Berühmte behinderte Frauen

Die australische Sportlerin Lisa Llorens, geb. 1978

 

von Anneliese Mayer

 

File:231000 - Athletics track 100m T20 final Lisa Llorens silver action - 3b - 2000 Sydney race photo.jpg

Wenn in diesem Jahr vom 17.-28. September die 12. Paralympischen Sommerspiele in Athen stattfinden, wird eine junge Athletin nicht mehr dabei sein. Ihr Name ist Lisa Llorens. Menschen, die bisher in der Leichtathletik in die sog. Schadensklasse T 20 (intellektuelle Einschränkungen) eingeteilt wurden, sind dieses Jahr nicht für die Spiele qualifiziert. Diese Entscheidung traf das Internationale Paralympische Komitee (IPC) im Februar 2003. Der Hintergrund ist, dass vor vier Jahren die spanische Basketballmannschaft unberechtigt die Goldmedaille gewann. Das Team täuschte vor, dass seine Mitglieder geistig behindert wären, obwohl dies nicht den Tatsachen entsprach. Aber rechtfertigt dieser Vorfall den Ausschluß einer Gruppe von behinderten Menschen, mit deren allgemeiner Anerkennung sich besonders der Deutschen Behindertensportverband schon immer schwer getan hat? Die sportliche Leistung von Menschen mit sog. geistiger Behinderung steht keineswegs hinter der der Körperbehinderten zurück, wie das Beispiel Lisa Llorens zeigt.


 

Lisa Llorens hat 1996 in Atlanta und 2000 in Sydney mehrere Gold- und Silbermedaillen in ihren Disziplinen gewonnen. Den 100 m-Lauf legt sie in einer Zeit von 12,42 sec. zurück. (Zum Vergleich: Der Weltrekord bei den Beinamputierten liegt bei 12,61 sec.) Im Hochsprung liegt ihr persönlicher Rekord bei 1,54 m und im Weitsprung stellte sie in Sydney mit 5,43 m einen neuen Weltrekord auf. 

Lisa Llorens wurde am 17. Januar 1978 in Canberra in Australien geboren und ist Autistin. Sie identifiziert sich vollständig mit einem Gepard, dem schnellsten Tier der Welt. An den Wänden ihres Schlafzimmers hängen Poster von Geparden, sie schaut sich zuhause stundenlang Videos über Geparden an, liest Bücher über Geparden, trägt Kleider in den Farben des Gepards und besteht darauf, dass ihre Familie und ihre Freunde sie „Cheetah“ (Gepard) rufen. Sie ist dafür bekannt, dass sie in Restaurants rohe Steaks verschlingt. Ihr ist sehr wohl bewusst, dass Außenstehende ihre Verhaltensweise nicht nachvollziehen können. In einem Interview anlässlich der Paralympics in Sydney äußerte sie sich dazu „Autismus ist sehr befremdend. Weil unsere Sprache, unsere Art uns ausdrücken, für andere Ohren sehr befremdend klingen kann, schließt jeder daraus, dass wir blöd sind. Das ist nicht wahr; viele Autisten sind genauso intelligent – viel intelligenter manchmal – als sogenannte „Normal“Menschen.


 

Mein Gehirn ist einfach anders verdrahtet als Eures, so dass ich die Welt nicht in gleicher Weise sehe und höre wie Ihr. Eure Welt, so wie ich es sehe, ist wie der Versuch, Licht in einer schwarzen Höhle auszumachen. Und das ist sehr, sehr frustrierend.“

Während sie in den Startblöcken steht, geht sie ganz in ihrer Rolle auf: „Ich springe alle Gegnerinnen an, die vor mir liegen, ich jage sie, ich ringe sie nieder und schließlich töte ich sie.“ Damit bringt Lisa Llorens schonungslos zum Ausdruck, was Hochleistungssport bedeutet. Das Rennen wird zum Kampf ums Überleben.


 

Jedoch ist der Kampf nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite verstehen es die australischen Athletinnen die lustvolle Seite ihrer Persönlichkeit hervorzuheben. So haben sich viele behinderte Sportlerinnen von einer bekannten Bodypainterin bemalen lassen und daraus einen Kalender gestaltet. Lisa Llorens trägt die Maske eines Geparden. Ihr Körper ist in hellbraun grundiert mit den typischen dunklen Flecken und dem weißen Bruststreifen des Tieres. Mitten im Lauf fotografiert, zeigt sich uns ein muskulöser Körper voller Kraft und Elan, der gerade zum Sprung ansetzt. Dazu passt auch eine Aussage von ihr in dem erwähnten Interview: „Wenn ich renne, liebe ich es, mich verwandelt in einen Gepard vorzustellen. Ich sehe mich ausgestattet mit der gleichen Kraft, der gleichen Anmut, der gleichen Geschwindigkeit. Ich kann mir keinen schöneren Anblick vorstellen.“


 

Zu den Paralympischen Sommerspielen

In Athen werden zwei Wochen nach dem Abschluß der offiziellen Olympischen Spiele 4000 Athletinnen und Athleten mit einer Behinderung mit ihren Wettkämpfen beginnen. Sportlerinnen und Sportler aus 130 Ländern wetteifern in insgesamt 18 Disziplinen um die besten Plätze. Allein Deutschland ist mit 213 SportlerInnen vertreten, von denen etwa ein Viertel Frauen sind. Seit ca. 12 Jahren sind die Paralympics aus ihrer Randständigkeit hervorgetreten. Sie stellen ein Medienereignis dar. Über die Wettkämpfe berichten die Sportredakteure großer Zeitungen ebenso wie die verschiedenen Fernsehanstalten. Die Sportlerinnen werden nicht mehr als Versehrte betrachtet, sondern werden nach ihren Leistungen beurteilt. An der Spitze der deutschen Leichtathletinnen steht seit Jahren Marianne Buggenhagen, die 1994 zur Sportlerin des Jahres gewählt wurde. Behindertensport scheint zur Normalität geworden zu sein. 


 

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass diese Normalität sich mehr und mehr an hoch-professionellem Leistungssport orientiert. Hier geht es um knallharten Wettstreit, bei dem der technische Fortschritt eine große Rolle spielt. Für Prothesen-hersteller sind die amputierten LäuferInnen hervorragende Werbeträger für die neuesten Entwick-lungen, was sich dann so anhört „Das Rennen wird zu einer eindrucksvollen Demonstration moderner Prothesentechnik: Nahezu unbehindert jagen die Athleten mit ihren federnden Füßen aus schwarzer Kohlefaser über die Tartanbahn. (...) Die Resultate unterschenkelamputierter Athleten nähern sich damit auch absolut immer mehr den Ergebnissen nicht-behinderter Hochleistungssportler an.“ Maßstab der Normalität ist und bleibt der Nichtbehinderten-sport. Eine Erklärung mag sein, dass zumindest bei den deutschen WettkämpferInnen ein großer Teil Spätbehinderte sind und bereits vor dem Beginn der Behinderung SportlerInnen waren. So kommt es, dass die Sportarten, die bei den Olympischen Sommerspielen großen Raum einnehmen, auch bei den Paralympics zu den Favoriten (Leichtathletik, Radsport, Schwimmen, Fechten, Tennis etc.) gehören. Dagegen finden Sportarten, die sich aus einer Behinderung entwickeln, kaum Aufmerksamkeit wie z.B. Goalball für blinde Menschen oder Boccia, das vorwiegend von Menschen mit einer spastischen Lähmung ausgeübt wird. Diese deutliche Hinwendung im Behindertensport an den Leistungssport führt zur Ausgrenzung von bestