfen. 

 

Ihre erste große Veröffentlichung hat Veza Calderon-Taubner unter dem Pseudonym Veza Magd im August 1932. Beim linken Malik-Verlag erschien die Anthologie „Dreißig neue Erzähler des neuen Deutschland. Junge deutsche Prosa.“ Vezas Erzählung mit dem Titel „Geduld bringt Rosen“ erzählt die Geschichte einer reichen und einer armen Familie. Auch hier begegnet uns wieder eine behinderte Figur. Den Sohn des Kassenboten Mäusle beschreibt die Erzählerin so: „Söhnchen ist zwar nicht die richtige Bezeichnung. Was auf dem Sofa lag, hatte Hände. Es war aber auch das einzige, das an einen Menschen erinnerte. Sonst hatte dieses Wesen zwei spindeldürre, gelähmte Stangen statt der Beine, einen breiten Kasten statt der Brust, ein Glatze dort, wo Haare hingehörten, ein dunkles Fell an den nackten Stellen des Körpers und schwarze Strünke an Stelle der Zähne. Die Sprache ersetzte ein nur Mäusle verständliches Lallen, und statt von Gedanken lebte dieses Geschöpf von augenblicklichen Eindrücken, die es in heftige Wut oder Freude versetzen konnten.“

 

1934 heiraten Veza und Elias. Ende des gleichen Jahres stirbt die Mutter von Veza (der Stiefvater ist seit sechs Jahren tot). Im Oktober 1935 erscheint das erste Buch von Elias Canetti „Die Blendung“ und die beiden beschließen, drei Zimmer in einer Villa im idyllischen Grinzing zu beziehen. Veza Canetti hat inzwischen ein Drama geschrieben – „Der Oger“ – das jedoch keine Beachtung findet.

 

Veza betätigt sich als Hausfrau und steckt ihre ganze Energie in ihren Mann, der psychisch sehr labil ist. Er hat Anfälle von Verfolgungswahn, glaubt, dass man ihn vergiften wolle und hat Tobsuchtsanfälle. 

 

Hinzu kommen die permanenten Geldnöte. Und schließlich verschärft sich das politische Klima. Die Canettis als Juden geraten immer mehr in die Isolation, jüdische Freunde wandern aus, Briefe müssen verschlüsselt geschrieben werden. Im März 1938 erfolgt der Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich. Nun ist es auch für Elias und Veza Canetti höchste Zeit, Wien zu verlassen. Im Oktober fliehen sie nach Paris, wo die beiden jüngeren Brüder von Elias Canetti leben.

 

Im Frühjahr 1939 emigrieren die Canettis nach England wo sie beide Verwandte haben. Veza schreibt den Roman „Die Schildkröten“, der von dem Schriftsteller Andreas Kain und seiner Frau Eva handelt, die in einer Villa in Wien leben und durch die zunehmenden, antisemitischen Anfeindungen gezwungen werden, zu fliehen. Mit diesem Roman versucht Veza Canetti die erlittenen Demütigungen und Ängste zu verarbeiten. Ihre Bemühungen, einen Verleger für das Buch zu finden, scheitern.

 

Während der Kriegsjahre in England verdient Veza Canetti ihrer beider Lebensunterhalt hauptsächlich durch Übersetzungen. Sie übersetzt zum Beispiel „Die Kraft und die Herrlichkeit“ von Graham Greene ins Deutsche. Und sie arbeitet als Lektorin. Es ist ein sehr bescheidenes Leben, das sie in England führt. Veza bereitet es auch Kummer, dass Elias Canetti schon seit langem verschiedene Geliebte hat. Veza kündigt zwar immer wieder an, ihren Mann zu verlassen, setzt dies jedoch nicht in die Tat um. Jedoch vertiefen sich bei ihr die depressiven Stimmungen.

 

In den vierziger Jahren schreibt sie noch zwei größere Stücke. Da keine Aussicht auf Veröffentlichung bestand, hat sie sie verbrannt. Ihre Kurzgeschichten, die sie bis 1956 schreibt, wandern in die Schreibtischschublade. In der Erzählung „Drei Viertel“ hat sie sich vielleicht mit dem Mädchen Maria ein Alter Ego geschaffen. Maria trägt einen großen Hut, den sie weit nach hinten schiebt. Der Hut soll verbergen, dass Maria einen Buckel hat. Auch Veza Canetti trug immer langärmlige Kleider und Blusen, um das Fehlen des linken Unterarms zu kaschieren.

 

Veza übernimmt immer mehr die Aufgabe einer Managerin für ihren Mann. Sie ist überzeugt, dass er einmal den Nobelpreis bekommen wird. Auf der anderen Seite verschlimmert sich ihre Melancholie. Sie wird lebensmüde. Elias Canetti versucht, sie aus diesen düsteren Stimmungen zu holen.

 

1960 erscheint „Masse und Macht“ und wird ein großer Erfolg. Den Anteil seiner Frau an diesem Werk würdigt Elias Canetti in einem Brief an seinen Bruder: „... Sie hat sich in mein Werk vollkommen eingearbeitet und ist Satz für Satz mit mir durchgegangen. Die Ratschläge, die sie mir gegeben hat, waren unschätzbar. Wo immer etwas unklar war, hat sie es gespürt und mich nicht geschont, und ihr deutsches Sprachgefühl ist von einer Feinheit und Tiefe, die mich täglich überrascht.“ Auch über ihre emotionale Verfassung schweigt er nicht: „… hat sie seelisch in einer Art Nacht gelebt. Ich bin keinen Tag von ihr weggeblieben, so wie sie mir geholfen hat, habe ich sie überwacht.“ (Brief vom 3. Juli 1959)

 

Elias Canetti rückt immer mehr in das öffentliche Interesse, während seine Frau sich immer mehr zurückzieht. Im April 1963 wird Veza Canetti, der es schon länger nicht gut geht und die über Herzbeschwerden klagt, in eine Londoner Klinik eingewiesen. Am 1. Mai stirbt sie in aller Stille, und Elias Canetti ist in tiefer Trauer.

 

Veza Canetti erlebt nicht mehr, wie im Jahr 1981 der Nobelpreis für Literatur an ihren Mann verliehen wird. 1990 wird „Die Gelbe Straße“ veröffentlicht. Ihr Drama „Der Oger“ wird 1992 in Zürich uraufgeführt und 1999 erscheint der autobiografische Roman „Die Schildkröten“. Das bislang letzte Buch beinhaltet den Briefwechsel zwischen ihr, Elias und George Canetti. Der private Nachlass von Elias Canetti darf laut Canetti erst 2024 für die Öffentlichkeit frei gegeben werden. Vielleicht erfahren wir dann etwas mehr über Veza Canetti. 


 

Quellen:

Elias Canetti: Die Fackel im Ohr. Frankfurt am Mai 1981

Veza Canetti: Die Gelbe Straße. Roman-Verlag, München 1990

Veza Canetti: Geduld bringt Rosen. Erzählungen, 

Fischer-Taschenbuch, Frankfurt am Main 1994 

Veza Canetti: Der Fund. Dtv, München 2004

Veza & Elias Canetti: Briefe an Georges. Hanser Verlag, München 2006

 

 


 


 

aus WeiberZeit Nr. 18/Dezember 2009 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Clara Haskil (1895-1960)

Pianistin

 

von Anneliese Meyer

 

Auf der Gedenkveranstaltung vier Monate nach ihrem plötzlichen Tod hielt unter anderem Charlie Chaplin eine Ansprache. In seiner Rede behauptete Chaplin, er sei in seinem Leben drei Genies begegnet, wobei sie an erster Stelle stünde, gefolgt von Albert Einstein und Winston Churchill. Chaplin und sie haben sich in den fünfziger Jahren kennen gelernt und angefreundet, als beide in dem Städtchen Vevey am Genfer See ihren festen Wohnsitz errichteten. Wer ist diese Frau, über die der Schauspieler so voller Verehrung sprach?

 

Clara Haskil wird am 7. Januar 1895 in der rumänischen Hauptstadt Bukarest als zweite von drei Töchtern jüdischer Eltern geboren. Bereits mit drei Jahren zeigt sich ihre außerordentliche musikalische Begabung. Sie hört eine Melodie und spielt sie wenig später fehlerfrei nach. Den ersten Klavierunterricht bekommt sie von ihrer Mutter Berthe.

 

Einschneidend für ihre persönliche Entwicklung ist der frühe Tod des Vaters. Im Winter 1899 gerät die herrschaftliche Wohnung der Familie in Brand. Bei den Löscharbeiten holt sich Isaac Haskil eine Lungenentzündung, an der er bald darauf stirbt. Die Mutter ist nunmehr vollständig auf die finanzielle Unterstützung ihrer beiden Brüder angewiesen.Zuerst kommt die Hilfe vom jüngsten Bruder der Mutter, Isaac Moscuna, so dass sie ihrer fünfjährigen Tochter den Besuch des Bukarester Konservatoriums ermöglichen kann. Zwei Jahre später erlaubt ein Stipendium der rumänischen Königin Elisabeth, dass Clara ihre musikalische Ausbildung in Wien fortsetzen kann. Dort lebt der zweite Bruder der Mutter, Avram Moscuna, ein gescheiterter Arzt und eigenbrötlerischer Junggeselle, der sich seiner begabten kleinen Nichte mit viel Ehrgeiz annimmt. Er unterbindet jeden geselligen Kontakt des Mädchens zur Außenwelt und unterrichtet sie selbst im Lesen, Schreiben und Rechnen. Eine Schule wird sie nie besuchen - allein die Förderung ihrer musikalischen Karriere ist von Bedeutung. Dieser übermächtige Einfluss ihres Onkels hat zur Folge, dass Clara Haskil zeitlebens sehr schüchtern und ohne Selbstvertrauen sein wird. Ihr Können als Klavierspielerin steht jedoch außer Frage. In einer Kritik anlässlich eines Konservatoriums-Konzerts heißt es über die Neunjährige: „Ob sie Bach, Schumann oder Chopin spielt, alles lebt, ist voller Sensibilität, Anmut und Temperament. Alles ist von Grund auf erfasst, empfunden und vollendet bis ins kleinste technische Detail.“ Diese Aussage wird bestimmend für ihre ganze Laufbahn als Pianistin bleiben.

 

1905 zieht Clara mit ihrem Onkel nach Paris und bewirbt sich um ein Studium am dortigen Conservatoire – zuerst erfolglos, da viele hochbegabte Kinder um einen Platz anstehen. 1907 endlich kommt Clara Haskil in die Klasse von Alfred Cortot, ein bedeutender Klavierpädagoge und eine einflussreiche Persönlichkeit im Musikleben. Neben Klavier spielt sie auch Violine. Ihren Abschluss macht sie 1910 mit dem Premier Prix du Conservatoire. Es folgen erste erfolgreiche Konzerte in der Schweiz, Italien und Frankreich.

 

Bereits während ihres Studiums machen sich die ersten Anzeichen einer Skoliose bemerkbar. Durch diese Rückgratverkrümmung muss sie zuerst das Violinspielen aufgeben. Ab Dezember 1913 muss sie ihre Auftritte unterbrechen. Ihr Onkel Avram erkundigt sich nach Behandlungsmöglichkeiten und fasst den Entschluss, seine Nichte in einem bekannten Zentrum für Knochenerkrankungen in Berck-sur-Mer an der französischen Kanalküste unterzubringen. Dort beginnt für Clara Haskil eine unmenschliche Tortur: „Dieser Ort, der mit seinen riesigen Krankenhauskasernen als Inbegriff der Trostlosigkeit geschildert wird, war etwa hundert Kilometer von der Front entfernt (…) Die damalige Standardmethode bei der Behandlung von Rückgratverkrümmung war ebenso hart wie ineffektiv: durch ein starres Gipskorsett versuchte man, die Wirbelsäule zu begradigen. Diese Begradigung wurde gegen den natürlichen Widerstand der Rückenmuskulatur und –bänder erzwungen, und die hauptsächlichen Folgen dieses Heilverfahrens waren starke Schmerzen.“

 

Monatelang ist Clara Haskil mit dem ganzen Oberkörper in Gips eingeschlossen und kann sich nicht bewegen. Als die Schmerzen unerträglich und sie immer schwächer wird, veranlasst der Onkel endlich einen Arztwechsel. Dr. Calvé befürwortet, dass sie ein Korsett trägt, das ihr die freie Bewegung der Arme und das Klavierspielen möglich macht. Da Clara sehr menschenscheu ist, schließt sie in Berck-sur Mer kaum Freund- bzw. Bekanntschaften. Sie verbringt dort eine Zeit großer Einsamkeit und findet nur in der Musik Ablenkung. Dass sie später einer der bedeutendsten Mozart-Interpretinnen wird, sehen ihre Biografen vorwiegend darin, dass sie sich während dieses vier Jahren dauernden Sanatoriumsaufenthalts sehr intensiv mit seiner Musik beschäftigt. 1917 scheint die Skoliose endlich zu stagnieren. Clara Haskil bekommt ein Stützkorsett aus elastischem Zelluloid und kann endlich wieder kleinere Reisen unternehmen. Sie besucht ihre Mutter und Schwester in Paris. Die Mutter ist an Krebs erkrankt und stirbt in der Sylvesternacht.

 

Nachdem Clara Haskil noch eine Blinddarmoperation über sich ergehen lassen muss, scheint mit dem Ende des Ersten Weltkriegs auch für sie die schwere Zeit vorbei zu sein. Sie versucht wieder Anschluss an das Konzertleben zu bekommen. Jedoch mit sehr mäßigem Erfolg. Clara Haskil ist keine Frau, die sich gut verkauft, sie hat wenig Charisma. Sie wirkt, als wolle sie sich vor sich selbst verstecken. Sie findet jedoch immer wieder Mäzeninnen (u. a. Prinzessin Winnaretta de Polignac, die Tochter des amerikanischen Nähmaschinenfabrikanten Singer und Gönnerin vieler Künstler wie z.B. Pablo Picasso), die ihre Begabung erkennen und ihr in der Schweiz im kleinen Rahmen Auftritte verschaffen. So überbrückt sie die zwanziger und dreißiger Jahre finanziell mehr schlecht als recht. Für die praktischen Dinge des Lebens hat sie keinen Sinn, so dass ihr oft die Schwestern Lili und Jeanne unter die Arme greifen und die Dinge regeln müssen. Sie kränkelt in dieser Zeit sehr oft, klagt in ihren Briefen an Freunde und KollegInnen über Erkältungen, Atembeschwerden und Kopfschmerzen.

 

Bei Beginn des Zweiten Weltkriegs muss sie Paris verlassen. Gemeinsam mit ihrer Schwester Jeanne, einer Geigerin, findet sie erst in Marseille und dann in Cannes eine vorübergehende Bleibe. 1942 kommt eine neue schwere Krankheit zum Ausbruch. Nachdem sie immer häufiger über Kopfschmerzen geklagt hatte, kommen nun auch Sehstörungen hinzu. Mehrere Ärzte werden konsultiert, bevor endlich die Diagnose feststeht. Ein Gehirntumor. Zuerst findet sich in der freie Zone kein Arzt, der den Eingriff durchführen möchte. Schließlich kommt aus Paris ein bekannter Gehirnchirurg, der die Pianistin bereits verschiedene Male bei Konzerten erlebt hat. Der Eingriff wird unter örtlicher Betäubung durchgeführt, dauert vier Stunden, während denen sie zwischen Leben und Tod schwebt. Da der Tumor nicht bösartig war und die anschließende Behandlung komplikationslos, tritt sie – noch einen Kopfverband tragend - drei Monate danach wieder bei einer öffentlichen Veranstaltung auf. Sie spielt ihr Lieblingswerk, das Konzert in d-moll, KV 466 von Mozart, das „eine Vision von Schicksal, Leid und Tod heraufbeschwört, gegen die der Solist rebelliert.“Ende 1942 muss sie auch Südfrankreich verlassen, da der Einmarsch der deutschen Soldaten bevorsteht. Sie siedelt in die Schweiz über und erlebt hier noch einige karge Jahre. Sie ist weit über 50, als nach Ende des Zweiten Weltkriegs der große künstlerische Durchbruch für Clara Haskil kommt. Sie bekommt immer mehr Anfragen, wird in den fünfziger Jahren zur gefeierten Pianistin, die zusammen mit berühmten Dirigenten wie Rafael Kubelik oder Herbert von Karajan auftritt, unternimmt große Tourneen u.a. in die USA und zahlreiche Schallplattenaufnahmen entstehen. Die Musikwelt ist von ihrem schlichten, aber dennoch ausgereiften Spiel begeistert.

 

Immer wieder finden sich in der Presse Bemerkungen über ihr äußeres Erscheinungsbild, das die Kritiker im scharfen Gegensatz zu ihrem Spiel erleben. Der gekrümmte Rücken lässt sich nicht mehr verbergen, ihr Kopf neigt sich stark nach vorne und die Haare fallen ihr aus.

 

Dass sie auf solche Kritiken mit scharfer Ironie reagiert, zeigt ein Brief an ihre Schwester Jeanne vom Februar 1960: „Die Kritiken sind voller Begeisterung. Eine beginnt mit: ‚Die fünfundsechzigjährige Pianistin Clara Haskil, krank, gekrümmt, hat wie Klemperer und Fournier gezeigt, wie sehr der Geist über die Materie triumphieren kann.’…Sehr hübsche Sprüche, voller Feingefühl auch gegenüber Fournier, den man sofort hinken sieht. Ein Haufen Schwachköpfe!“

 

Ihr Leben findet ein sehr plötzliches Ende. Am 6. Dezember 1960 stolpert sie auf der ersten Stufe der Bahnhofstreppe in Brüssel, wo sie ein Konzert geben soll. Sie fällt mit dem Kopf auf einen Stein und wird bewusstlos. Ins Krankenhaus eingeliefert, stellen die Ärzte einen Schädelbruch und eine Gehirnblutung fest. Sie muss notoperiert werden und sechs Stunden nach dem Eingriff stirbt Clara Haskil in der ersten Stunden des 7. Dezember.

 

Ihr Leichnam wird nach Paris überführt und auf dem Friedhof Montparnasse beigesetzt.

 

 

Quellen:

http://www.koelnklavier.de/texte/interpreten/haskil.html - Wolfgang Lempfrid: Clara Haskil (Deutschlandfunk)

Monica Steegmann und Eva Rieger (Hrsg.): Frauen mit Flügel. Lebensberichte berühmter Pianistinnen. Von Clara Schumann bis Clara Haskil.  Frankfurt am Main 1996

Apropos Clara Haskil mit einem Essay von Eike Wernhard. Frankfurt am Main 1997

 


 


 

aus WeiberZeit Nr. 19/Juli 2010 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte Behinderte Frauen

Wilma Rudolph (1940-1994) - Die „schwarze Gazelle“  

 

von Anneliese Mayer

 

Wilma Rudolph.jpg

Die Paralympischen Spiele in London 2012 waren laut den Medienberichten Spiele der Superlative: SportlerInnen aus 165 Nationen nahmen teil, wobei der Frauenanteil mit 1513 (bei insgesamt 4200 AthletInnen) bisher der Höchste war, 24 Millionen Menschen verfolgten die Spiele live oder über den Bildschirm, und es hagelte einen Weltrekord nach dem anderen. Der Werbeslogan des privaten, britischen Fernsehsenders Channel 4 für diese Paralympics lautete deshalb auch: „Meet the Super-humans“. „Über-“Menschen, die durch den Sport ihre Behinderung überwinden, so wurde immer wieder hervorgehoben. (Zu den unumstrittenen Stars der 14. Paralympics gehörte Oscar Pistorius, ein beinambutierter Sprinter aus Südafrika, der sich selbst als “nichtbehindert, aber beinlos“ bezeichnet. Er hatte wenige Wochen zuvor an den Olympischen Sommerspielen als erster prothesentragender Leichtathlet teilgenommen Ein erster Schritt zur Inklusion im Spitzensport?)

 

Eine Athletin, die bereits Mitte des vorigen Jahr-hunderts demonstrierte, dass durch eisernes Training eine Behinderung zu überwinden ist, war die Afroamerikanerin Wilma Rudolph, gemäß dem selbstbewussten Motto „Yes, we can!“.

 

Wilma Glodean Rudolph wird am 23. Juni 1940 in St. Bethlehem, einer Stadt im US- Bundesstaat Tennesse als 20. von 22 Kindern geboren. Ihr Vater Ed hat vor seiner Pensionierung als Gepäckträger gearbeitet und seine zweite Frau Blanche – Wilmas Mutter - ist im Haushalt einer weißen Familie beschäftigt. Wilma ist eine Frühgeburt und wiegt 4,5 Pfund.

 

Das kleine Mädchen ist sehr anfällig für Krankheiten. Mit vier Jahren erkrankt es an einer doppelseitigen Lungenentzündung. Eine Scharlachinfektion lässt die Familie um sein Leben bangen. Daran schließt sich eine Polioinfektion an, die zu einer Lähmung des linkes Beines und Fußes führt. Wilma kann sich nur mit Krücken fortbewegen. Der Prognose der Ärzte ist, dass sie beim Gehen immer auf Hilfsmittel angewiesen sein wird. Diese Aussage wird von der Familie nicht akzeptiert. Da in Clarksville, wo die Rudolphs seit geraumer Zeit leben, aufgrund der herrschenden Rassentrennung keine adäquate medizinische Hilfe zu finden ist, fährt die Mutter mit Wilma jede Woche zweimal in das 80 km entfernte Nashville. Hier wurde Mitte des 19. Jahrhunderts – in der kurzen Zeit der Reconstruction (In der Zeit zwischen 1865-1876 wurden der schwarzen Bevölkerung der USA offiziell die Bürgerrechte zuerkannt, nachdem Abraham Lincoln als Präsident die Sklaverei abgeschafft hatte.) nach dem Bürgerkrieg - die erste private Hochschule für Afroamerikaner gegründet, die Fisk-University. Am dortigen Gesundheitszentrum wird die Kinderlähmung physiotherapeutisch behandelt. Zuhause sind alle Familienmitglieder bereit, Wilmas linkes Bein täglich mehrmals zu massieren und sie zu Übungen anzuspornen. Das Resultat ist überwältigend: Mit neun Jahren kann Wilma die Stöcke in die Ecke stellen. Nun trägt sie weitere zwei Jahre lang einen orthopädischen Schuh, der dann auch ausgedient hat, nachdem sie am Basketballspiel ihres Bruders Gefallen findet: „Wilma war elf Jahre alt, als ihr Bruder Westley einen Korbball erhielt und im Garten einen Obstkorb auf einem Pfosten montierte. Auch Wilma spielte bald begeistert Korbball. Trotz ihrer schweren orthopädischen Stiefel wich sie humpelnd und kreisend ihrem Bruder aus, drippelte halbgeduckt den Ball vor sich her und sprang in die Höhe, um ihn in den Korb zu werfen. Eines Tages zog Wilma ihre Stiefel aus und sprang barfuß unter dem Obstkorb umher. Ihrer Mutter verschlug es bei der Rückkehr von der Arbeit vor Staunen die Sprache.“

 

Das Basketballspiel wird ihre Leidenschaft. Sie spielt in der High School Mannschaft mit und kann bald erstaunliche Erfolge vorweisen. Der Leichtathletiktrainer an der Tennessee State University – Ed Temple – entdeckt die Amateurspielerin 1955, als er selbst als Schiedsrichter bei einem Match dabei ist. Er sieht, welcher Ehrgeiz in der jungen Wilma steckt und vermittelt ihr ein Sportstipendium an seiner Hochschule. Er trainiert sie zu einer herausragenden Läuferin, die sich bereits 1956 für die Olympischen Spiele in Melbourne qualifizieren kann. Dort gewinnt sie eine Bronzemedaille in der 4x100 m Staffel. 

 

Ihre sportliche Karriere muss sie für zwei Jahre unterbrechen, da sie schwanger wird. Vater ihrer 1958 geborenen Tochter ist ihr Sportskollege Robert Elbridge. Jedoch schon ein Jahr nach der Geburt findet man die 1,81 m große und sehr schlanke Frau wieder bei Wettkämpfen, z.B. bei den panamerikanischen Spielen in Chicago.1960 (Vom 18.-25. September 1960 fanden in Rom auch die ersten offiziellen paralympischen Spiele statt, an denen damals nur querschnittsgelähmte SportlerInnen teilnehmen konnten.) ist das Jahr, in dem sie von einem Erfolg zum nächsten durchstartet: Im Juli erringt sie im 200 m Lauf mit 22,9 sec. den Weltrekord. Der Höhepunkt sind die Olympischen Spiele in Rom, wo sie drei Goldmedaillen gewinnt: Die 100 Meter läuft sie in 11 Sekunden (die jedoch wegen zu starkem Rückenwind nicht als Weltrekord gewertet werden) und im 200 m Lauf ist sie ihrer Konkurrentin Jutta Heine um vier Zehntelsekunden voraus. Das dritte Gold gewinnt sie als Schlussläuferin in der 4 x 100 m Staffel. Wilma Rudolph wird über Nacht zu einem umjubelten Star. Man nennt sie von nun an aufgrund ihrer Schnelligkeit und ihrer Hautfarbe „Die schwarze Gazelle“.

 

Der Gouverneur von Tennessee möchte ihr zu Ehren eine Parade abhalten. Wilma Rudolph macht daraus ein Politikum. Sie gibt ihre Zustimmung für diese Feier ihr zur Ehren nur unter der Bedingung, dass Menschen aller Hautfarben daran teilnehmen dürfen. So geschieht es, dass bei der Parade und dem anschließenden Bankett die schwarzen und weißen Bürger der Stadt Clarksville nebeneinander stehen. Durch diese Demonstration gegen die Rassentrennung gehört Wilma Rudolph zu einem Vorbild der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die zu Beginn der sechziger Jahre immer mehr an Stärke gewinnt.

 

Ihre sportliche Karriere kann sie auch die nächsten zwei Jahre fortsetzen. In Moskau, beim ersten Länderspiel zwischen den USA und der UdSSR, erzielt sie 1961 beim 100 m Lauf mit 11,3 sec. den Weltrekord, der vier Tage später in Stuttgart auf 11,2 Sekunden verbessert wird. Zu diesem Zeitpunkt tritt sie bereits nicht mehr zu 200 m Läufen an, da es sie zu sehr anstrengt. Im September 1962 verabschiedet sie sich von der sportlichen Bühne. Der Grund ist ein operativer Eingriff (Appendektomie – Blinddarm) und eine Schwangerschaft. Sie hatte 1961 den Baseballspieler William Ward geheiratet. Die Ehe hält jedoch nur zwei Jahre. Unmittelbar nach der Scheidung von Ward folgt die Ehe mit ihrem Jugendfreund und Vater ihres ersten Kindes, von dem sie ein zweites Kind erwartet. Wilma Rudolph hat gemeinsam mit Eldridge zwei Töchter und zwei Söhne. Robert Eldridge und sie werden 1980 geschieden. 

 

Nachdem Wilma Rudolph ihren Bachelor als Grundschullehrerin gemacht hat, gibt sie viele Jahre Sportunterricht. Sie ist Basketball- und Leichtathletiktrainerin, sie kommentiert Sportsendungen im Fernsehen und tritt in Werbespots auf. Sie schreibt zwei Sportbücher und hält Vorträge. Sie gründet 1967 auf Initiative des Vizepräsidenten der USA, Hubert Humphrey, die „Wilma Rudolph Foundation“, um afroamerikanische Kinder aus Ghettos für den Sport zu begeistern. Besonders am Herzen liegt ihr die Förderung von jungen afroamerikanischen Nachwuchssportlerinnen, wie beispielsweise Florence Griffith Joyner, die, was den Goldmedaillengewinn angeht, voll in ihre Fußstapfen tritt.

 

1977 erscheint ihre Autobiografie unter dem Titel „Wilma. The Story of Wilma Rudolph“, die anschießend für das Fernsehen verfilmt wurde. Drei Jahre zuvor war sie als erste afroamerikanische Athletin in die Hall of Fame aufgenommen worden. Kurz nachdem bei Wilma Rudolph im Juli 1994 ein Hirntumor festgestellt wurde, verstarb sie am 12. November in ihrem Haus in Brentwood, einem Vorort von Nashville.

 

Quellen:

Da die deutschsprachigen Veröffentlichungen über Wilma Rudolph sehr widersprüchlich zu den englischsprachigen sind, habe ich mich vorwiegend an die letzteren gehalten, wobei ich mir wohl bewusst bin, dass sie Übertreibungen enthalten können.

en.wikipedia.org/wiki/Wilma_Rudolph 

www.lkwdpl.org/wihohio/rud-wil.htm Women in history. Living vignettes of notable women from U.S. history 

www.helloarticle.com/de Wilma Rudolph - Die „schwarze Gazelle“

Luise F. Pusch und Susanne Gretter (Hrsg): Berühmte Frauen. 300 Portraits, Frankfurt am Main 1999

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. August 2012



 


 

aus WeiberZeit Nr. 22/Dezember 2012 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen 

Rosemary Kennedy (1918-2005) 

 

von Anneliese Mayer 

 


 

Keine andere Familie verkörpert so stark den amerikanischen „way of life“ wie die Kennedys. Aus armen irischen Einwanderern wurde innerhalb von drei Generationen eine millionenschwere Familie, die die US-amerikanische Politik bis heute noch beeinflusst. Die Kennedys setzen bis in die jüngste Vergangenheit auf Stärke und Durchsetzungskraft. Ihre Schwächen haben sie immer versucht unter den Teppich zu kehren. Was dies für ein „schwaches“ Familienmitglied bedeutet, zeigt die Lebensgeschichte von Rosemary Kennedy. 

 

Am 13. September 1918 kommt das erste Mädchen in der kinderreichen Familie von Joseph und Rose Kennedy in Brookline, Massachusetts auf die Welt. Sie erhält den Taufnamen Rose Marie. In der Familie wird sie Rosie gerufen und in der Öffentlichkeit tritt sie später als Rosemary in Erscheinung. Ihr um ein Jahr älterer Bruder, John F. Kennedy, wird 42 Jahre später der 35. Präsident der USA. Mit ihren vier Schwestern und vier Brüdern wächst Rosemary in wohlhabenden Verhältnissen auf. Die Mutter ist die Tochter des Bostoner Bürgermeisters John F. Fitzgerald und ihr Mann Joseph macht als erfolgreicher Unternehmer und Finanzmagnat Karriere. Der Reichtum der Familie vermehrt sich stetig in den zwanziger Jahre durch Spekulationen, Alkoholimporte, Einstieg in das Filmgeschäft und geschicktes Taktieren während des Börsenkrachs. 

 

Ebenso wie ihre Geschwister wird Rosemary von ihrer Mutter, aber hauptsächlich von ihrem Kindermädchen erzogen. Es fällt auf, dass sie in allem etwas langsamer ist. Sie lernt später gehen, später sprechen, später alleine essen. In der Schule lernt sie sehr langsam lesen und schreiben. Alle Bemühungen, sie durch privaten Einzelunterricht zu fördern, stoßen auf die Grenzen bei Rosemary – sie hat kognitive Einschränkungen. Diese werden in der Kennedy-Familie, die sehr auf Leistung orientiert ist, ständig ignoriert. Bei den Kennedys herrscht die Lebenseinstellung: „Für Schwäche ist kein Platz – der Gedanke, dass nicht alles machbar, erreichbar ist, wenn man es nur richtig anstellt, wird nicht zugelassen. Wenn man aber nicht umhin kann, sich selbst eine Schwäche einzugestehen, so darf sie auf keinen Fall gezeigt werden.“ (Posener S. 17) Diese Grundhaltung stellt auch ihren Bruder John F. auf eine harte Bewährungsprobe – als Kind hat er häufig Schmerzen und verbringt lange Zeit immer wieder im Krankenhaus. 

 

Während die im katholischen Glauben verwurzelte Mutter ihre heranwachsende Tochter Rosemary so normal wie möglich behandelt und sie in alle Freizeitaktivitäten einbezieht, hält sich der Vater auf kühler Distanz. Rosemary ist mittlerweile 15 Jahre, eine unauffällige junge Frau. Wenn jedoch Aussenstehende mit ihr reden, merken sie, dass eine ernsthafte Unterhaltung sie überfordert. „Sie sprach wie eine Zehnjährige und war immer am Plappern.“ (Collier/Horowitz S.68) 

 

Sie besucht die Sonderschule im katholischen HeiligHerz-Kloster auf Rhode Island und schreibt Briefe an die Familie, unterstützt von den Nonnen. So bedankt sie sich in einem Brief für den Besuch des Vaters: „Lieber Daddy, ich hatte eine schöne Zeit Samstag. Ich danke Dir so sehr, dass Du gekommen bist und mich besucht hast. Sonntag hatte ich auch eine gute Zeit. Ich würde alles tun um Dich so glücklich zu machen. Ich hasse es, Dich in irgendeiner Weise zu enttäuschen. ...“ (ebd.) 

 

Von 1936-38 schreibt Rosemary Tagebuch. Sie schildert darin ihre Unternehmungen: Besuche von Tanzveranstaltungen, Nachmittage im Weißen Haus bei Präsident Roosevelt, Kleideranproben, etc. Alles Ereignisse, die das Leben einer jungen Frau aus gutem Haus ausfüllen können. Im Dezember 1937 wird ihr Vater zum amerikanischen Botschafter für Großbritannien ernannt und die Familie zieht nach London. Auch hier sieht man Rosemary bei offiziellen Anlässen: Beim Besuch der englischen Königsfamilieoder bei einer Papstaudienz im Vatikan. Der Öffentlichkeit wird mitgeteilt, dass Rosemary Kennedy als Lehrerin in einer Montessori Schule arbeiten würde und auch dort in einem Vorort von London lebt. 

 

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schickt Joseph Kennedy, der immer eine Beschwichtigungspolitik gegenüber Hitler vertreten hat, seine Frau mit den kleineren Kindern in die USA zurück – nur Rosemary lässt man vorerst noch zurück. Sie wird erst im Oktober 1940 die Reise über den Atlantik gemeinsam mit dem Vater antreten. Inzwischen hat sich die junge Frau in ihrem Wesen verändert. Sie ist aggressiv, bekommt häufig Wutausbrüche und hysterische Anfälle. Nun lässt sich eine Behinderung nicht mehr verstecken. Erklärt wird Rosemarys Verhalten mit einer verspäteten Pubertät und den damit verbundenen hormonellen Veränderungen. [Die nun nicht zu bändigenden Ausbrüche nur allein darin zu sehen, halte ich ein wenig für zu kurz gegriffen. Noch niemand hat sich Gedanken gemacht, was es wohl für eine Frau mit kognitiven Einschränkungen bedeuten kann, die in wohlbehüteten Verhältnissen aufgewachsen ist, wenn sie unvorbereitet den Krieg erlebt. Rosemary Kennedy muss noch in London gewesen sein, als die deutsche Luftwaffe im September 1940 die Stadt mit einem verheerenden Bombenhagel – genannt „The Blitz“ – überschüttete.] Eine weitere Ursache für Rosemarys Aggressionen ist die Abwehr der an sie gestellten Leistungsnachweise. „In dem Wettbewerb von Brillanz und Hartnäckigkeit aber konnte sie nicht mithalten; auch am gesellschaftlichen Leben, wie Kick und Eunice (ihre Schwestern) es führten, teilzunehmen und mit jungen Männern auszugehen, lag außerhalb ihrer Möglichkeiten. Das verwirrte und verängstigte sie.“ (Collier/Horowitz S. 127) 

 

Große Sorgen bereitet Joseph Kennedy die Vorstellung, dass seine älteste Tochter ein „ungezügeltes Sexualleben“ führen und ungewollt schwanger werden könnte. Dass er selbst und seine Söhne ständig Affären haben, gehört zu ihrer Vorstellung von Männlichkeit. Den Frauen der Familie werden sexuelle Avancen nicht gestattet. Um Rosemarys Gewaltausbrüche wieder unter Kontrolle zu bekommen, wendet sich Joseph Kennedy an einen Freund. Walter Freeman ist Neurochirurg in Washington und begeistert von einer neuen operativen Methode, die bei psychisch kranken Menschen eine Gemütsberuhigung herstellen soll. Die Lobotomie ist ein Eingriff, bei dem Nervenbahnen, welche die Stirnlappen mit dem Rest des Gehirns verbinden, durchtrennt werden. Ohne Wissen seiner Frau bringt Joseph Kennedy seine Tochter 1941 in die Klinik. Die Operation wird durchgeführt und alle positiven Voraussagen erweisen sich als unzutreffend. Rosemary ist völlig apathisch, kann nicht mehr sprechen und ist von nun an pflegeabhängig. Sie ist nun tatsächlich „geistig behindert“. Bereits damals warnten Fachleute vor dieser Hirnoperation, weil sie in vielen Fällen das Gefühlsempfinden der Patientinnen und Patienten zerstört und abstraktes Denken praktisch vernichtet wird. 

 

Anfangs wird Rosemary noch in eine Klinik in New York gebracht. Als sich jedoch herausstellt, dass keine Besserung ihres körperlichen und geistigen Zustandes zu erwarten ist, wird sie endgültig von der Familie Kennedy abgeschoben. Bis zu ihrem Tod wird sie in einem Pflegeheim in Wisconsin leben. Die offizielle Verlautbarung für die Öffentlichkeit besagt anfangs, dass Rosemary als Lehrerin an der katholischen Privatschule St. Coletta (in dessen Kloster sie tatsächlich 57 Jahre gepflegt wird) tätig sei. Später erklärt ihr Bruder als Präsident, sie sei an einer Gehirnhautentzündung erkrankt und lebe in der Klinik. Die Lobotomie wird jahrzehntelang verschwiegen. Während der Zeit ihres Heimaufenthalts wird sie nur selten besucht: Die Mutter und die Schwester schauen hin und wieder vorbei, die Brüder selten - der Vater nie. 

 

Am 7. Januar 2005 stirbt Rosemary Kennedy im Alter von 86 Jahren. 

 

Noch zu Rosemarys Lebzeiten zeigt sich die Ironie des Schicksals: Joseph Kennedy, der sportliche und erfolgreiche Selfmade-Man, bekommt im Dezember 1961 mit 73 Jahren einen schweren Schlaganfall. Er ist nunmehr auf Pflege angewiesen, kann nicht mehr artikuliert sprechen und sitzt im Rollstuhl. Er verschwindet genauso wie seine Tochter aus der Öffentlichkeit. Man sieht ihn weder auf der Beerdigung seines ermordeten Sohnes John F. 1963 noch auf der seines ebenfalls ermordeten Sohnes Robert fünf Jahre später. Auch seine Frau Rose bekommt mit 93 Jahren einen Schlaganfall. Sie wird noch 11 Jahre in „geistiger Umnachtung“, aber bei bester Pflege auf dem Familiensitz der Kennedys in Hyannis Port leben. 

 

Rosemarys Schwestern Eunice und Jean scheinen das soziale Gewissen des Kennedy-Clans zu sein. Eunice Kennedy Shriver lud 1962 geistig behinderte Kinder und Erwachsene zu einem Sommercamp ein und gab damit den Startschuss für die Special Olympic World Games, die erstmals 1968 in Chicago stattfanden. Und Jean Kennedy Smith, die Jüngste und einzig noch lebende Schwester von Rosemary gründete „Very Special Arts“, eine NonProfit-Organisation, die die künstlerische Begabung behinderter Kindern fördern soll. 


 

Quellen: 

Peter Collier/David Horowitz: Die Kennedys – Ein amerikanisches Drama. Berlin 1985 

Alan Posener: John F. Kennedy. Rororo Monographie. Reinbek bei Hamburg 1991 

Jeanne Rubner: Das Mädchen Rosemary. Die verschwundene Kennedy-Schwester. In: Süddeutsche Zeitung vom 11. Mai 2009 

https://www.jfklibrary.org

http://en.wikipedia.org/wiki/Rosemary_Kennedy 

 


 


 

aus WeiberZeit Nr. 23/Februar 2013 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Unica Zürn (1916-1970)

 

von Anneliese Mayer

 

Unica Zürn, Schriftstellerin - Familie Zürn

Sie war 1959 auf der documenta II mit ihren Zeichnungen vertreten. 1967 wurden ihre Bilder und Zeichnungen neben den Werken ihres Lebensgefährten Hans Bellmer in Hannover ausgestellt. Aber keiner nahm sie als eigenständige Persönlichkeit und als Künstlerin richtig wahr. Das änderte sich auch nach ihrem Tode nicht – zumindest in Deutschland, wo sie die ersten zwei Drittel ihres Lebens verbrachte. Sie hat es von ihrem Wesen her nicht verstanden, sich in den Mittelpunkt zu stellen. Ihre Kunst wurde nicht von anderen hervorgehoben. Damit hat sie eine große Gemeinschaft mit den Frauen der Surrealisten, deren Produktionen bis auf wenige Ausnahmen (Meret Oppenheim) keine große Bedeutung in der Kunstgeschichte einnehmen. Und Unica Zürn zählt auf jeden Fall zu den Surrealisten, und war auch auf deren letzter Ausstellung „Exposition du internationale surréalisme“ in Paris zu sehen, die im gleichen Jahr wie die documenta II stattfand.

 

Ich selbst hatte sie in den letzten Dezembertagen des Jahres 2009 entdeckt, als ich in Heidelberg die temporäre Ausstellung „Surrealismus und Wahnsinn“ in der Sammlung Prinzhorn besuchte.

 

„Indem ich alle Hoffnung auf Wärme aufgebe, morde ich die Kälte.“

 

Nora Berta Ruth Zürn wurde mitten im Ersten Weltkrieg, am 6. Juli 1916, in Berlin geboren. In ihrer Erzählung „Dunkler Frühling“, die sie 1967 schreibt, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Da ist der über alles geliebte Vater. „Sie (ist) voller Vertrauen für alles, was vom Mann kommt“ (Zürn 1982, S. 173). Doch dieser Mann ist ein idealisierter Vater. Er glänzt durch Abwesenheit. Tatsächlich war Ralph Zürn von 1902 bis 1904 Kolonialoffizier in Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia), hatte sich 1910 von seiner ersten Frau scheiden lassen und 1913 Helene Pauline Heerdt geheiratet – Ruths Mutter. Nach dem ersten Weltkrieg arbeitete er als Journalist und Kleinverleger. 

 

Zu der Mutter findet sie keinen Zugang. So beschreibt die inzwischen über 50 jährige Unica Zürn in der distanzierten dritten Person ein damaliges Erlebnis mit der Mutter:  „An einem langen Sonntagmorgen kriecht sie zu ihrer Mutter ins Bett und erschreckt sich vor diesem großen, dicken Körper, der seine Schönheit schon verloren hat. Die unbefriedigte Frau überfällt das kleine Mädchen mit offenem, feuchten Mund, aus dem sich eine nackte Zunge herausbewegt, lang wie das Objekt, das ihr Bruder mit der Hose verhüllt.

 

Entsetzt stürzt sie aus dem Bett und fühlt sich tief gekränkt. Eine tiefe und unüberwindliche Abneigung vor der Mutter und der Frau entsteht in ihr. Sie weiß nicht, dass die Ehe der Eltern ein Versagen ist, sie ahnt es jedoch.“ (Zürn 1982 S. 174 f) (1930 lassen sich die Eltern scheiden).

 

Auch dem zwei Jahre älteren Bruder kann sie nur Hass und Verachtung entgegenbringen. Er hat sie vergewaltigt. Es ist leicht vorstellbar, dass die Erlebnisse aus ihrer Kindheit, die Ursache für die Ambivalenz sind, die Unica Zürn mit ihrer Rolle als Frau hatte. Rückblickend wird sie erkennen:  „Das männliche Wesen ist mir so unbegreiflich wie das weibliche Wesen. Kein Weg dorthin, keine Möglichkeit für mich. Ich kann mich dort nicht anfreunden. Welche schreckliche Scham mich ergreift, wenn ich das Männliche oder das Weibliche in mir entdecke.“ 

 

„Wie wohl wäre mir, könnte ich etwas sein, was weder Mann noch Frau sich nennen würde. Vielleicht würde ich  dann zu mir kommen? Ich habe meines Wissens weder vom Mann noch von der Frau zuviel bekommen, jedoch genug um es als hinderlich zu empfinden. Meine zeitweisen Bemühungen, weder das eine noch das andere zu sein, führten zu keinem Ergebnis.“ (Das Weiße mit dem roten Punkt. „In großer Angst geschrieben am 24. Februar 1959“ In: Unica Zürn: Der Mann im Jasmin. Dunkler Frühling) (Zürn 1982, S. 132 und 133)

 

So kommt es, dass die kleine Ruth oft allein ist und sich in eine Phantasiewelt einspinnt, die bevölkert wird von den Helden aus Büchern und aus dem Kino. Auch diese Helden sind männlich: Kapitän Nemo aus Jules Vernes Abenteuerroman „20000 Meilen unter dem Meer“ oder Douglas Fairbanks in dem Film „Der Dieb vom Bagdad“. Im Haus in Berlin-Grunewald, in dem sie die ersten zwölf Jahre ihres Lebens verbringt, kann sie durch dessen exotische Innenausstattung ihre Traumwelt noch ausgestalten.  Die zwölf Zimmer sind mit arabischen Möbeln und golddurchwirkten chinesischen Teppichen eingerichtet. Ein indischer Buddha findet ebenso seinen Platz wie  „seidene Gewänder, die ihr Vater aus dem Orient mitgebracht hat.“ (Zürn 1982, S. 179 f)

 

Ruth Zürn besucht das Gymnasium, bricht aber mit 16 Jahren ab und macht eine kaufmännische Lehre. Sie beginnt bei der UFA zu arbeiten, zuerst als Stenotypistin und ab Mitte der Dreißiger Jahre als Dramaturgin und Drehbuchschreiberin für Werbefilme. 

 

Mit 26 Jahren heiratet sie den Kaufmann Erich Laupenmühlen, ein Jahr darauf kommt ihre Tochter Katrin auf die Welt. Im letzten Kriegsjahr wird ihr Sohn Christian geboren. Ihre Ehe wird jedoch nach sieben Jahren geschieden und Laupenmühlen bekommt das Sorgerecht für die Kinder zugesprochen. Sie muss wieder ihren eigenen Unterhalt verdienen und schafft dies durch Kurzgeschichten, die in Berliner Zeitungen veröffentlicht werden und durch Hörspiele. Die ersten filigranen Zeichnungen entstehen, sicherlich angeregt durch den Maler und Schauspieler Alexander Camaro, mit dem sie eine kurze Affäre hat.

 

„Und dieser Wahnsinn ist meine einzige Stärke.“

 

1953 lernt sie den Künstler Hans Bellmer kennen, der sich gerade in Berlin aufhält. Bellmer lebt seit 15 Jahren in Paris und verkehrt in den Kreisen der Surrealisten. „Die Puppe“, die er Mitte der Dreißiger Jahre geschaffen hat, gilt als sein Hauptwerk. Er nimmt weibliche Schaufensterpuppen, zergliedert sie und setzt sie neu zusammen, wobei die sexuelle Komponente im Vordergrund steht. Angeblich hat Bellmer in Unica Zürn die lebendige Puppe gesehen. Tatsächlich kann man viel von einer Puppe in ihrem Aussehen und Wesen finden: Sie ist hübsch und grazil, schweigsam und verletzlich.

 

Unica, so nennt sich Ruth Zürn inzwischen. Unica von Unikat – Die Einzelanfertigung? Unika ist jedoch das Plural von Unikum. Also mehrere Einzigartige, mehrere Originale? 

 

Von Bellmer wird sie motiviert Anagramme zu schreiben. 1954 erscheinen die „Hexentexte“ als erste Veröffentlichung (In der Erzählung „Der Mann im Jasmin“ erklärt Unica Zürn selbst das Anagramm: „(Anagramme sind Worte und Sätze, die durch  Umstellen der Buchstaben eines Wortes oder eines Satzes entstanden sind. Nur die gegebenen Buchstaben sind verwendbar und keine anderen dürfen zur Hilfe gerufen werden. Das Finden von Anagrammen gehört zu ihren intensivsten Beschäftigungen.)“ (Zürn 1982, S. 18)

 

Hans Bellmer und Unica Zürn leben gemeinsam in sehr beengten und bescheidenen Verhältnissen in Paris. Dass sie sich gegenseitig in ihren künstlerischen Tätigkeiten beeinflussen, ist unbestritten. Ihre Beziehung ist jedoch sehr geprägt von intensiver Anziehung und Versuchen ihrerseits, sich von dem älteren Mann zu trennen. Hat Bellmer die Tendenz, seine Freundin zum Objekt zu machen? Erschreckend sind die Fotos, die die nackte Unica, mit einem Drahtseil verschnürt zeigen, die den Körper jede Lebendigkeit entzieht. Eine abstrakte Anhäufung von Wülsten.

 

Ende der fünfziger Jahre beginnt Unica Zürn ihre ersten Erzählungen zu schreiben. „Les Jeux à deux“ und „Das Haus der Krankheiten“ sind ebenso wie alle ihre weiteren Texte im Stil des „écriture automatique“ verfasst, eine für die Surrealisten charakteristische Schreibweise („Auf die dichterische Tätigkeit bezogen, steht die ‚écriture automatique‘ für den Anspruch, Kreativität aus den Tiefen des Unterbewusstseins, aus Traum und Halluzination zu speisen, gleichzeitig aber die rationalen Kräfte soweit  als möglich auszuschalten.“ In: Cathrin Klingsöhr-Leroy: Surrealismus. Taschen, Köln 2004)

 

In dieser Zeit beginnt auch ihr Wahnsinn. In „Der Mann im Jasmin“ beschreibt Unica Zürn den Verlauf ihrer Krankheiten und benennt ihre „Verrücktheiten“, z. B. die Obsession für die Zahl 9 oder die Fantasie über das Monogramm H.M. Im Herbst 1960 hält sie sich nach einer erneuten Trennung von Bellmer in Berlin auf. Wegen ihres auffälligen Verhaltens (sie randaliert in der Pension, wird obdachlos, zahlt Dienstleistungen nicht) wird sie zuerst verhaftet und anschließend in die psychiatrische Klinik „Karl-Bonhoeffer-Heilstätten“ in Berlin-Wittenau eingeliefert, wo sie ein halbes Jahr verbringt. Die Diagnose lautet „Paranoide Schizophrenie“. Mit einer beeindruckend klaren Selbstbeobachtungsgabe schreibt sie über ihren Wahn, verfolgt zu werden: „Für einen Augenblick kommt sie auf den Gedanken, dass dieser Versuch der Hypnose auf Entfernung, dessen Medium sie geworden ist, bekannt gemacht wurde, ja – dass es vielleicht in allen Städten Menschen gibt, die davon wissen, und dass man über den Erfolg berichtet. Hier erscheint zum ersten Mal der Größenwahnsinn, das sehr angenehme Gefühl, sich im Mittelpunkt zu befinden, ein Eindruck, der ihr bisher vollkommen unbekannt war, denn sie gehört eher zu den schüchternen Menschen, die sich gerne im Hintergrund halten.“ (Zürn 1982, S. 33)

 

Im März 1961 kommt sie nach Paris zurück, aber bereits im September ist ein erneuerter psychiatrischer Klinikaufenthalt notwendig. Während der Unterbringung in Sainte-Anne zeichnet sie sehr viel. So wechseln sich die folgenden Jahre ab zwischen sommerlichen  Aufenthalten mit Bellmer in Ermenonville oder in dessen neuen Wohnung und längeren Klinikunterbringungen. Unica Zürn wird auch zunehmend depressiv und bekommt starke Psychopharmaka. 

 

Im Frühjahr 1967 wird ihre Erzählung „Der Mann im Jasmin“ fertig. „Der Mann im Jasmin“, ist der weiße (weise?) Mann, der oft in ihren Texten auftaucht, der Beschützer, der gelähmte Mann.

 

Im September 1969 erleidet Bellmer einen Schlaganfall, der eine Halbseitenlähmung zur Folge hat. Eine endgültige Trennung scheint sich anzubahnen. Unica Zürn kommt in die Klinik Maison Blanche in Neuilly-sur-Marne – wieder raus - wieder rein – wieder raus. Ihre inzwischen verheiratete Tochter kommt oft zu Besuch. Im April 1970 kommt ein Trennungsbrief von Hans Bellmer, im Mai wird Unica Zürn in eine offene psychiatrische Klinik überwiesen. Ihr Zustand scheint sich zu bessern. Am 18. Oktober wird sie entlassen und geht in die Wohnung von Bellmer. Am Tag darauf geschieht das, was sie am Ende von „Dunkler Frühling“ prophezeit hat.  „Sie steigt auf das Fensterbrett, hält sich an der Schnur des Fensterladens fest und betrachtet noch einmal ihr schattenhaftes Bild im Spiegel. Sie findet sich reizend und eine Spur von Bedauern mischt sich in ihre Entschlossenheit. ‚Vorbei’ sagt sie leise und fühlt sich schon tot, ehe sie mit den Füßen das Fensterbrett verlässt. Sie fällt auf den Kopf und bricht sich den Hals.“ (Zürn 1982 S. 203)

 

Der Mann im Jasmin“ trägt den Untertitel „Eindrücke aus einer Geisteskrankheit“. Neben der genauen Selbstbeobachtung beeindruckt diese autobiografische Erzählung durch die Schilderung der Abläufe in einer psychiatrischen „Heilanstalt“ und einfühlsamen Beschreibung der Mitpatientinnen. Ich halte diese Texte für eine Pflichtlektüre für die Ex-In- Gruppen.

 

Zwei Anagramme von Unica Zürn:

Hinter dieser reinen Stirne 

 

Hinter dieser reinen Stirne
redet ein Herr, reist ein Sinn,
irrt ein Stern in seine Herde,
rennt ein seid’ner Stier. Hier
der Reiter Hintersinn, seine 
Nester hinter Indien – Irr-See –
Irr-Sinn, heiter – Ente der
drei Tinten-Herrn – reisen sie
– ein Hindernis! – Retter seiner
Dinten-Herrn – Ist es eine Irre?
Ich weiss nicht, wie man die Liebe macht

 

Wie ich weiss, „macht“ man die Liebe nicht.
Sie weint bei einem Wachslicht im Dach.
Ach, sie waechst im Lichten, im Winde bei 
Nacht. Sie wacht im weichen Bilde, im Eis
des Niemals, im Bitten: wache wie ich. Ich
weiss, wie ich macht man die Liebe nicht.

 

Verwendete Literatur:

Unica Zürn: Der Mann im Jasmin/Eindrücke aus einer Geisteskrankheit. Dunkler Frühling, Ullstein-Verlag. Frankfurt/Main – München – Wien 1982

Eva-Maria Alves: Unica Zürn. In WahnsinnsFrauen. Dritter Band. Herausgegeben von Sibylle Duda und Luise F. Pusch. Suhrkamp Taschenbuch. Frankfurt am Main 1999

Ruth Henry: DIE EINZIGE. Begegnung mit Unica Zürn. Edition Nautilus, Hamburg 2007

Karoline Hille: Spiele der Frauen.  Künstlerinnen im Surrealismus. Belser-Verlag, Stuttgart 2009

 


 


 

aus WeiberZeit Nr. 26-27/Februar 2015 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Elizabeth Barrett Browning (1806 -1861) 

 

von Anneliese Mayer

 

Sie galt bereits zu ihren Lebzeiten als bedeutendste Dichterin Englands. Mehrmals wurde sie für den Poet Laureate (Die erste Frau, die die Auszeichnung  des Hofdichters in Großbritannien bekam ist Carol Ann Duffy. Seit 2009 darf die Lyrikerin den Titel für zehn Jahre tragen. Duffy ist lesbisch) vorgeschlagen - diese Ernennung zum Hofdichter bekamen jedoch immer nur männliche Poeten. Ihr reger Briefwechsel inspirierte Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts zu Erzählungen und Romanen, in denen ihr Hund oder ihre Dienerin die Protagonisten sind: Von Virginia Woolf erschien 1933 eine Erzählung über den Cockerspaniel Flush und Margaret Forster widmete Lilly Wilson einen Roman. Dreh- und Angelpunkt sowohl von Flush als auch von Lilly Wilson ist jedoch immer ihre Herrin: Elizabeth Barrett Browning. Elisabeth Barrett wurde am 6. März 1806 als erstes von elf Kindern des wohlhabenden Geschäftsmanns Edward Moulton Barrett und seiner Frau Mary Graham-Clarke geboren. Ihr Vater war 1792 als kleiner Junge aus Jamaika, wo die Familie riesige Zuckerrohrplantagen besaß und dem Geschäft des Sklavenhandels nachging, nach England ins Internat geschickt worden. Er kehrte nie mehr in die Karibik zurück. Elizabeth verbringt die ersten beiden Lebensjahre in Coxhoe Hall bei Durham, einem vornehmen Landhaus im Nordosten Englands, bevor die Familie in die Grafschaft Herefortshire umzieht. Edward Moulton Barrett hat hier einen kleinen Palast bauen lassen. Hier verlebt Elizabeth ihre Kindheit und Jugend gemeinsam mit ihren zwei Schwestern Arabel und Henrietta und ihren acht Brüdern.

 

„Schon als kleines Mädchen trug sie das Bestimmerhütchen, war laut, entschlossen und trotzig, warf die Stühle um, wenn es nicht nach ihrem Willen ging, stiefelte sie im Park durch das Gestrüpp und herrschte über ihre Kindermädchen und die jüngeren Geschwister. Daß sie trotzdem geliebt wurde, lag an ihrer unterhaltsamen Phantasie und ihrem koboldhaften Charme.“(S. 19) (aus: Elsemarie Meltzke: Eine Liebe in Florenz, ebenso wie alle weiteren Zitate). Das junge Mädchen ist sehr aufgeweckt und blitzgescheit. Mit vier Jahren kann sie bereits lesen, mit sechs entstehen die ersten Gedichte und mit zehn schreibt sie Dramen. Sie bekommt jedoch keine ihrem Intellekt und ihrer Begabung entsprechende Förderung, kann jedoch an den Unterrichtsstunden für ihren nächst älteren Bruder Edward „Bro“ teilnehmen, was sie voller Begeisterung tut. Sie lernt die Sprachen Griechisch, Latein, Italienisch und Deutsch und interessiert sich für Philosophie und Geschichte. 1820 lässt der stolze Vater ihr erstes längeres Werk in Blankversen für den Privatgebrauch drucken. Es trägt den Titel: „Die Schlacht von Marathon“.

 

Als Jugendliche stürzt die leidenschaftliche Reiterin vom Pferd. Die Folgen sind Magenkrämpfe, Kopf- und Rückenschmerzen, die ihr das Sitzen und Gehen erschweren. Die Ärzte gehen von einer Rückgratverletzung aus. Die Symptome sind jedoch nach einiger Zeit wieder verschwunden. Sie kann sich wieder bewegen, ermüdet jedoch sehr schnell. Sie charakterisiert sich selbst später so: „Ich gehöre zu der Sorte schwacher Frauen, deren Seele nicht immer Gewalt über den Körper hat, Frauen, die in hysterische Zustände verfallen, wenn stattdessen Tatkraft und Widerstand gefordert sind.“ (S. 24) Es scheint jedoch nicht nur ein zerrüttetes Nervensystem zu sein, was sie körperlich schwächt, sondern Beschwerden, die sich im Laufe der Jahre zeigen, wie Husten, Schwäche und blutiger Auswurf, deuten eher auf eine Tuberkulose hin. (Virginia Woolf geht von einer Blutung im Gehirn aus. Männliche Autoren unterstellen Elizabeth Barrett dagegen eine Hypochondrie.)

 

Der Familiensitz „Hope End“ muss 1832 verkauft werden, da die Geschäfte Einbußen erlitten haben, seitdem die Sklaverei in Großbritannien abgeschafft ist. Zuerst erfolgt ein Umzug nach Sidmouth an der Ärmelkanalküste und drei Jahre später nach London in die Wimpole Street Nr. 50. Sie ist mittlerweile 34 Jahre, als sie sich in Begleitung ihres Lieblingsbruders nach Torquay an die englische Riviera zu einem Genesungsaufenthalt begibt. Auf tragische Weise kommt Bro bei einem Segelausflug ums Leben. Elizabeth gibt sich die Schuld an dem Unfall, da sie „eigennützig“ eine frühere Rückkehr des Bruders nach London verhindert hätte. Der autoritäre Vater, welcher auch als „Donnergott“ bezeichnet wird, beorderte seinen ältesten Sohn nach London, nachdem es einen Todesfall in der Familie gegeben hatte. Elizabeth erhob Einspruch dagegen – sie wollte den Sommer in Torquay weiter mit Bro genießen.

 

Dessen Tod stürzt sie in eine tiefe Depression. „Monatelang lag sie fiebrig und gelähmt in ihrem Zimmer, konnte nicht weinen, nicht essen und der Schlaf kam nur nach vielen Tropfen Laudanum. Im Wachen litt sie unter Halluzinationen bis zum Rand des Wahnsinns.“ (S.31) Elizabeth Barrett, die „Einsiedlerin in der Wimpole Street“ ist inzwischen prominent. Ihre Gedichte sind veröffentlicht und finden breite Anerkennung. Nur noch selten verlässt sie ihr abgedunkeltes Zimmer. Sie empfängt ihre Besucher auf dem Sofa liegend. Um die Schmerzen zu bekämpfen, nimmt sie täglich Morphium und wird die Dosis mit der Zeit immer mehr erhöhen, was sie zu einer Süchtigen macht. Eine befreundete Schriftstellerin schenkt ihr einen jungen Hund – Flush -, der sie ein wenig von ihren Grübeleien ablenken und ihr wieder Lebensfreude schenken soll. Dies gelingt jedoch einem anderen. Im Januar 1845 kommt der erste Brief von Robert Browning bei ihr an. Browning ist ebenfalls Dichter, sechs Jahre jünger als sie und drückt darin seine Bewunderung für ihre Werke aus. Er möchte sie unbedingt kennenlernen – sie hält ihn noch hin. Dann endlich im Mai steht er in ihrem Zimmer, und es beginnt eine wunderbare Liebesromanze, deren Stadien Elizabeth in ihren „Sonnets from the Portuguese“ niederschreiben wird. Robert Browning wird ihr von nun an jede Woche einen Besuch abstatten. Insgesamt werden in ersten zwanzig Monaten ihrer Bekanntschaft 572 Briefe gewechselt.

 

Elizabeth’s Vater und die Brüder dürfen von der sich anbahnenden Liebesbeziehung nichts erfahren. Der „Donnergott“ hat seinen Kindern verboten, jemals zu heiraten. Er befürchtet, dass bei deren Nachkommen eventuell das afrikanische „Blut“ durchkommen könnte, dass durch die Nebenbuhlerschaft seiner Vorfahren mit den Sklavinnen und Sklaven auf Jamaika verursacht wurde, was gegen seine hohen moralischen und religiösen Werte verstoßen hätte. Alle, die gegen das Heiratsverbot verstoßen, werden vom Vater enterbt und er kehrt sich von ihnen ab. Diesen Weg muss auch seine älteste Tochter gehen, da sie sich ein Leben ohne Robert Browning nicht mehr vorstellen kann. Am 12. September 1846 heiraten die beiden heimlich in der Kirche am Regent’s Park. Nur die Schwestern und Lily Wilson, die Zofe, sind eingeweiht. Wenige Tage vor der Hochzeit gibt es noch große Aufregung, da Flush entführt wird. Erst durch ein hohes Lösegeld bekommt Elizabeth ihren Hund wieder zurück. (Ingesamt wurde Flush dreimal entführt und durch eine Summe von insgesamt 20 Pfund freigekauft. Im Vergleich: Lily Wilson verdiente im Jahr 16 Pfund.)

 

Eine Woche nach ihrer Hochzeit verlässt Elizabeth gemeinsam mit Lily und Flush unbemerkt das Haus an der Wimpole Street, besteigt eine Kutsche und nachdem Robert dazu stößt, beginnt ein mehrwöchige Reise nach Italien, die über Paris und Avignon führt. Die Brownings wollen in Italien eine neue Heimat finden. Da Elizabeth durch das Vermächtnis einer Tante im Jahr über 350 Pfund verfügt, muss sich das Paar finanziell nicht einschränken. Ihr erster Aufenthaltsort ist Pisa, wo sie die milden Wintermonate verbringen und die Sonne und das fröhliche Leben genießen können. Elizabeth schlendert nun am Arm ihres Mannes durch die Gassen und wenn sie müde wird, bestellen sie eine Sänfte oder er trägt seine kleine, zierliche, dunkelhaarige Frau ein Stück auf den Armen. Dabei sieht sie jedoch keineswegs als Frau, die der männlichen Tatkraft bedürftig ist, wie wir aus einem ihrer Briefe erfahren, in dem sie Männer verurteilt, die „weibliche Schwäche ausnutzen, ja sie geradezu übertreiben, um sich in ihrem männlichen Schutz wichtig zu tun. Ich kenne viele Frauen, die diese männliche Neigung ermutigen, in dem sie ihre Schwäche herausstellen, und in meinen Augen ist dies ein schändliches Verhalten – auf beiden Seiten.“ (S. 100)

 

Im Frühjahr ziehen sie nach Florenz um und nach einigem Wohnungswechsel finden sie in sieben Räumen im Piano Nobile im hochherrschaftlichen Palazzo Casa Guidi eine feste Bleibe – umgeben von einer englischen Künstlergemeinde. Nachdem Elizabeth Barrett Browning drei Fehlgeburten erleidet, bringt sie dort am 9.März 1849 einen Sohn auf die Welt. Er wird auf den Namen „Wiedeman“ getauft, nach dem Mädchennamen von Roberts geliebter Mutter, die kurz vorher in London gestorben ist. Sein Rufname wird aber Pen oder italienisch Penini. Eine Amme und ein Kindermädchen versorgen das Kind. Die Mutter legt Wert darauf, dass ihr Sprössling so lange wie möglich geschlechtsneutral erzogen wird. Die Familie ist im Laufe der Jahre viel unterwegs. Reisen nach London, Paris und Rom, aber auch in die Bäder von Lucca stehen auf dem Programm. In London werden hauptsächlich die Gedichte von Elizabeth editiert, u.a. „Casa Guidi Windows“, welches die politischen Umwälzungen in Italien thematisiert und der Versroman „Aurora Leigh“, der sich sehr kritisch mit dem Frauenbild der Viktorianischen Zeit auseinandersetzt und zeigt, dass die Hauptfigur sowohl ihre Erfüllung als Künstlerin als auch als Geliebte und Ehefrau finden und miteinander vereinbaren kann.

 

1856 erscheinen die bereits erwähnten „Sonnets from the Portuguese“, eine Sammlung von Liebesgedichten. (Die Sammlung wurde 1908 von Rainer Maria Rilke übersetzt und trägt im Deutschen den Titel „Sonette nach dem Portugiesischen“.) Robert Browning hat seiner Frau den Kosenamen „kleine Portugiesin“ gegeben, aufgrund ihrer dunklen Haarfarbe und ihrer dunklen Augen. Sie selbst beschreibt ihr Aussehen so: “klein und schwarz wie Sappho, fünf Fuß, ein Inch groß (1,55 m) keine nennenswerte Nase, ganz sicher kein Überfluß an Nase vorhanden, dafür ein Mund, der zu einer umfangreicheren Person passte – und, oh, ein sehr, sehr schwaches Stimmchen, schwarze Haare, dunkler Teint, kleines Gesicht etcetera.“ (S. 14 )

 

Die harmonische Ehe, die das Dichterpaar führt, wird auf die Probe gestellt, als sich Elizabeth dem Spiritismus zuwendet. Mitte des 19. Jahrhunderts eine Modeerscheinung in den besseren Gesellschaftskreisen, nimmt Elizabeth mit Hingabe an Seancen teil, wenn die Geister Verstorbener gerufen werden und Tische sich verrücken. Ihr Mann hat dafür kein Verständnis und sieht darin nur Scharlatanerie. Besonders von den Darbietungen des Amerikaners Daniel Dunglas Hume, der sich als Medium großer Publizität erfreut, ist er angeekelt. Überhaupt hat der Demokrat Robert wenig Verständnis für die Bewunderung, die seine Frau den großen Männern ihrer Zeit entgegen bringt, z.B. für Kaiser Napoleon III. Ebenso kommt es zu Auseinandersetzungen, wenn es um die Erziehung von Penini geht. Dem Laissezfaire-Stil der Mutter möchte er die Vermittlung von lebensnahen Fertigkeiten entgegensetzen.

 

Elizabeth Barrett Browning’s Gesundheitszustand ist stark von den klimatischen Bedingungen abhängig. Wahrscheinlich führt der häufige Ortswechsel auch dazu, dass sie sich immer schwächer fühlt und die Symptome der Lungenerkrankung sich verstärken. Sie ist mittlerweile 55 Jahre, als sie sich im Sommer 1861 bei einem Durchzug erkältet und die ganze Nacht hustet. Der herbeigerufene Arzt stellt Wasser im rechten Lungenflügel fest. Elizabeth stirbt am 29. Juni in den Armen ihres Mannes in ihrer Wohnung. Sie wird auf dem englischen Friedhof in Florenz beigesetzt. Robert Browning kehrt mit seinem Sohn nach London zurück.

 

Das Gedicht “How do I love thee” ist das bekannteste Liebesgedicht vonElizabeth Barrett Browning:

 

How do I love thee

How do I love thee? Let me count the ways.
I love thee to the depth an breadth and heigh
My soul can reach, when feeling out of sight
For the ends of Being and ideal Grace.
I love thee to the level of everyday*s
Most quiet need, by sun and candlelight.
I love thee freely, as men strive for Right;
I love thee purely as they turn from Praise.
I love thee with the passion put to use
In my old griefs, and with my childhood’s faith.
I love thee with a love seemed to lose
With my lost saints, - I love thee with the breath 
Smiles, tears, of all my life! – and if God choose,
I shall but love thee better after death.

 

Wie ich dich liebe

Wie ich dich liebe? Laß mich zählen wie.
Ich liebe dich so tief, so hoch, so weit,
als meine Seele blindlings reicht, wenn sie 
ihr Dasein abfühlt und die Ewigkeit.
Ich liebe dich bis zu dem stillsten Stand,
den jeder Tag erreicht im Lampenschein
oder in Sonne. Frei, im Recht, und rein
wie jene, die vom Ruhm sich abgewandt.
Mit aller Leidenschaft der Leidenszeit
und mit der Kindheit Kraft, die fort war, seit
ich meine Heiligen nicht mehr geliebt.
Mit allem Lächeln, aller Tränennot
und allem Atem. Und wenn Gott es giebt,
will ich dich besser lieben nach dem Tod.
(Übersetzung von Rainer Maria Rilke)

 

Verwendete Literatur:

Elizabeth Barrett Browning: Selected Poems. Edited by Collin Graham. London 1998

Margaret Forster: Die Dienerin. Roman, Frankfurt am Main 1996

Elsemarie Maletzke: Eine Liebe in Florenz. Elizabeth Barett und Robert Browning. Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main 2011

Virginia Woolf: Flush. Eine Biographie. Fischer Taschenbuch. Frankfurt am Main. 4. Auflage, April 2004

 


 


 

aus WeiberZeit Nr. 28/Oktober 2015 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Harriet Martineau (1802 – 1876) 

 

von Anneliese Mayer

 

Es ist mir ein Rätsel, weshalb ihre (Auto-)Biografie nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Auch ihre zahlreichen Beiträge zur Nationalökonomie und ihre Bücher sind heute in deutscher Sprache nicht mehr vorzufinden(Zwischen 1834 und 1858 wurden unmittelbar nach dem Erscheinen einige ihrer Bücher ins Französische und Deutsche übersetzt, z. B. „Erläuterungen zur Staatswirtschaftslehre“ 1834 und „Die Gesellschaft und das sociale Leben in Amerika“ 1838) - bis auf eine Ausnahme. Seit 2013 wird zwar eine Sammlung ihrer Aufsätze unter dem Titel. „Ich bin eine Radikale und als solche bekannt“ von einem kleinen deutschen Verlag angekündigt. Dieses Buch ist jedoch bis dato nicht erschienen. Dabei gilt sie als erste Soziologin.

 

Harriet Martineau wird am 12. Juni 1802 als sechstes von acht Kindern in der ostenglischen Kleinstadt Norwich geboren. Norwich ist in dieser Zeit für seine Webereien und dem Handel mit Stoffen bekannt. Von daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Harriets Vater, Thomas Martineau, ein angesehener und wohlhabender Textilfabrikant ist, der eine Tochter aus gutem Haus, Elizabeth Rankin, geheiratet hat. Der Großvater väterlicherseits war als Hugenotte aus Frankreich geflohen und hatte in England eine neue Heimat gefunden.

 

In ihrer Autobiografie beschreibt Harriet ihre Kindheit als sehr schwer. Ihr Geruchs- und Geschmackssinn ist stark eingeschränkt und im Alter von 12 beginnt ihre Schwerhörigkeit, die sich mit den Jahren verstärken wird. Als Hilfsmittel benutzt sie ein Hörrohr. Das Verhältnis Harriets zu ihrer Mutter ist sehr angespannt. Sie scheint eine distanzierte, auf gutes Benehmen und Äußerlichkeiten Wert legende Frau zu sein, die ihren Kindern mit Gefühlskälte begegnet. Die Kinder werden von einer Gouvernante versorgt, die dem Alkohol nicht abgeneigt ist. Auf der einen Seite wird viel Wert auf die Bildung der Kinder gelegt, auf der anderen Seite wird darauf geachtet, dass die Mädchen Fähigkeiten erlernen, die typisch weiblich sind. So bekommt Harriet zwar die gleiche Schulbildung, erlernt fünf Sprachen (Griechisch, Latein, Italienisch, Französisch und Deutsch) und ist sehr belesen, jedoch ist ihr der Besuch einer Höheren Schule(Das änderte sich erst 1848 mit der Gründung des Queens College und das Bedford College in London) im Gegensatz zu ihren Brüdern verwehrt. Sie soll nun statt dem Schreibstift die Nähnadel in die Hand nehmen.

 

Der Stift wird jedoch ihr Arbeitsgerät, und so verdient sie zukünftig mit dem Schreiben ihren Lebensunterhalt. 1821 erscheinen – noch anonymisiert - ihre ersten Artikel im „Monthly Repository“. Insgesamt wird sie über 100 Artikel in diesem Periodikum der Unitarier (Anhänger einer freien, pantheistisch und humanistisch ausgerichteten Religionsgemeinschaft) veröffentlichen.

 

Harriet hat eine sehr enge Beziehung zu ihrem Bruder James, mit dem sie ihre Gedanken austauscht und der sie auch bei ihren späteren Veröffentlichungen unterstützt.

 

Mit 24 Jahren verlobt sie sich mit einem Studienfreund von James, hat jedoch Bedenken, ob eine traditionelle Ehe der richtige Weg für sie ist. Dieser Konflikt löst sich jedoch von selbst. Ihr Verlobter stirbt nach einer Erkrankung. „Als junge Frau mit feministischen Neigungen erkannte sie, dass ihr Wunsch zu schreiben und sich in den öffentlichen Diskurs über alle möglichen Themen einzumischen im Kontext von Ehe und Mutterschaft nicht erfüllt werden könnte. Jahre später äußerte sie die Meinung, dass sie ‚die glücklichste unverheiratete Frau Englands’ sei.“ (Hoecker-Drysdale, Susan, S. 33)

 

Ihr erstes großes Projekt startet sie mit der Reihe „Illustrations of Political Economy“. Es erscheint zuerst im Februar 1832 in einer Auflage von 1500 Exemplaren, was sich auf 10000 erhöhen wird. Sie beschäftigt sich darin mit den Gesetzen des freien Marktes nach Adam Smith ebenso wie mit den Prinzipien der Politischen Ökonomie von Produktion, Konsum etc. Dabei ist es ihr wichtig, in einer allgemein verständlichen Sprache zu schreiben, da sie beabsichtigt, mit ihren Ausführungen nicht nur eine bestimmte gesellschaftliche Schicht anzusprechen, „weil wir sicher sind, dass alle Schichten die gleiche Beziehung zur Wissenschaft haben, und wir fürchten, dass sie dem Großteil der einen Schicht ebenso wenig vertraut ist wie der anderen.“ (Hoecker-Drysdale, Susan, S. 34) Auch die Theorien über die Bevölkerungspolitik, die Thomas Malthus entwickelt hat, finden weitgehend ihre Zustimmung. Sie plädiert für sexuelle Enthaltsamkeit und späte Heirat.

 

Nach Abschluss dieses Projekts begibt sie sich 1834 auf eine Reise nach Amerika, die zwei Jahre dauern wird. Die Beobachtungen, Gespräche und Erkenntnisse, die sie bei ihrer Reise durch die Staaten gewinnt, finden sich in ihren beiden wohl bekanntesten Büchern „Society of Amerika“ und „How to Observe Morals and Manners“. In ihrer (soziologischen) Erforschung des Lebens in Amerika stellt sie einen Vergleich zwischen den Normen, Werten und Regeln der amerikanischen Gesellschaft und dem realen Leben an – also einen Vergleich zwischen Theorie und Praxis. Ihre Methoden sind heute in der Wissenschaft anerkannt: Feldforschung, teilnehmende Beobachtung, Interviews. Sie reist nicht allein. Als Begleiterin und Forschungsassistentin hat sie Louisa Jeffrey dabei, die ihre Schwerhörigkeit kompensiert.

 

Bereits 1832 war Harriet Martineau nach London umgezogen. Nun findet sie schnell Zugang zu den intellektuellen Kreisen. Zu ihren Bekannten zählen u.a. George Eliot, Elizabeth Barrett Browning, Thomas Malthus, John Stewart Mill und Charles Darwin. Zwischen Darwins Bruder Erasmus und ihr scheint sich ein Liebesverhältnis anzubahnen, dass jedoch von Darwin Senior unterbunden wird, da er keine Radikale als Schwiegertochter haben möchte. In einem Brief an Charles Darwin hat seine Schwester, die Harriet und ihre Schriften sehr bewunderte, sie als „große Londoner Gesellschaftslöwin“ bezeichnet. Ihr großes Engagement gegen die Unterdrückung von Frauen, ihr Einsatz für die Mädchenbildung und für die Abschaffung der Sklaverei ist allen bekannt. In John Stewart Mill hat sie dabei einen unbeugsamen Mitstreiter.

 

1839 befindet sich Harriet auf einer Reise durch Italien, als sie schwer erkrankt. Sie kehrt nach England zurück und ihr Schwager, ein angesehener Arzt, diagnostiziert bei ihr einen Unterleibstumor. Er prognostiziert ihr noch eine Lebenserwartung von fünf Jahren. Sie wird anfangs von ihrer Mutter und dann von einer Pflegerin versorgt. Zur Linderung ihrer Schmerzen nimmt sie Opiate. Aber während dieser Zeit ist sie nicht untätig. Sie schreibt Kinderbücher und das weit unterschätzte Buch „Life in the Sickroom“. Hier thematisiert sie das Arzt – Patienten –Verhältnis und verweist darauf, dass die Patientin oder der Patient niemals die Kontrolle über ihr Leben (oder ihre Krankheit) abgeben darf. Sie vertritt damit eine Position, die erst über 100 Jahre später mit dem Begriff „Der mündige Patient“ Zugang in die medizinische Wissenschaft finden wird. Die Kritiken, die sie für dieses Buch bekommt, sind deshalb auch niederschmetternd. Der Tenor lautet: „Eine kranke Person kann kein gesundes Buch schreiben“.

 

Übrigens widmet Harriet Martineau „Life in the Sickroom“ Elizabeth Barrett (siehe letzte Ausgabe der WeiberZEIT).

 

Die Prognose, die ihre Lebenserwartung auf fünf Jahre festlegte, bewahrheitet sich nicht. Dass es ihr wieder besser geht, glaubt sie einer alternativen Heilmethode zu verdanken: dem Mesmerismus (Von Anton Mesmer im 16. Jahrhundert entwickelte Behandlung mit Handauflegen und Hypnosetechniken. Auch als „animalischer Magnetismus“ bezeichnet, wird davon ausgegangen, dass eine dem Elektromagnetismus ähnliche Kraft auch zwischen Heiler und Patient bestünde. Mesmer hat seine umstrittene Methode selbst bei der blinden Komponistin Maria Theresia von Paradis angewendet). Diese Methode wird gerade von ärztlicher Seite mit großer Skepsis betrachtet, und Harriet verteidigt sie in ihren „Letters on Mesmerism“, einer Artikelserie, in denen sie ihre Erfahrungen und die Behandlungserfolge schildert. Damit löst sie eine heftige öffentliche Diskussion aus. Ob tatsächlich der Mesmerismus ihr den Heilerfolg brachte, ist heute schwer zu beantworten. Jedenfalls lässt Harriet, die sich wieder bei Kräften fühlt, für sich 1845 ein eigenes Haus in Ambleside im nordenglischen Lake District bauen, dem sie den Namen „The Knoll“ gibt. 

 

Inzwischen ist sie fast ganz gehörlos geworden. Das hindert sie jedoch nicht, weiterhin Reisen zu unternehmen. Sie ist sowohl in England und Irland unterwegs, als auch im Nahen Osten. Mit Freunden reist sie sieben Monate durch Syrien, Palästina und Ägypten. Dabei beschäftigt sie sich mit den drei großen Religionen. In dem Buch „Eastern Life, Present and Past“ vertritt sie die Meinung, dass Judentum, Christentum und Islam aus der ägyptischen Religion entstanden sind. Sie glaubt an den Fortschritt des Glaubens und dass er immer neue Formen annimmt, so dass er sich letztendlich zum Humanismus entwickelt hat.

 

Zurück in Ambleside gibt sie im Winter Kurse für Arbeiter und betreibt eine kleine Landwirtschaft. Und da sie immer noch Berufsschriftstellerin ist, veröffentlicht sie weiterhin: Romane, Reiseschilderungen, Essays und regelmäßig Leitartikel für die Londoner Zeitung „Daily News“. Sie schreibt aber auch für Charles Dickens Wochenmagazin „Household Words“. Hier befasst sie sich neben dem Frauenthema mit dem Thema „Invalide“ (damals die Bezeichnung für Behinderte). 1853 erscheint ihre freie Übertragung von Auguste Comtes (Auguste Comte gilt offiziell als Begründer der Soziologie. Er war vier Jahre älter als Harriet Martineau) „Cours de philosophie positive“ ins Englische.

 

1856 bekommt sie vermeintliche Herzbeschwerden, die befürchten lassen, dass der Unterleibstumor doch noch vorhanden ist und wächst. Sie wird von ihren beiden Nichten Maria und Jenny gepflegt. Nach zehn Jahren muss sie das Schreiben aufgeben. Sie beendet noch ihre Autobiografie, die auf ihren Wunsch hin erst nach ihrem Tod veröffentlicht wird. Weiterhin ist sie eine Frau, die politischen Einfluss nimmt. Sie unterzeichnet beispielsweise eine Petition an das Londoner Parlament, in der das Frauenwahlrecht gefordert wird.

 

Es ist nicht der Tumor, an dem Harriet Martineau im Alter von 74 Jahren am 27. Juni 1876 bei sich zuhause stirbt, sondern eine Bronchitis.

 

 

Quellen:

Susan Hoecker-Drysdale: Harriet Martineau 1802 – 1876 Kritische Sozialforschung: Theorie und Praxis. In: Claudia Honegger und Theresa Wobbe (Hrsg.): Frauen in der Soziologie. Neun Porträts. Becksche Reiche. München 1998

https//en.wikipedia.org/wiki//Harriet_Martineau

https//de.wikipedia.org(wiki/Harriet_Martineau

 


 


 

aus WeiberZeit Nr. 29/Dezember 2015 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Virginia Woolf (1882-1941)

 

von Anneliese Mayer

 

Sie zählt zu den berühmtesten und einflussreichsten englischen Schriftstellerinnen der Moderne. Sie hat zahlreiche Briefe geschrieben, führte über Jahrzehnte hinweg Tagebuch und hatte einen nicht unbedeutenden Freundes- und Bekanntenkreis, so dass ihre zahlreichen Biografinnen und Biografen auf einen reichen Fundus zurückgreifen konnten. Nicht zuletzt sind es einige ihrer Romane und Erzählungen, durch die sie uns in verschlüsselter Form Einblicke in ihre Familie, in ihr Erleben, ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihre Stimmungen und in ihre Phantasien ermöglichte.

 

Adeline Virginia Stephen – so der Mädchenname von Virginia Woolf – ist am 25. Januar 1882 in einer Familie geboren, die wir heute als Patchwork-Familie bezeichnen. Ihre Mutter Julia hatte bereits drei Kinder: George, Stella und Gerald Duckworth. 1870 starb ihr erster Mann plötzlich an einer Blinddarmentzündung, und nach einer langen Trauerphase heiratete sie den Literaten und Biografen Leslie Stephen, der ebenfalls vor einigen Jahren seine Frau verloren hatte. Aus Leslies erster Ehe stammt die geistig behinderte Tochter Laura. Julia brachte ihre ersten Kinder in einem Abstand von einem Jahr auf die Welt, wie es damals üblich war. Auch in der zweiten Ehe kommen die Kinder in rascher Folge: Vanessa (1879), Thoby (1880), Virginia (1882) und Adrian (1883). Die Stephens leben zusammen mit neun Bediensteten in einem stattlichen Haus im Londoner Stadtteil Kensington. Virginia Woolf hat die Mitglieder der Familie in ihren Erinnerungen ausführlich beschrieben: Die Mutter, eine außergewöhnlich schöne Frau, von einer „eigenartigen Strenge“, die sich um das Wohlergehen anderer sorgte und immer hilfsbereit war, „einer Königin gleich, die den schmutzigen Fuß eines Bettlers aus dem Straßenkot aufhebt und ihn wäscht.“ (Zum Leuchtturm, S. 13).

 

Damit entspricht Julia Stephen vollkommen dem weiblichen Ideal des viktorianischen Zeitalters. Anders dagegen Virginias Vater, ein hochintellektueller und vielbelesener Mann, jedoch leicht reizbar. Mit zunehmendem Alter und fast ohne Gehör, entwickelt er tyrannische Züge. Bei ihren Geschwistern sind es besonders Vanessa und Thoby, zu denen sie, Virginia, sich stark hingezogen fühlt, während Adrian, der Liebling der Mutter, ihre Aufmerksamkeit kaum findet, ebenso wie die zwölf Jahre ältere Halbschwester Laura.

 

Laura, die Störende, ist auch auf keinem Familienfoto zu finden.

In ihrer frühen Kindheit hat Virginia ein Erlebnis, dass sie auch noch fünfzig Jahre später beschäftigt und entrüstet:

„Ich muß mich meines eigenen Körpers geschämt oder mich vor ihm gefürchtet haben. Eine weitere Erinnerung (…) hilft vielleicht, das zu erklären. Vor der Eßzimmertür gab es eine Konsole zum Abstellen des Geschirrs. Einmal, als ich noch sehr klein war, hob Gerald Duckworth mich darauf und begann, während ich dort saß, meinen Körper zu erforschen. Ich kann mich an das Gefühl seiner Hand erinnern, die sich unter meine Kleider schob, entschlossen und stetig tiefer vordrang. Ich erinnere mich, wie ich hoffte, er würde aufhören; wie ich mich versteifte und mich wand, als seine Hand sich meinen Geschlechtsteilen näherte. Aber er hörte nicht auf. Seine Hand erforschte auch meine Geschlechtsteile. Ich erinnere mich, daß es mir widerstrebte, daß ich es nicht mochte – wie lautet das Wort für ein so dumpfes und zwiespältiges Gefühl? Es muß intensiv gewesen sein, da ich mich noch immer daran erinnere. Es scheint zu beweisen, daß ein Gefühl bezüglich bestimmter Teile des Körpers; daß sie nicht berührt werden dürfen, daß es falsch ist, sie berühren zu lassen; instinktiv sein muß.“ (S. 129 f)1.

 

Sie wird von ihrem Halbbruder Gerald, der zum Zeitpunkt des Geschehens etwa 17 oder 18 Jahre alt gewesen sein dürfte, sexuell missbraucht und kann sich nicht dagegen wehren. Sie fühlt, dass ihr großes Unrecht angetan wurde und sie dem Ganzen ohnmächtig gegenübersteht. Eine ähnliche Situation wird sich wiederholen, nachdem ihre Mutter gestorben ist und George, der Älteste, sich in der Rolle sieht, seine jugendlichen Schwestern in die Gesellschaft einführen zu müssen. “Der Schlaf hatte mich fast eingeholt. Das Zimmer war dunkel. Das Haus still.

 

Dann ging, verstohlen knarrend, die Tür auf; mit vorsichtigen Schritten kam jemand herein. ‚Wer ist da?‘ rief ich. ‚Hab keine Angst‘, flüsterte George. ‚Und mach das Licht nicht an, oh Liebste, Liebste -‘ und er warf sich auf mein Bett und nahm mich in seine Arme. Ja, die Damen von Kensington und Belgrave ahnten nicht, daß George Duckworth nicht nur Vater und Mutter, Bruder und Schwester für diese armen Stephen-Mädchen war; er war auch ihr Liebhaber.“ (S. 66f). Von den männlichen Biografen werden diese sexuellen Übergriffe verharmlost, in dem sie kundtun, dass „die plumpen erotischen Tätschelversuche ihrer beiden Duckworth-Halbbrüder hatten sie eher verschreckt und verlegen gemacht denn aufgebaut“ (Spater/Parsons, S. 43f).

 

Wie verlief nun die Kindheit und Jugend von Virginia Stephen – abgesehen von diesen einschneidenden Erlebnissen? Da sind die unbeschwerten Sommermonate in St. Ives, die Kricketspiele, das Halb-Junge sein und das Bäumeklettern. Da sind in London die vielen berühmten Gäste, die zum Diner kommen und der Privatunterricht durch die Eltern - später wird sie bedauern, keine Schule besucht zu haben und keine gleichaltrigen Schulkameradinnen und Freundinnen da waren, während die Brüder ab einem gewissen Alter auf Internate geschickt wurden und Elite-Colleges und -Universitäten besuchten. Da sind aber auch Ereignisse, die sie beklemmen und ihr das Gefühl geben, wie von der „vorschlaghammerartigen Kraft des Schocks“ (S. 134) gelähmt zu werden. Dazu gehört das plötzliche Innehalten bei einer Balgerei mit dem Bruder, als ihr bewusst wird, wie sie ihm Schmerz zufügen kann oder das Erschrecken über den Selbstmord des Nachbarn. Dazu gehört aber auch das Grauen, „als der schwachsinnige Junge mit ausgestreckter Hand auf mich zusprang, wimmernd, mit rotgeränderten Augen“ (S. 142) und das sie hilflos macht.

 

Virginia ist dreizehn, als die Mutter stirbt. Es tauchen erstmals die Symptome auf, die sie zeitlebens bei Niedergeschlagenheit begleiten: Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen. Ihre Halbschwester Stella, die anfangs die Hausfrauenrolle übernimmt, stirbt zwei Jahre später. Virginia und Vanessa müssen sich nun allein um den fast tauben und sich selbst bemitleidenden Vater kümmern. Leslie Stephen, der an Darmkrebs erkrankt ist, stirbt 1904. Für seine Töchter ist es fast wie eine Befreiung. Im Frühjahr unternehmen die Stephangeschwister eine Reise nach Italien und suchen sich danach eine neue Bleibe. Sie finden ein Haus im Londoner Stadtteil Bloomsbury, einem Künstlerviertel.

 

Massive Schuldgefühle darüber, dem Vater gegenüber nicht gerecht gewesen zu sein, aber auch die anstehenden Veränderungen lösen bei Virginia eine Psychose aus. Sie verfällt in Halluzinationen, hört Stimmen, u.a. vom regierenden König Edward VII, der Obszönitäten in ihrem Garten von sich gebe und nimmt den Gesang der Vögel als griechischen Chor wahr. Nur mit Mühe kann man sie dazu bringen, Nahrung zu sich zu nehmen. Schließlich stürzt sie sich aus dem Fenster des Hauses einer mütterlichen Freundin, bei der sie diese krisenhafte Zeit verbringt. Den Sturz überlebt sie unbeschadet, da das Zimmer im Erdgeschoß liegt. Im Herbst geht es Virginia besser. Sie beginnt regelmäßig für den Guardian zu schreiben. Zudem hält sie wöchentlich einen Vortrag über Literatur am Morley College, einer Abendschule für Werktätige. Ihr neues Heim öffnet sich für die Studienkollegen ihres Bruders Thoby und dessen Freund Lytton Strachey und so trifft sich jede Woche der später als Bloomsbury-Group bekannt gewordene Gesprächszirkel, zu dem neben anderen die Maler Roger Fry und Duncan Grant, der Schriftsteller E.M. Forster und der Wirtschaftstheoretiker John Maynard Keynes gehören. Anfangs sind Virginia und Vanessa, die inzwischen an der Kunstakademie studiert hat und Malerin wird, die einzigen weiblichen Mitglieder.2 In ihren Diskussionen greift die Gruppe Themen auf, die bislang in ihren Kreisen ein Tabu waren, so auch das Thema Sexualität und hier besonders das der Homosexualität, da die Meisten aus der Gruppe schwul sind.1906 unternehmen die Geschwister eine gemeinsame Reise nach Griechenland und in die Türkei, bei der Thoby an Typhus erkrankt und im Spätherbst stirbt. Vanessa heiratet im Jahr darauf ein Mitglied der Bloomsbury-Group – den Kunstkritiker Clive Bell, und Virginia und Adrian übersiedeln in ein anderes Haus. Zwischen den beiden kommt es oft zum Streit, da ihre Auffassungen weit auseinandergehen. Sie unternehmen jedoch gemeinsame Reisen.

 

Von Freunden wird Virginia gedrängt zu heiraten und bekommt von ihnen entsprechende Anträge, die sie jedoch ablehnt. Einem Heiratsangebot gegenüber zeigt sie sich jedoch offen: Es kommt von dem nach sieben Jahren aus dem Kolonialdienst in Ceylon zurückgekehrten, ein Jahr älteren Leonard Woolf, der gemeinsam mit Thoby am Trinity College in Cambrigde studiert hat. Dort hatte sie ihn bereits vor Jahren kennengelernt: „Ich war natürlich erfüllt von tiefsten Interesse für diesen heftigen, zitternden3, menschenfeindlichen Juden, der der Zivilisation bereits die Faust gezeigt hatte und kurz davorstand, in die Tropen zu verschwinden, so daß keiner von uns ihn je wiedersehen würde.“ (S. 78) Es ist für Virginia sicherlich nicht die große Liebe, aber sie ahnt, dass sie in Leonard einen verlässlichen Partner findet, der ihr auch Halt geben wird. Am 16. August 1912 heiraten sie und brechen zu einer zweimonatigen Hochzeitsreise in den Süden auf.

 

Virginia Woolf steht kurz davor, ihren ersten Roman zu veröffentlichen, als sich wieder die ersten Anzeichen ihrer Krankheit zeigen. Es kommt zu starken Stimmungsschwankungen und sie hat abwechselnd manische Phasen, um nach einiger Zeit in tiefste Depressionen zu fallen. Sie kommt für einige Wochen in die Privatklinik Burley Park für geisteskranke Frauen im Süden Londons. Dort bessert sich ihr Zustand nicht. „Nachdem Leonard sie jedoch abgeholt und an den Brunswick Square (ihre Wohnung, A.M.) gebracht hatte, verschlimmerte sich ihr Zustand rapide. Mit einer Überdosis Veronal versuchte sie sich am 9. September 1913 ihrem Leben ein Ende zu machen. Eine dramatische Rettungsaktion setzte ein (…). Als sie nach zwei Tagen das Bewusstsein wiedererlangt hatte und ganz allmählich wieder zu Kräften kam, setzten die Wahnvorstellungen wieder ein.“ (Wiggershaus, S.60 f). Es werden vier Krankenschwestern eingestellt, die sie Tag und Nacht bewachen und versuchen, auf ihre Wutanfälle, Delirien und Aggressionen beruhigend zu wirken. Über die Ursache dieses heftigen psychischen Zusammenbruchs kurz nach der Heirat, gibt es unterschiedliche Spekulationen: Zum einem wird vermutet, dass für sie die sexuelle Nähe und der Beischlaf keine Befriedigung war. Auch wurde ihr von den Ärzten dringend abgeraten aufgrund ihrer psychischen Labilität Kinder zu bekommen. Zum anderen werden Gründe angeführt, wie die Unsicherheit über die Resonanz auf ihren ersten Roman „Die Fahrt hinaus“, dessen Erscheinen immer wieder hinausgeschoben wurde. Auch Kriegsangst dürfte eine Rolle gespielt haben.

 

Erst nach zwei Jahren lassen die manisch-depressiven Symptome nach. Leonard hat inzwischen eine neue Wohnung gesucht – das Hogarth House in Richmond – und eine Druckerpresse gekauft. So beginnen sie gemeinsam ihren eigenen Verlag aufzubauen, die Hogarth Press. Leonard achtet sehr genau darauf, dass seine Frau einen geregelten Tagesablauf einhält. Vormittags schreibt sie an ihren Erzählungen, Romanen, Essays oder Buchbesprechungen und am Nachmittag arbeitet sie mit ihm an der Handdruckmaschine, fügt die Setztypen ein oder bindet die Broschüren - feinmotorische Tätigkeiten, die Leonard aufgrund des Zitterns seiner Hände nicht ausführen kann. Am Abend treffen sie sich mit Freunden und Bekannten und nehmen regen Anteil am künstlerischen Leben in London nach dem Ersten Weltkrieg. In den zwanziger Jahren veröffentlicht Virginia Woolf mehrere Romane, die durchwegs hervorragende Kritiken bekommen. Sie verlässt die herkömmliche Erzählstruktur und fängt die Gefühle und Gedanken der im Mittelpunkt stehenden Personen durch innere Monologe und Stimmungsbeschreibungen des äußeren Umfelds ein, wie z.B. in „Mrs. Dalloway.“ Welche Bedeutung das Schreiben für sie hat, wird aus den Einträgen in ihr Tagebuch ersichtlich, wenn sie etwa vermerkt, dass die Melancholie abnehme, wenn sie schreibt, oder ihr „Eichhörnchenkäfiggeist sich nicht mehr dauern im Kreis dreht“. (VW, Das große Lesebuch, S. 252)

 

1922 lernt Virginia die lebensfrohe Vita Sackville-West kennen und kann sich der Bewunderung für deren adligem Umfeld und ihrem unkonventionellen Lebensstil nicht entziehen. Sie begegnen sich immer wieder und 1925 kommt es zu einer Liebesbeziehung zwischen den beiden, die jedoch von kurzer Dauer ist, denn Vita stellt fest, dass Virginia Menschen „eher mit dem Kopf als mit dem Herzen“ liebe. (zit. nach Wiggershaus, S. 110) kennen. Diese Affäre inspiriert Virginia jedoch zu ihrem bekanntesten Roman: „Orlando“.

 

Ein Erfolg nach dem anderen stellt sich ein. Sie hält Vorträge an Mädchen-Colleges, in denen sie die mangelnden Bildungsmöglichkeiten von Mädchen und Frauen anprangert und sie tut dies mit einer Portion Spott über die Gelehrtenwelt der Männer. Aber es kommen immer wieder Phasen, in denen sie Selbstzweifel befallen und sie niedergeschlagen ist, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit sie plagen. Die Woolfs haben ein Haus in Rodmell in Sussex gekauft und in der ländlichen Umgebung findet Virginia in den Sommermonaten Ruhe, Erholung und Muße zum Schreiben. Nach Ausbruch des 2. Weltkriegs ziehen sie sich fast ganz dorthin zurück. London wird einem Bombenhagel durch die Deutschen ausgesetzt. Bei Leonard und Virginia nehmen die Ängste zu, es könnte zu einer Invasion der Deutschen kommen, und Leonard ist sich klar darüber, was es für ihn als Juden bedeuten würde, in die Hände der Faschisten zu fallen. Sie beschließen, gemeinsam Selbstmord zu begehen, sollte es soweit kommen und besorgen sich Morphium. Der Winter 1940/1941 ist besonders kalt und die Rationierungen haben bereits begonnen. Virginias Nerven sind aufs Höchste angespannt; ihr letzter Roman hat keine guten Kritiken erhalten, viele Freunde sind in den letzten Jahren gestorben, das gesellschaftliche Leben ist zum Stillstand gekommen, bereits die Faust gezeigt hatte und kurz davorstand, in die Tropen zu verschwinden, so daß keiner von uns ihn je wiedersehen würde.“ (S. 78) Es ist für Virginia sicherlich nicht die große Liebe, aber sie ahnt, dass sie in Leonard einen verlässlichen Partner findet, der ihr auch Halt geben wird. Am 16. August 1912 heiraten sie und brechen zu einer zweimonatigen Hochzeitsreise in den Süden auf.

 

Virginia Woolf steht kurz davor, ihren ersten Roman zu veröffentlichen, als sich wieder die ersten Anzeichen ihrer Krankheit zeigen. Es kommt zu starken Stimmungsschwankungen und sie hat abwechselnd manische Phasen, um nach einiger Zeit in tiefste Depressionen zu fallen. Sie kommt für einige Wochen in die Privatklinik Burley Park für geisteskranke Frauen im Süden Londons. Dort bessert sich ihr Zustand nicht. „Nachdem Leonard sie jedoch abgeholt und an den Brunswick Square (ihre Wohnung, A.M.) gebracht hatte, verschlimmerte sich ihr Zustand rapide. Mit einer Überdosis Veronal versuchte sie sich am 9. September 1913 ihrem Leben ein Ende zu machen. Eine dramatische Rettungsaktion setzte ein (…). Als sie nach zwei Tagen das Bewusstsein wiedererlangt hatte und ganz allmählich wieder zu Kräften kam, setzten die Wahnvorstellungen wieder ein.“ (Wiggershaus, S.60 f). Es werden vier Krankenschwestern eingestellt, die sie Tag und Nacht bewachen und versuchen, auf ihre Wutanfälle, Delirien und Aggressionen beruhigend zu wirken. Über die Ursache dieses heftigen psychischen Zusammenbruchs kurz nach der Heirat, gibt es unterschiedliche Spekulationen: Zum einem wird vermutet, dass für sie die sexuelle Nähe und der Beischlaf keine Befriedigung war. Auch wurde ihr von den Ärzten dringend abgeraten aufgrund ihrer psychischen Labilität Kinder zu bekommen. Zum anderen werden Gründe angeführt, wie die Unsicherheit über die Resonanz auf ihren ersten Roman „Die Fahrt hinaus“, dessen Erscheinen immer wieder hinausgeschoben wurde. Auch Kriegsangst dürfte eine Rolle gespielt haben.

 

Erst nach zwei Jahren lassen die manisch-depressiven Symptome nach. Leonard hat inzwischen eine neue Wohnung gesucht – das Hogarth House in Richmond – und eine Druckerpresse gekauft. So beginnen sie gemeinsam ihren eigenen Verlag aufzubauen, die Hogarth Press. Leonard achtet sehr genau darauf, dass seine Frau einen geregelten Tagesablauf einhält. Vormittags schreibt sie an ihren Erzählungen, Romanen, Essays oder Buchbesprechungen und am Nachmittag arbeitet sie mit ihm an der Handdruckmaschine, fügt die Setztypen ein oder bindet die Broschüren - feinmotorische Tätigkeiten, die Leonard aufgrund des Zitterns seiner da sie praktisch kaum noch nach London kommen und die Zukunft lässt nichts Gutes erwarten. In dieser Situation befürchtet Virginia erneut in eine tiefe Krise zu fallen, wie sie sie vor und zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatte. Sie schreibt am 28. März 1941 einen Abschiedsbrief an Leonard, kleidet sich an, verlässt Monk‘s House und spaziert zum Fluss Ouse. Dort legt sie ihren Stock nieder, nimmt einen schweren Stein auf, schiebt ihn in ihre Manteltasche und geht langsam ins Wasser4. Ihre Leiche wird abgetrieben und erst zwei Wochen später gefunden.

 

„Es ist sehr gefährlich, auch nur einen Tag lang zu leben!“, eine Feststellung, die Mrs. Dalloway in dem gleichnamigen Film von Marleen Gorris äußert, mag auch Virginia Woolfs Einstellung zum Leben gewesen sein. Dieser Gefährlichkeit konnte und wollte sie sich – im Gegensatz zu Mrs. Dalloway – nicht länger aussetzen.

 

 

Anmerkungen:

1 Zitate soweit nicht anders gekennzeichnet sind aus „Augenblicke des Daseins“

2 Später kommt Dora Carrington dazu, die sich als feministische Malerin einen Namen macht.

3 Leonard hatte ein nervöses Zittern beider Hände.

4 In der Eingangsszene des Films „The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ von Stephan Daldry ist dieser wahrscheinliche Ablauf eindrücklich darstellt. Virginia Woolf wird von Nicole Kidman gespielt. („The Hours“ war der ursprüngliche Arbeitstitel des Romans „Mrs. Dalloway“)

 

 

Quellen:

Nigel Nicolson: Virginia Woolf. Claassen-Verlag. München 2000

George Spater und Ian Parsons: Porträt einer ungewöhnlichen Ehe. Virginia und Leonard Woolf. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 2002. Überarbeitete Neuauflage

Renate Wiggershaus: Virginia Woolf. dtv-portrait. Deutscher Taschenbuch Verlag., München 2006

 

 


 


 

aus WeiberZeit Nr. 32/Oktober 2017 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Jane Bowles (1917-1973)

 

von Anneliese Mayer

 

Ein Bild, das Strichzeichnung enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

„Als wir auf der Reede von Gibraltar lagen, lernte ich Pauls Frau Jane kennen, die ich für die beste Romanschriftstellerin halte, die es in den Staaten gibt. Sie werden diese meine Überzeugung für völlig abwegig betrachten, doch ich muß an ihr festhalten. Jane Bowles‘ Arbeiten, die mich noch mehr ansprechen als die von Carson McCullers, zeichneten sich durch eine einmalige Sensibilität aus. Und sie war eine bezaubernde junge Frau, voller Humor und menschlicher Wärme, mit sonderbar rührenden kleinen Anfällen von Panik – die ich zutiefst für ‚Theater‘ hielt, bis ich feststellte, daß sie durchaus echt waren. Womit ich nicht sagen will – da sei Gott vor -, daß Theater nicht zuweilen durchaus echt sein könnte.“ 
(Tennessee Williams, S. 202)

 

Tennessee Williams erinnert sich in seinen Memoiren an zwei amerikanische Schriftstellerinnen, die in diesem Jahr im Februar 100 geworden wären: Jane Bowles und Carson McCullers - beide behindert. Während Jane Bowles fast in Vergessenheit geraten ist, wurden die Person und das Werk von McCullers ausgiebig in den Medien gewürdigt. Da Jane Bowles lediglich einen Roman, zwei Romanfragmente, ein Theaterstück und einige Kurzgeschichten hinterlassen hat, kann sie mit ihrer Kollegin nicht mithalten. Dass Tennessee Williams1 sie für „die beste Romanschriftstellerin“ hielt, mag daran liegen, dass es neben einer langen Freundschaft zwischen ihnen Gemeinsamkeiten gab: Die Homosexualität, die Alkoholabhängigkeit und der Aufenthalt in einer psychiatrischen Einrichtung.

 

Am 22. Februar 1917 kommt in Manhattan ein kleines Mädchen auf die Welt. Es ist die Tochter von Sidney Major Auer und seiner Frau Claire Stajer, die Kinder von österreich-ungarischen und deutschen Einwandern und Juden sind. Sidney hat ein kleines Geschäft, dass Hemden herstellt und arbeitet nach dessen Bankrott in den zwanziger Jahren als Versicherungsvertreter mit eigenem Büro. Das Mädchen bekommt den Namen Jane.

 

Über die Kindheit von Jane ist wenig bekannt. Ihre Biografin Millicent Dillon, stützt sich auf die Erinnerungen von drei Personen, mit denen Jane ihre Kindheit verbringt, ihre Cousine Mary Jane Shour, ihr Cousin Robert Saltzer und ihre Jugendfreundin Miriam Fligelman Levy, die sie in Long Island kennenlernt, wohin die Familie Auer 1928 in ein Eckhaus zieht. Jane hat von Kindheit an eine Gehbehinderung, die von allen drei unterschiedlich wahrgenommen wird. Während ihre Cousine ein wenig eifersüchtig auf Janes Humpeln ist, weil es ihr „mehr Pep verlieh“, sieht Miriam, dass „die kleine Jane, die ein Bein nachzog und ab und zu einen ‚komischen kleinen Hopser‘ einschob“, mit ihr nicht Schritt halten kann. Miriam erzählt: „Sie schien ihrem Bein keine Aufmerksamkeit zu schenken, obgleich ich mich zu erinnern glaube, daß sie eine Art Stützkorsett trug, um die Hüfte zu schonen“ (MD, S. 26). Dagegen steht Mary Janes Aussage: „Jane ärgerte ihr Bein, das sie leicht nachzog. Sie bezeichnete es verächtlich als ‚Crippie‘2“ (MD, S. 23). Von Robert erfahren wir, was in der Verwandtschaft als Gerücht kursierte, Jane sei als Kleinkind von einer Krankenschwester fallen gelassen worden. Danach hätte seine Mutter entdeckt, dass ein Knie größer als das andere wäre.

 

Als Jane 13 Jahre alt ist, stirbt ihr Vater plötzlich an einem Schlaganfall. Sie ist nun mit ihrer lebhaften Mutter allein, die nur das Beste für ihre Tochter erstrebt. Claire verwöhnt ihr „Million-dollar-baby“ und schickt es im Wintersemester 1931 auf ein exklusives Mädcheninternat. Bereits nach einem halben Jahr dort, stürzt Jane vom Pferd und bricht sich das rechte Knie. Mehrere Operationen bringen keine Besserung, da das Knie von Tuberkulose befallen ist. Claire fährt mit ihrer Tochter an den Genfer See, wo sie fast zwei Jahre in einem Sanatorium verbringt. Jane liegt mit ihrem eingegipsten Bein in einem Streckverband und liest französische Romane. Ein Entschluss wächst: Sie möchte Schriftstellerin werden.

 

Mutter und Tochter kehren nach New York zurück. Andauernde Schmerzen im Knie sind geblieben. Schließlich wird es versteift. Jane wird das Bein nie mehr abbiegen können.

 

Mittlerweise ist Jane 17 Jahre. Es stellt sich die Frage, wie ihre berufliche Zukunft auf eine solide Basis gestellt werden kann. Ihre Mutter meldet sie für einen Schauspielkurs an. Nach wenigen Tagen bricht sie ihn ab, weil sie kein Talent bei sich entdecken kann. Genauso ergeht es ihr bei einem Schreibmaschinenkurs. Sie schreibt jedoch einen Roman in französischer Sprache mit dem Titel „Le Phaéton Hypocrite“. Bis heute wurde das Manuskript jedoch nicht gefunden. Am liebsten verbringt sie jedoch ihre Zeit auf Partys und in Bars. Schon bald ist sie in Greenwich Village – dem Künstlerviertel in Manhattan – unübersehbar. Sehr besorgt beobachten ihre Mutter und deren Schwestern ihre sexuelle Orientierung. Dass sie sich in Lesbenbars herumtreibt und Affären mit Frauen hat, gefällt ihnen überhaupt nicht. Die hübsche Jane - mit teuren Kleidern ausgestattet - soll sich nach einem standesgemäßen Mann umsehen. In einem Brief an einem Freund schildert die 18-Jährige eine familiäre Auseinandersetzung, nachdem sie ihre Tante wieder mal in einer Lesbenbar gefunden und zu ihrer Mutter ins Hotel3 gebracht hat: „Mutter dächte nicht daran, sich meinem Glück in den Weg zu stellen -, und daß dieser lesbische Kram bloß eine jugendliche Phase sei (Jugend geht in unserer Familie von sieben bis dreiunddreißig) und daß ich, wenn ich nur nicht so analytisch veranlagt wäre, bestimmt damit aufhören würde -, und sollte ich wirklich lesbisch sein, würden sie Geld für mich auftreiben und mich in einem eigenen Privatbus zum Village verfrachten (…), aber das sei ich nun absolut nicht, darum dürften sie mich nicht ins Verderben rennen lassen! Tante Flo empfahl 130 Männer zusätzlich, um mich auf die rechte Bahn zu bringen – Tante Connie 135. Dasselbe Mittel scheint gut zu sein für dich und die Lesben -, wie ein magisches Wässerchen oder Aderlaß im Mittelalter“ (JB S. 194f).

 

Auf einer Party im Februar 1937 lernt Jane den sechs Jahre älteren Paul Bowles kennen, der sich bereits als Komponist einen Namen gemacht hat. Sie erzählt einem Bekannten von dem Eindruck, den Paul auf sie gemacht hat und stellt fest: „Er ist mein Feind!“ Als Paul ihr jedoch erzählt, dass er mit einem befreundeten Ehepaar nach Mexiko fahren wird, möchte sie dabei sein. Die Fahrt, die ausgelassen beginnt, entwickelt sich zu einem Desaster. Kaum hat derGreyhound-Bus die Grenze zu Mexiko erreicht, bekommt Jane heftigen Durchfall. Da Jane seit ihrem Aufenthalt in der Schweiz vor Bergen, Gewittern und Aufzügen u. ä. Angst hat und die Strecke über schwindelnde Abgründe führt, kauert sie sich im hinteren Teil der nunmehr mexikanischen Fahrzeuge zwischen indianischen Bauersfrauen und ihren Hühnern auf dem Boden zusammen. In Mexico-City angekommen, gibt es in dem einzigen Hotel, dass für sie annehmbar ist, kein freies Zimmer mehr. Anderentags setzt sie sich in ein Flugzeug und fliegt in die USA zurück ohne sich von ihren Reisegefährten zu verabschieden. Aber sie weiß nun auch, dass sie sich zu dem sensiblen, aber distanzierten Paul hingezogen fühlt.

 

Am 21. Februar 1938 – ein Tag vor Janes 21. Geburtstag – heiraten die Beiden. Anschließend fahren sie gemeinsam nach Panama und Costa Rica. Ihr Gepäck besteht aus 2 Kleidertruhen, 27 Koffern, einem Plattenspieler und einer Schreibmaschine. Jane, die im Grunde nicht gerne reist, erlebt Abenteuer, die sie später in ihrem Roman verarbeitet. So lässt sie sich von ein paar Studenten in ein Bordell führen, denn sie ist neugierig, eines kennenzulernen. Ein hochrangiger Gast kommt, sieht sie, glaubt sie sei eine Prostituierte und möchte mit ihr ins Geschäft kommen. Der Freier ist sehr beharrlich. Im letzten Augenblick kann sie über den Hinterhof fliehen.

 

Von Mittelamerika aus fährt das Paar nach Frankreich. In Paris angekommen, stürzt sich Jane wieder in das gesellschaftliche Leben. Einen Tag ohne Alkohol ist für Jane inzwischen nicht mehr vorstellbar. Sie kommt meist spät nachts oder früh morgens von ihren Partys zurück, was Pauls Unmut hervorruft. Auch hinterlässt Jane Chaos und die Unordnung, denn sie lässt alles fallen und liegen, wo sie gerade geht und steht - daran gewöhnt, dass immer jemand sie bedient oder für sie aufräumt. Heftige Auseinandersetzungen zwischen den beiden bleiben nicht aus. Bei einem Streit verliert Paul die Kontrolle und schlägt seine Frau. Jane verzeiht ihm, macht ihm aber auch klar, dass Erziehungsversuche bei ihr erfolglos sind. Eine kurzzeitige Trennung erfolgt, als Paul nach Südfrankreich reist und sie in Paris bleibt.

 

Nach sechs Monate sind sie wieder in New York. Paul hat mehrere Aufträge für Film- und Bühnenmusik. Anfangs wohnen sie in einer billigen Wohnung ohne Heizung und erst als Paul seine ersten Honorare bekommt, können sie ein Farmhaus in Staten Island mieten. Jane lädt ihre Freunde und Bekannten nun zu sich ein. Es werden ausgelassene Partys gefeiert. Sie hat schon seit ihrer Jugend eine Affinität für Alkoholikerinnen. So nimmt sie nun eine Mary Oliver bei sich auf, mit der Vorstellung ihr helfen zu können.

 

Als Paul merkt, dass die extravagante Mary nur auf seine Kosten lebt und die Partys immer ausgelassener werden, so dass er keine Ruhe zum Arbeiten mehr findet, kommt es im Herbst 1939 zu einem Streit. Er schlägt sie erneut. Ihre sexuelle Beziehung ist von da an beendet. Sie werden jedoch auch weiterhin zusammenbleiben, wenn auch räumlich getrennt.

 

Für Jane ist es immer wichtig, ihre Wirkung auf andere zu beobachten. So glaubt sie, dass die Leute, die sie kennenlernt, zuerst ihr steifes Bein zur Kenntnis nehmen, was in ihr ein „Gefühl der Erniedrigung“ auslöst. Sarkastisch bezeichnet sie sich als „Crippie, the Kike Dykes“ (Crippie, die jüdische Lesbe), um eventuellem Spott zuvor zu kommen. So kann es auch vorkommen, dass sie – wenn sie keine Hosen trägt - ein Heftpflaster auf das Knie klebt, wodurch sie den Anschein erweckt, eine vorübergehende Verletzung zu haben. Überhaupt ist sie für ihre FreundInnen und Bekannten schwer durchschaubar: Spielt sie Theater oder ist sie tatsächlich so amüsant, anschmiegsam und unterhaltsam? Jedenfalls kann ihre Stimmung sehr schnell umschlagen.

 

Im Sommer 1940 begleitet Jane ihren Mann nach Mexiko. Dort lernt sie die 45 Jahre alte Helvetia Perkins kennen, eine unkonventionelle Frau, aber mit strengen Maßstäben, die sich sehr früh von ihrer gutbürgerlichen Herkunft gelöst und nach kurzer Ehe ihre Tochter allein erzogen hat. Diese „Rebellin“ wird nun Janes Geliebte. Sie wohnen zeitweise zusammen. Da Helvetia eine sehr dominante Persönlichkeit ist, bleibt auch in dieser Beziehung der Streit nicht aus. Jane verarbeitet diese Beziehung in dem Puppenspiel „Ein streitendes Paar“.

 

1941 beendet Jane ihren Roman „Two Serious Ladies“4, der aber erst zwei Jahre später veröffentlicht wird. Er erzählt die Geschichte zweier Frauen: von Mrs. Copperfield, die ihren Mann auf einer Reise nach Panama begleitet und dort eine Beziehung mit einer Prostituierten eingeht. Die zweite „ernsthafte Dame“ ist Miss Goering, die den Annäherungsversuch einer Frau ablehnt und sich auf zwielichtige Typen einlässt.

 

Es ist eine sehr verwirrende Geschichte. Am besten nähert man sich ihr auf der emotionalen Ebene an. „Ein Kritiker hat einmal behauptet, wer versuchen wolle, die Handlung von Two Serious Ladies nachzuerzählen, riskiere seinen Verstand“ (MD, S. 141). Die Besprechungen des Buches sind hauptsächlich negativ. Jedoch lässt sich Jane noch nicht entmutigen. Sie veröffentlicht einige Kurzgeschichten und arbeitet an einem Theaterstück. Bei Paul, mit dem sie den Roman immer wieder durchgesprochen hat, löst er eine Wende in seinem beruflichen Schaffen aus. Er beginnt mit Erzählungen, wagt sich dann an einen Roman, der den Titel „Himmel über der Wüste“ bekommt und ein durchschlagender Erfolg wird. Jane wird also die Wegbereiterin für seine heute noch andauernde Berühmtheit als Schriftsteller, wie er selbst zugibt:

 

„Ich hätte ohne Zweifel nicht angefangen zu schreiben, wenn ich nicht mit Jane verheiratet gewesen wäre. Ja, wenn ich nicht mit ihr zusammengelebt hätte, wenn ich nicht bei der Geburt ihres Romans dabeigewesen wäre… es ist gut möglich, daß ich Komponist geblieben und nie Schriftsteller geworden wäre.“ (RB, S. 142)

 

Kurz vor der Veröffentlichung von Two Serious Ladies hat Jane nach einem Streit mit Helvetia versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Diesen Selbstmordversuch verschwieg sie Paul. Verschweigen muss sie immer wieder, um ein Bild der vorbildlichen Ehe aufrecht zu erhalten. So darf z.B. der zweite Mann ihrer Mutter nie erfahren, dass sie lesbisch ist.

 

1948 folgt Jane ihrem Mann nach Marokko. Der hat sich vor drei Jahren in Tanger niedergelassen. Tanger ist damals Internationale Zone innerhalb des französischen Protektorats Marokko und ein billiger Rückzugsort für europäische und amerikanische Künstler und Aussteiger. Jane wird von Cory begleitet, ihrer neuen Geliebten. Der Aufenthalt von Cory ist kurz, wohingegen Jane mit Unterbrechungen mehr als zwanzig Jahre in Tanger leben wird. Auf dem Getreidemarkt begegnet sie den Händlerinnen Tetum und Cherifa, zwei Frauen, zu denen sie sich hingezogen fühlt, die eine älter, die andere zehn Jahre jünger als sie. Mit Geschenken versucht sie deren Zuneigung zu gewinnen. Und sie lernt arabisch. 1949 verfasst Jane ihre letzte Erzählung „Ein grüner Lutscher“. Sie kämpft mit einer Schreibblockade. Sätze werden anfangen und bleiben unvollendet oder werden gestrichen. Anfang der fünfziger Jahre fährt sie für einige Monate nach New York, um bei den Proben für ihr Theaterstück „In the Summer House“ anwesend zu sein. Der letzte Akt wird von ihr immer wieder umgeschrieben. Nach den Aufführungen in New York und Michigan sind die Kritiken schlecht.

 

Zurück in Tanger begleitet Jane 1954 Paul und seinen Freund, dem marokkanischen Maler Ahmed Jacoubi nach Ceylon, wo Paul eine kleine Insel gekauft hat. Aber Jane kommt mit dem Klima nicht klar und sie kehrt zurück. Inzwischen hat sie Cherifa als Geliebte gewonnen und offiziell als Hausangestellte in ihr Haus aufgenommen. Oft wurde behauptet, die Araberin hätte sie maßlos ausgenutzt. Jeder in ihrer Umgebung weiß, dass Cherifa lesbisch ist. Das wird toleriert, solange sie damit nicht öffentlich auftritt und unter ihresgleichen bleibt. Eine Beziehung mit einer „Fremden“ verstößt gegen den unausgesprochenen Kodex der Gemeinschaft.

 

Janes Abhängigkeit vom Alkohol nimmt inzwischen besorgniserregende Züge an. Jane hat einen sehr hohen Blutdruck und nimmt dagegen Serpasil. Die Tabletten in Kombination mit dem Alkohol lassen nichts Gutes erwarten.

 

Am 5. April 1957 erleidet Jane einen Schlaganfall. Es geht das Gerücht um, Cherifa habe einen bösen Zauber auf sie ausgeübt. Der Schlaganfall hat zur Folge, dass sie eine Aphasie und eine Hemianopsie (Einengung des Gesichtsfelds) nach rechts davonträgt, die durch ihre lebenslange Kurzsichtigkeit noch verstärkt wird. Hinzu kommen epileptische Anfälle. Paul, der sich in Asien aufhält, wird zurückgerufen. Er fährt mit ihr zweimal zur medizinischen Behandlung in England. Unter anderem kommt sie für einige Wochen in eine psychiatrische Klinik in Northampton, wo sie sich einer Elektroschocktherapie aussetzen muss. Ihre Sprache bessert sich und die epileptischen Anfälle gehen zurück. Die anschließende Rückkehr nach Tanger ist von kurzer Dauer. Aufgrund der politischen Unruhen nach der Unabhängigkeit Marokkos und der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit quartieren sich die Bowles erst mal auf der Insel Madeira ein. Jane begibt sich aber bald wieder in die USA, wo sie in Tennessee Williams Wohnung Unterschlupf findet. Ihr Freundeskreis hat sich reduziert. Aber die wenigen, die ihr zugetan sind, unterstützen sie nach Kräften, wie die Sängerin Libby Holman, die ihr finanziell unter die Arme greift und die Kosten für die medizinische Versorgung übernimmt. Ihre Mutter sorgt dafür, dass sie sich für drei Monate in eine psychiatrische Klinik zur Therapie begibt.

 

In der ersten Hälfte der sechziger Jahre lebt Jane wieder in Tanger. 1965 erscheint ihr Roman in England und findet positives Echo. Aber das Einerlei des Alltags bringt sie in eine depressive Stimmung. Sie versucht zwar, wie schon früher Kleinigkeiten zu dramatisieren, aber das findet keine Resonanz. Zu ihrem Charakter gehört schon immer eine Unentschlossenheit. Sie konnte immer schon schwer Entscheidungen treffen und jetzt verstärkt es sich noch. Hinzukommt, dass sie wieder trinkt und ihre Medikamente unkontrolliert einnimmt.

 

Als sich ihr Zustand immer mehr verschlechtert, bringt Paul sie 1967 in eine psychiatrische Klinik in Malaga. Dort bekommt sie wieder Elektroschocks. Sie äußert ihre Unzufriedenheit mit der dortigen Versorgung und Paul veranlasst, dass sie in das psychiatrische Krankenhaus eines katholischen Ordens kommt. Immer wieder fleht Jane ihren Mann an, sie nach Hause zu holen. Er versucht es, aber Jane verweigert das Essen und die Tabletteneinnahme. Sie bekommt Wutanfälle und äußert den Wunsch zu sterben. Gleich darauf ist sie völlig apathisch. Nach vier Monaten in Tanger bringt Paul sie zurück ins Krankenhaus Clinica de los Angeles bei Malaga. Dort konvertiert Jane zum katholischen Glauben. Es wird vermutet, dass dies nur aufgrund des permanenten Zuredens der Nonnen geschah.

 

Am 4. Mai 1973 stirbt Jane Bowles nach einem dritten Schlaganfall.

 

„Ich habe noch nie einen Tag genossen, aber ich höre nie auf mit meinem Mühen, Vorkehrungen für das Glück zu treffen“ (Jane Bowles, 1954 zit. nach MD, S.490).

 

 

Anmerkungen:

  1. Tennessee Williams hatte eine psychisch-kranke Schwester namens Rose, an der eine Lobotomie vorgenommen wurde. Sie verbrachte den überwiegenden Teil ihres Erwachsenenlebens in Anstalten. Rose diente auch als Vorbild für die Figur der Laura in Williams‘ Theaterstück „Die Glasmenagerie“.
  2. Abgeleitet von „Cripple“ (deutsch: Krüppel)
  3. Seit dem Tod von Janes Vater wohnen sie und ihre Mutter in wechselnden Hotelappartements.

 

 

Ein Bild, das Text enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

 

 

Quellen:

Millicent Dillon: Jane Bowles. Lauter kleine Sünden – Eine Biographie. Goldmann-Taschenbuch. München 1995 (zitiert mit MD)

Jane Bowles: Zwei sehr ernsthafte Damen. Roman. Brigitte Edition Band 7. Gruner + Jahr. Hamburg 2005

Jane Bowles: Eine richtige kleine Sünde. Prosa etc. Carl Hanser Verlag, München 1988 (zitiert mit JB)

Robert Briatte: Paul Bowles – 2117 Tanger Socco. Ein Leben. Rowohlt Taschenbuchverlag. Hamburg 1991 (zitiert mit RB)

Tennessee Williams: Memoiren. S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 1977


 


 

aus WeiberZeit Nr. 33/Dezember 2017 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Helene Schjerfbeck (1862-1946)

 

von Anneliese Mayer

 

„Zuletzt kam eine junge Frau aus Finnland – sie hat ein wunderbares Talent und ist insgesamt eine äußerst interessante Person, obwohl unglücklicherweise lahm...“

Howard R. Butler, amerikanischer Maler

(St. Ives, Sommer 1887)

 

Ihr bekanntestes Bild trägt den Titel „Die Genesende“. Ein Mädchen mit strubbeligen blonden Haaren sitzt in einem großen Korbstuhl – ein großes Kissen im Rücken und um den Brustkorb ist weißes Tuch gewickelt, das auch die Beine bedeckt. Beide Hände greifen nach einer Tasse, die auf dem Tisch steht. In der Tasse steckt ein grüner Zweig, an dem sich bereits erste Knospen entwickeln. Dass das Kind sich auf dem Weg der Genesung befindet, lässt sich deutlich an seinem Gesicht erkennen: an den rötlichen Wangen und dem aufgeweckten Blick. Gelegentlich wird dieses Bild als eine Erinnerung der Malerin an ihren Unfall im Kindesalter gedeutet, als sie lange Zeit das Bett hüten musste. Weiß man jedoch, wann und wo das Bild entstand, lässt es auch eine andere Interpretation zu. Jedoch dazu später. Die Künstlerin, von der hier die Rede ist, gilt als die bedeutendste finnische Malerin der Moderne.Helena1 Sofia Schjerfbeck wird am 10. Juli 1862 als drittes Kind von Svante Schjerfbeck und seiner Frau Olga Johanna in Helsinki geboren. Von den fünf Kindern, die Olga Schjerfberg auf die Welt bringt, überleben lediglich Helene und ihr zwei Jahre älterer Bruder Magnus.

 

Svante Schjerfbeck und seine Frau stammen aus der Nähe aus der Stadt Ekenäs2, die in der südfinnischen Schärenlandschaft liegt. Der Mehrheit der BewohnerInnen dort spricht auch heute noch Schwedisch3. Svante, der als Bürovorsteher in einer Eisenbahnwerkstatt arbeitet, muss nach einigen Jahren seine Arbeit aufgeben, da er an Tuberkulose erkrankt.

 

Die Atmosphäre im Elternhaus beschreibt die spätere Malerin als „ernst und schwermütig“. (R.K., S. 40). Sie ist vier Jahre alt, als sie unglücklich stürzt: „1866 war sie die steile Treppe, die außen am Haus in die Wohnung führte, hinuntergestürzt Wahrscheinlich war der Kopf des linken Oberschenkelknochens verletzt worden, und der Knochen hatte sich aus seiner Position verschoben. Für einen Arzt reichte das Geld nicht. Stattdessen holte Olga Schjerfbeck eine alte Frau (…) als Pflegerin ins Haus. (Diese) musste dafür sorgen, dass Helene möglichst ruhig im Bett liegen blieb -Tag und Nacht, Monat für Monat. Trotz des vielen Liegens setzte sich der Knochen in einer falschen Position fest. Helene hinkte. (…) Als klar war, dass sich an der Behinderung der linken Hüfte nichts mehr ändern würde, bekam sie einen Stock.“ (B.B., S 18f)

 

Während ihr Bruder Magnus eine öffentliche Schule und das Lyzeum besuchen darf, bekommt die achtjährige „Ella“ gemeinsam mit vier anderen Mädchen Privatunterricht. Ihre Lehrerin ist Lina Ingman, eine junge Frau, die ihre Schülerinnen für Geografie und biblische Geschichten begeistern kann. Lina bemerkt auch das außergewöhnliche Zeichentalent von Helene. Auf ihre Veranlassung hin wird das begabte Mädchen bereits mit 11 Jahren in die Zeichenschule des Finnischen Kunstvereins aufgenommen. Aufgrund des knappen finanziellen Einkommens ihres nicht mehr arbeitenden Vaters ist Helene vom Schulgeld befreit. In der Zeichenschule lernt sie die erste ihrer drei „Malschwestern“ kennen, mit denen sie eine lebenslange Freundschaft verbindet. Es ist die fünf Jahre ältere Helena Westermarck, die sich einige Jahre später von der Malerei weg, hin zum Schreiben wendet und sich zusehends für Frauenrechte einsetzt. Von ihrer Freundin wird Helene Schjerfbeck als eine zurückhaltende Heranwachsende beschrieben, die wenig redet, jedoch als sehr wissbegierig und zielstrebig gilt. Ihre zeichnerische Begabung ist unübersehbar und wird sowohl von den Lehrern als auch von den MitschülerInnen anerkannt. Überhaupt ist die künstlerische Förderung von Frauen dem Großfürstentum Finnland ein großes Anliegen.

 

1875 stirbt der Vater4, mit dem „Ella“ eng verbunden war und der ihr viel Wärme und Verständnis entgegengebracht hatte. Die Mutter dagegen kann den von Helene eingeschlagenen künstlerischen Weg nicht akzeptieren und hat keine ermutigenden Worte für ihre Tochter. Die volle Zuneigung von Olga Schjerfbeck gehört ihrem Sohn Magnus, für dessen Ausbildung die wenigen Einnahmen aus der Vermietung von Zimmern an Pensionsgäste ausgegeben werden. Olga Schjerfbeck fordert lebenslang von ihrer Tochter, dass sie Aufgaben im Haushalt übernimmt und ihre Zeit nicht mit der „brotlosen Kunst“ verplempert.

 

1877 endet die Ausbildung an der Zeichenschule. Helene wechselt an die Privatakademie von Adolf von Becker, einem der damals bekanntesten Ma­lern des Naturalismus in Helsinki. Das Schulgeld wird von einem Freund des Vaters, dem Anato­mieprofessor Georg Arp, übernommen. Arps Frau Mathilde widmet sich der Bewegungslehre. Helene bekommt von ihr regelmäßig Gymnastikstunden, wodurch eine Linderung der Hüftbeschwerden eintritt.An der Becker-Akademie lernt sie die zehn Jahren ältere Ada Thilén kennen, eine weitere Malschwester. Nach Abschluss ihrer Ausbildung werden die Arbeiten der Siebzehnjährigen in der Frühjahrsausstellung des Kunstvereins präsentiert. Sie erhält den Dukatenpreis.Großes Aufsehen erweckt wenig später ihr His­toriengemälde „Verwundeter Krieger im Schnee, 1880“. Es ist sehr ungewöhnlich, dass Frauen auf großer Leinwand malen und auch Historienmalerei ist keineswegs weibliches Metier. Gerade bei diesem ersten ihrer insgesamt drei Historienbild zeigt sich, welche einzigartige Perspektive sie einnimmt. Hier wird kein Heldentum oder Szenen einer verlorenen Schlacht dargestellt, sondern der Blick konzentriert sich auf eine einzelne Person, durch die unheroische und leise Gefühle zum Ausdruck gebracht werden: Verletzlichkeit, Verlorenheit, Einsamkeit und Schick­salsergebenheit. Zurecht wird dieses Gemälde von den Kritikern wegen dieses ungewöhnlichen Blickwin­kels gewürdigt. Für150 finnische Mark wird es vom Kunstverein aufgekauft. Zudem bekommt Helene ein Stipendium von 1500 Finnmark und kann sich damit endlich einen Traum erfüllen, wie ihn viele Künstlerinnen und Künstler zu dieser Zeit haben: In die Kunstmetropole Paris zu reisen und sich intensiv dem Studium der Moderne zu widmen.

 

Dass die 18-jährige am 16. September 1880 Helsinki verlässt, ist der Tageszeitung zu entnehmen: „Heute Morgen, an Bord des Dampfschiffes ‚Der Großfürst‘, hat unsere jüngste und vielversprechendste Künstlerin, Fräulein Helene Schjerfbeck, via Lübeck die Segel nach Paris gesetzt.“ (zit. nach BB, S. 74)

In der französischen Hauptstadt angekommen, findet sie die ersten Monate Unterkunft bei dem mit der Familie Schjerfbeck befreundetem Sohn des finnischen Nationaldichters Runeberg und dessen Frau. Sie trifft Helena Westermarck und Ada Thilén in der privaten Kunstakademie von Madame Trélat, in der sie ihr Malstudium startet, jedoch wechselt sie bald ins Atelier Colarossi. Hier freundet sie sich mit Maria Wiik5, der dritten Malschwester und der Österreicherin Marianne Preindlsberger an. Mit Letzterer bezieht sie ein Mansardenzimmer im Quartier Montparnasse. Für Helene Schjerfbeck beginnt die glücklichste Zeit ihres Lebens. Sie genießt das freie Künstlerinnendasein, besucht Konzerte und Varietés und ist oft bei geselligen Zusammenkünften anzutreffen. Dort stellt sie sich nicht in den Mittelpunkt, sondern nimmt mehr die schweigende Beobachterrolle ein. Ihr finnischer Künstlerkollege, Albert Edelfelt, sieht in ihr eine ernsthafte Konkurrentin, und versucht sie und Ada Thilèn, die eine Sehbehinderung hat, herabzusetzen. So schreibt er an seine Mutter nach einem Besuch der finnischen Künstlerinnen in seinem Atelier, „dass die Gruppe vor allem aus ‚Krüppeln und Schwachen‘ bestand. ‘Fräulein Schjerfbeck humpelt, Fräulein Thilén ist einäugig – warum können Malerinnen nicht wie andere Menschen sein…‘“ (zit. nach BB, S. 81)

 

Nachdem ihr auf Antrag vom Kaiserlichen Senat ein weiteres Stipendium von 2000 Finnmark genehmigt wurde, verbringt Helene den Sommer 1881 mit Marianne Preindlsberger in einer Künstlerkolonie in der Bretagne. Es ist die Zeit der Freiluftmalerei und die junge Frau kann sich gut in dieses neue Genre einfinden. Das lebensgroße Bild „Ein Junge füttert seine Schwester aus einer Schale“ entsteht dort. (Eines meiner Lieblingsbilder von ihr!). Auch mit die­sem in der Stilrichtung des Realismus ausgeführten Bild durchbricht Helene Schjerfbeck die Grenzen, die bisher weiblichen Künstlerinnen gesteckt waren. Zum einem ist das großformatige Malen bislang den Männern vorbehalten gewesen, zum anderen wird hier Armut keineswegs romantisiert oder dramatisiert.

 

Einen weiteren Tabubruch begeht sie, wenn sie als 19-Jährige ohne Scham im Malatelier ihren Aktstudien nach männlichen Modellen durchführt. Alles bei ihr ist unkonventionell und klar und steht unter hohem künstlerischem Anspruch.

 

Ihr erster Frankreichaufenthalt endet kurz vor ihrem 20. Geburtstag. Es folgen neun Monate in Helsinki und auf dem Landgut ihres Onkels in Sjundby, wo sie seit ihrer Kindheit öfters die Sommermonate bei der Großmutter und den Kusinen verbringt. Es sind intensive Monate des Schaffens. Durch den Verkauf ihrer Bilder kann sie nach Paris zurückkehren. Für die Frühjahrsausstellung des Salon de Paris hat sie ihr wiederum großformatiges (172x115 cm) Bild „Jüdisches Fest“ mitgebracht. Als der Sommer heranbricht, geht es in das von amerikanischen Künstlern neu entdeckte bretonische Dorf Port-Aven. Hier lernt die junge Frau einen englischen Maler kennen und lieben. Beide verloben sich. In dieser Zeit des intensiven Lebensgenusses entstehen zwei Bilder, die Helene Schjerfbeck fast dreißig Jahre zurückhalten wird, weil sie in ihrer Abstraktion der Zeit weit voraus sind: „Die Tür“ und „Der Schatten an der Wand“.

 

Von nun an werden sich die Rückkehr nach Finnland und ein erneuter Auslandsaufenthalt in Abständen von zwei Jahren wiederholen. Im Herbst 1885 findet anlässlich des Besuchs des Zaren eine große nationale Kunstausstellung statt. Helene Schjerfbeck ist mit sechs Bildern vertreten. Ein damals bedeutender Kunstkritiker wirft ihr vor, keine finnischen Themen aufgegriffen zu haben und beeinflusst durch die französische Malerei eine „radikalrealistische Tendenz“ anzustreben und nicht auf Schönheit und Gefälligkeit zu achten, wie es nun im Sinne des zunehmenden finnischen Nationalbewusstseins erwartet wird.

 

Etwa um diese Zeit löst der englische Maler die Verlobung6, den sie über ein Jahr nicht mehr gesehen hat, schriftlich auf. „Wegen der Krankheiten in ihrer Familie könne er mit ihr keine Familie gründen. Er bezog sich auf die tödliche Tuberkulose ihres Vaters und auf ihren Hüftschaden, den er ebenfalls als tuberkulös einstufte.“ (BB S.147). Sie braucht einige Monate um diese bittere Enttäuschung zu überwenden Als Verarbeitung dieser Enttäuschung wird das eingangs beschriebene Bild „Die Genesene“ gesehen. Es entsteht 1888 in Cornwall, in St. Ives, wohin sie Marianne Preindlsberger eingeladen hat, die inzwischen mit dem dort lebenden englischen Landschaftsmaler Adrian Stockes verheiratet ist. Bei den Stockes findet die junge „Elli“ auch wieder Anschluss an ein geselliges Leben, ist sie doch in St. Ives von Künstlern und Intellektuellen umgeben. Nicht ausgeschlossen werden kann, dass sie dort auch mit Leslie Stephen und dessen Familie zusammentrifft und dabei auf ein lebhaftes sechsjähriges Mädchen aufmerksam wird – auf die spätere Virginia Woolf.

 

Ab den 1890er Jahren lassen die Reisen ins Ausland nach. Zwar geht es noch einige Mal ins benachbarte St. Petersburg und für vier Monate nach Florenz zum Kopieren Alter Meister, doch bindet sie die Mutter immer mehr an sich. Der Bruder ist inzwischen ein anerkannter Architekt und hat eine eigene Familie gegründet.

 

1892 bekommt die Künstlerin das Angebot an der Zeichenschule zu unterrichten. Sie wird dort bis zur Jahrhundertwende tätig sein, unterbrochen jedoch von längeren Krankheitswochen. Nach einer schweren Grippe zeigen sich Symptome von Müdigkeit, Erschöpfung und Schlaflosigkeit. Sie wird häufig über Kopfschmerzen klagen. In Begleitung der Mutter fährt in sie ein norwegisches Sanatorium und wird von dem Arzt Kristian Andvord behandelt. Diesem Mann vertraut sie ihre Gefühle an. Er lässt sich auf seine Patientin ein, und es entsteht ein Liebesverhältnis, was jedoch nur die drei Sommer dauert, die sie im Sanatorium verbringt. Andvord ermutigt sie, sich weiterhin verstärkt der Kunst zu widmen.

 

1900 kündigt sie der Zeichenschule und konzentriert sich ganz auf das eigene Schaffen. Jedoch merkt die inzwischen 40jährige, dass sie einen ruhigeren Ort braucht als das geschäftige Helsinki. Sie zieht mit der Mutter, von der sie sich bis zu deren Tod nicht mehr trennen wird, in den 60 km nördlich gelegenen Kurort Hyvinge. Das Zusammenleben der beiden Frauen ist von großen Spannungen geprägt. Die herrschsüchtige Mutter hält ihre Tochter oft vom Malen ab und fordert von ihr die gewöhnlichsten Hausarbeiten: Fußböden schrubben, Kleider ausbessern, Obst einkochen etc. Dennoch findet Helene Schjerfbeck in den von ihr erkämpfenden freien Stunden Gelegenheit sich auf die Suche nach Modellen zu begeben und sich dann ans Werk zu machen. Ihre Frustrationen und ihre Niedergeschlagenheit teilt Helene Schjerfbeck regelmäßig in Briefen oder bei Besuchen ihren Malschwestern mit, ebenso wie die Lichtblicke und die Erfolge, die sich bald wieder einstellen.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wird die Stille in Hyvinge unterbrochen – ein Kunsthändler taucht auf und bespricht mit ihr, wie sich ihre Bilder am besten vermarkten lassen. Mit Gösta Stenman entsteht nun eine tragfähige künstlerische Zusammenarbeit. Er wird sie zu ihren Experimenten ermutigen. Nun kommen auch „Der Schatten an der Wand“ und „Die Tür“ an die Öffentlichkeit. Stenman versteht es, ihre Bilder mit großem Gewinn zu verkaufen. Sie braucht um ihre finanzielle Zukunft keine Sorgen mehr zu machen. Und es taucht noch ein Liebhaber ihrer Kunst auf: Einar Reuter, ein Forstmeister aus dem Norden. Auch er unterstützt sie und schreibt die Katalogtexte für ihre späteren Einzelausstellungen. Der 19 Jahre jüngere Einar Reuter wird ihre dritte Liebe, die jedoch unerwidert bleibt.

1923 stirbt die Mutter, so dass sie zukünftig mit einer Haushälterin zusammenlebt.

Helene Schjerfbeck zieht es in die milde Schärenlandschaft. Sie wird 16 Jahre in Ekenäs, der Heimat ihrer Eltern, leben und arbeiten. 1941 drängt sie Gösta Stenman zu ihrer Sicherheit das in den Krieg verwickelte Finnland zu verlassen und holt sie nach Schweden. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist sie zu schwach, um zurückzukehren. Sie stirbt am 24. Januar 1946 nach einem Herzinfarkt in Saltsjöbaden, einem Vorort von Stockholm.

Helene Schjerfbeck hat 36 Selbstporträts gemalt. Sie sind sehr facettenreich und geben ihre jeweilige Stimmung wieder. Ihr letztes Selbstporträt gleicht einer Totenmaske.

 

Anmerkungen:

1 Helena ist ihr Taufname. Als Kind wurde sie „Elli“ oder „Ella“ gerufen. Seit ihrem ersten Aufenthalt in Paris nennt sie sich Helene.

2 Ich benutze die geläufigen schwedischen Ortsnamen.

3 Bis 1809 gehörte Finnland zum Königreich Schweden. Danach war es Teil (Großfürstentum) des Russischen Reiches, bevor es 1918 unabhängig wurde.

4 Vielleicht ist den LeserInnen meiner Biografien aufgefallen, dass auch den beiden zuletzt Porträtierten ein Elternteil starb, als sie 13 Jahre alt waren – bei Jane Bowles starb der Vater und bei Virginia Woolf ihre Mutter.

5 Maria Wiik (1853-1928) ist neben Helene Schjerfbeck die bekannteste finnische Malerin dieser Zeit.

6 Über diesen englischen Maler wissen wir nichts, da Helene Schjerfbeck alle Briefe von ihm verbrannte und auch die Familienmitglieder und Freundinnen aufforderte, die Briefe zu vernichten, in denen sie ihn erwähnte

 

 

Quellen:

Barbara Beuys: Helene Schjerfbeck. Die Malerin aus Finnland. Insel-Verlag. Berlin 2016 (zitiert mit BB)

Riita Konttinen: Helene Schjerfbeck 1862-1946 in: Rendezvous Paris. Schleswig-holsteinische und finnische Künstlerinnen um 1900. Kataloge der Museen in Schleswig-Holstein Nr. 38 o.J., S. 39-55 (zitiert mit RK)

 

 

Stellen Sie sich vor,
das Leben der Frida Kahlo wäre verbunden mit dem Auge von Edvard Munch
und Sie werden anfangen,
das Ausmaß dieses Werkes zu erfassen…
(The Independent über Helene Schjerfbeck, London im Oktober 2003)

 

Als Helene Schjerfbeck am 23. Januar 1946 im schwedischen Kurort Saltsjöbaden bei Stockholm starb, war für „Hufvudstadsbladet“ (große angesehene Tageszeitung von Helsinki) die finnische Malerin „Der größte skandinavische Künstler aller Zeiten“.

 

Und als die Urne mit ihrer Asche am 9. Februar 1946 auf dem traditionsreichen alten Friedhof in Helsinki beigesetzt wurde, stand über dem Artikel zur Begräbnisfeier:

„Ihr Leben war prophetisch –
ihre Kunst ist zeitlos.“
(aus: Barbara Beuys (2016): Helene Schjerfbeck. Die Malerin aus Finnland)

 


 

aus WeiberZeit Nr. 36/August 2019 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: zweimal jährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.

 

Berühmte behinderte Frauen

Alma M. Karlin (1889-1950)

 

von Anneliese Mayer

 

Ein Bild, das Text, Katze, drinnen enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

Leute sind allzu gerne geneigt, einen Hinkenden oder sonst sichtlich vom Leben Gebrandmarkten dummerweise zu fragen, was er denn habe (obschon man es ja ohnehin von weitem sieht und es den Frager nichts angeht), aber wie wäre es, wenn man an so viele Menschen dieser Art herantreten und sie fragen würde, wo um Himmels willen sie das viele Stroh im Gehirn her hätten?

(Ein Mensch wird, S.207)

 

Vor genau hundert Jahren, am 24. November 1919, begab sie sich auf ihre Weltreise. Geplant hatte sie, drei Jahre unterwegs zu sein – es wurden jedoch acht Jahre daraus. Ihre Reiseberichte wurden sehr bald in großen, meist deutschsprachigen Zeitungen veröffentlicht und machten sie zu einer der berühmtesten Reiseschriftstellerinnen der 1920er und 1930er Jahre.

 

Das Ehepaar Karlin ist nicht mehr jung, als sich überraschend Nachwuchs ankündigt. Jakob Karlin ist ein pensionierter Major der österreichischen Armee, 60 Jahre alt und lungenleidend. Vilibalda Miheljak unterrichtet an einer Mädchenschule in Cilli/Celje1 und ist 45. Am 12. Oktober 1889 ist die Freude nicht besonders groß, als „ein gelbgrünes, linksseitig leicht gelähmtes Mädchen, das sich ein Jahr lang nicht zum Bleiben noch (leider) zum Gehen entschließen konnte“ (1, S.8) auf die Welt kommt. Da das Neugeborene „mehr nach Seele als nach Leib aussah“ (1, S.8f) wird es auf den Namen Alma Maximiliana getauft. Jakob Karlin hätte sich einen Sohn gewünscht, kann sich jedoch mit den Gegebenheiten abfinden. Schwerer wiegt jedoch für die Mutter, dass ihre Tochter behindert ist. Sie bemerkt sehr schnell andere Auffälligkeiten bei ihrer Tochter: Der Kopf ist zu groß, „die Augen sind unrichtig eingehängt“ (1, S.9) und die Ohren stehen ab. Es wird ein Professor in Graz konsultiert, der Alma keine Zukunftschancen gibt: „‘Was wollen sie eigentlich mit dem Kind? Es hat einen Wasserkopf und lebt kein halbes Jahr mehr!‘“ (1, S.9). Dass die geistige Entwicklung des Mädchens zurückbleiben würde, war eine weitere Prophezeiung, nachdem die anberaumte Lebenszeit von einem halben Jahr bereits überschritten ist.

 

Graz und Laibach(2) werden konsultiert um diese Abweichung von zwei Zentimetern wieder in Ordnung zu bringen. Nun beginnt für Alma eine Zeit der Folter. Sie wird am Kopf aufgehängt, in Rückengurte eingezwängt, muss stundenlang Turnübungen machen und auf harten Brettern schlafen. Diese jahrelange Tortur mag der Grund sein, dass sie zeitlebens eine Abneigung gegen Berührungen verspürt.

 

Möchte sie lesen, muss sie dabei durch den Raum gehen, unter dem wachsamen Auge der Mutter. So wird sie zunehmend in sich gekehrter und schwermütig. Mimi, das Dienstmädchen, versucht sie aus ihrer Betrübnis zu holen, indem sie gemeinsam mit älteren Freundinnen von Alma einen jungen Mann erfindet, der ihr lange Briefe schreibt und so die romantische Ader der Heranwaschenden anspricht, damit sie sich in Träumereien flüchten kann. In dieser Zeit entdeckt sie auch ihr großes Interesse für Sprachen. Sie lernt im Privatunterricht Französisch und Englisch. Sobald sie 18 ist, legt sie darin die Staatsprüfung ab und hat somit die Voraussetzung erlangt, selbst zu unterrichten. Sie setzt alles daran von zuhause wegzukommen, nachdem sie mit der Mutter vorher noch eine größere Europareise gemacht hat.

 

Im Herbst 1908 bricht sie alleine nach London auf. Die Mutter hat ihre eine monatliche Unterstützung zugesichert. Damals sind es vor allem deutschsprachige, junge Frauen, die als Erzieherinnen in den vornehmen Londoner Familien angestellt werden. Alma weiß jedoch: „Erzieherin wollte ich jedoch nur im äußersten Notfall werden, denn zu Kindern hatte ich mich nie hingezogen gefühlt und die Beschränkung meiner persönlichen Freiheit erschien mir als die größte Plage, die mir bei einem derartigen Beruf bevorstand.“ (1, S.130). Es ist eine mühsame Suche, aber schließlich entdeckt sie „Miss Ainslie’s Translation Office und School of Language“. Sie wird als Übersetzerin eingestellt und hat anfangs zudem die Möglichkeit dort kostenlos Schreibmaschine und Stenografie zu lernen. Sie wird nun finanziell unabhängig und ist unablässig dabei weitere Sprachen zu lernen: Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Russisch, Italienisch und Spanisch. In den Abendstunden gibt sie Asiaten Englischunterricht. Durch einen Japaner lernt sie dessen Kultur kennen und begeistert sich für die östliche Philosophie. Ein Chinese, dem sie Privatstunden gibt, macht ihr einen Heiratsantrag. Sie verloben sich und gemeinsam fahren sie nach Cilli. Alma glaubt anfangs noch, die ihr unangenehmen Seiten des jungen Mannes ändern zu können, merkt doch bald, dass ihr das nicht gelingt und löst die Verbindung auf. Später wird sie schreiben: „Einige Male in meinem Dasein hat ein Mann einen gewissen Einfluß gewonnen, doch immer war es, genau untersucht, entweder Bewunderung des Charakters oder eines bedeutenden Talents, was mich angezogen hatte, mich blendete, mich in Wunschtiefen warf, doch im-mer eine Gehirn-, nie eine Herzensliebe wurde, daher an der Erotik des Partners rasch scheiterte.“ (1, S.76)

 

Alma hat ihren Alltag sehr streng strukturiert und gönnt sich wenig Vergnügungen oder Genuss. Sehr oft besteht ihre Mahlzeit nur aus Tee und Brot. Mit Erfolg hat sie ihre Sprachprüfung abgelegt und hofft, bald auf Reisen gehen zu können, da bricht der Erste Weltkrieg aus. Sie registriert sehr sensibel den künstlich erzeugten Hass durch die Kriegspropaganda und bekommt ihn direkt als Angehörige eines mit England verfeindeten Landes zu spüren. Sie wird als Spionin verdächtigt und das Übersetzungsbüro reduziert ihr Gehalt. Bevor sie sich weiteren Repressalien aussetzen muss, verlässt sie London. Durch ihre Kontakte zur norwegischen Seemannskirche kann sie sich im Herbst 1914 auf einen Frachtendampfer begeben und landet erst mal in Bergen. In Norwegen und Schweden verbringt sie einige Jahre, gibt Sprachunterricht und besucht Bibliotheken, um ethnologische und zoologische Studien zu betreiben. Vor Ende des Krieges kehrt sie nach Cilli/Celje zurück und betreibt eine private Sprachenschule.

 

Das Verhältnis zu ihrer Mutter hat sich jedoch in den Jahren ihrer Abwesenheit nicht gebessert, so dass dies mit ein Grund ist, sich der „Entzündung der Einbildungsnerven“ (2, S. 11) hinzugeben, wie sie ihre Abenteuerlust bezeichnet. Sie plant eine Reise nach Japan, das Land, dessen Kultur sie sehr schätzt und für das sie nach langem Hin und Her ein Visum bekommt. 1919 startet sie ihre „Columbusfahrt“ – begleitet von ihrer Schreibmaschine „Erika“ – in Triest und kommt erst mal nur bis Genua, da noch einige bürokratische Hürden zu bewältigen sind. Ende Februar 1920 besteigt sie den Ozeandampfer „Bologna“ und fährt in Dritter Klasse zuerst nach Lateinamerika(3).

 

Ihren ersten größeren Aufenthalt hat sie in Peru. Als allein reisende Frau in einer fremden Kultur macht sie die Erfahrung: „In Europa vor dem Ersten Weltkrieg war ich ziemlich unbeachtet und daher leicht gereist. In Südamerika dagegen war ich plötzlich der ungeschickte Kanarienvogel unter Spatzen und Finken. Man stelle sich nur einmal vor: Eine Frau, nein, Frau hat wirklich einen zu weiblichen Anstrich, sagen wir ein Wesen, das gewissermaßen sächlich sächlich ist, mit weiblichem Artikel, träumt davon, wie die Weisen in den Höhlen des Himalaya zu leben und steht plötzlich inmitten von Menschen, für die das Sinnliche alles ist“ (2, S.383). Sie entgeht mehreren Vergewaltigungsversuchen. Keineswegs ist sie eine Frau, die sich einschüchtern oder von ihrem Vorha-ben, Neues zu erkunden, abbringen lässt. Sie ist zwar klein und zierlich (Sie ist ca. 150 cm groß und wiegt 47 kg), weiß sich jedoch zu wehren und greift auch mal zu einem Messer oder einer Eisenstange.

 

Als sie gegen Ende 1920 in Panama eintrifft, ist ihre Reisekasse fast leer. Sie wohnt meist in billigen Unterkünften und ist bei ihren Mahlzeiten bescheiden. Da ihr jedes Geschick für hauswirtschaftliche Tätigkeit fehlt, muss sie das Waschen und Flicken bzw. die Neuanschaffung ihrer Kleidung bezahlen. Da sie mit Sprachunterricht nicht viel verdient, bewirbt sie sich als Dolmetscherin – sie wird vereidigter „Dolmetsch von Stadt und Provinz von Panama“ (2, S.152) und ist für die Kanalgesellschaft am Gericht für vier Monate tätig.

Danach geht die Reise weiter durch die Staaten Mittelamerikas und durch Mexiko. Ihre Reiseschilderungen schickt Alma Karlin nach Deutschland. In 23 Tageszeitungen wie der Berliner Morgenpost oder Kölner Anzeiger werden ihre Artikel abgedruckt. Liest man sie heute, so lösen ihre rassistischen Äußerungen ein starkes Unbehagen aus, wie z.B. „Negerinnen verdienen am schnellsten und leichtesten durch ’Liebe‘“ (2, S.154) oder „Die Mischlinge beuten ihn (den Europäer oder Amerikaner, AM) aus, stellen sich liebenswürdig und scheuen vor keiner Niedertracht hinter dem Rücken zurück, trachten ihm nach Gut und Leben (…)" (2, S.174) Alma Karlin bewegt sich darin leider im Kanon ihrer Zeit.

 

Inzwischen ist auch ihr erster Roman „Der kleine Chinese“ veröffentlicht, und sie hat sich einen Namen gemacht.

 

1922 ist sie endlich in Japan angekommen. In Tokio nimmt sie eine Stelle an der Deutschen Botschaft an und unterhält freundschaftliche Kontakte zu den dort lebenden Europäer*innen und japanischen Künstlern. Von diesem Land berichtet sie nur positiv. Ihre mystisch-religiöse Einstellung (Theosophie) findet hier eine weitere Bestätigung.

 

Ihre nächsten Reiseetappen, die sie mit dem Zug zurücklegt sind: die Manschurei, Peking, Hongkong, Korea - danach geht es weiter nach Formosa, auf die Philippinen und nach Australien, von wo aus es sie auf die Südseeinseln zieht. Auf Neuguinea lebt sie unter den Eingeborenen. Sie erkrankt heftig an Malaria und tropischer Ruhr und entkommt nur knapp den Kannibalen. Auf ihrem weiteren Weg treffen wir sie ab 1926 in Indonesien, Java, Sumatra, Thailand, Indien, Somalia und Eritrea, um nur einige Station zu nennen, bevor sie sich über den Nahen Osten auf den Heimweg macht, da sie die Nachricht erhalten, dass ihre Mutter im Sterben liegt.

 

Nachdem Alma Karlin Weihnachten 1927 von ihrer Weltreise zurückkehrt, ist sie berühmt. Sie veröffentlicht nun ihre Erlebnisse in Büchern und schreibt Romane und Novellen 1931 erscheint die Autobiografie, in der sie ihre Kindheit und die Zeit bis zu ihrer „Columbusfahrt“ schildert.

 

Ihre Reisebücher werden eines Tages von der noch bei ihren Eltern in Norddeutschland lebenden Malerin Thea Schreiber Gamelin gelesen. Sie ist begeistert von der Lektüre und besucht einen der Vorträge, die Alma in Deutschland in Clubs und Frauenvereinen hält. Die beiden werden „Seelenschwestern“ und die siebzehn Jahre jüngere Thea zieht zu Alma in deren Elternhaus. Für beide ist die Mystik und Theosophie ein großer Lebensinhalt. Dem aufkommenden Nationalsozialismus steht Alma mit Ablehnung gegenüber. Sie gewährt jüdischen Journalisten, die auf der Flucht sind, in ihrem Haus Unterschlupf. Zudem weigert sie sich für deutsche Zeitungen weiterhin zu schreiben. Sie fällt wegen ihrer klaren Haltung bei der deutschen Bevölkerung in Celje in Ungnade, was sie zu dem Umzug zwingt. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs werden ihre Bücher verboten und nach Besetzung Jugoslawiens wird sie von der Gestapo verhaftet. Dank der Beziehungen ihrer Freundin Thea, kommt sie nach einigen Wochen frei und entkommt somit einem Todeslager. Ihr Kampfgeist ist jedoch ungebrochen. 1944 schließt sie sich der slowenischen Widerstandsbewegung an. „Da sie sich nicht nur dem Nationalsozialismus widersetzte, sondern auch eine überzeugte Antikommunistin war, riskierte sie auch bei den meist kommunistischen Partisanen ihr Leben, indem sie die Meinung vertrat, es gebe nichts Höheres als die Freiheit jedes einzelnen Individuums.“ (1, S.312). Sie zieht 1945 in ihre Geburtsstadt zurück und schreibt weiterhin Geschichten und Gedichte, die jedoch nicht veröffentlicht werden. An Brustkrebs erkrankt und von Thea liebevoll gepflegt, stirbt Alma Karlin am 14. Januar 1950.

 

Lange Zeit blieben Alma Karlin und ihr Werk vergessen, bis vor einigen Jahren die slowenische Germanistin Jerneja Jezernik sie wiederentdeckte und eine Biografie über sie schrieb, die jedoch bislang nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Auch erinnert seit 2015 eine Bronzestatue in Celje an die berühmte Weltreisende.

 

 

Anmerkungen:

(1) Cilli (slowenisch Celje) gehörte bis 1918 zur österreich-ungarischen Monarchie und damit zur Untersteiermark. Ca. 75 % der Bevölkerung, zu der auch die Karlins zählten, war damals deutschsprachig. Ab 1918 gehörte die drittgrößte Stadt Sloweniens zum neu gegründeten Jugoslawien (anfangs unter der Bezeichnung „Königreich Serbien, Kroatien und Slowenien“).

 

(2) Das heutige Ljubljana

 

(3) Die Schiffspassage buchte sie über „Cook & Son“.

 

 

Quellen:

(1) Alma M. Karlin: Ein Mensch wird. Auf dem Weg zur Weltreisenden. Herausgegeben von Jerneja Jezernik. Berlin 2018, AvivA Verlag

(2) Alma M. Karlin: Einsame Weltreise. Herausgegeben von Jerneja Jezernik. Berlin 2019, AvivA Verlag http://www.almakarlin.si

Doris Akrap: Eine Lesbe, eine Spionin, eine merkwürdige Frau. taz am Wochenende, https://taz.de/Reiseschriftstellerin-Alma-Karlin/!5522793/

 

 


 

aus WeiberZeit Nr. 37/Dezember 2019 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: zweimal jährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.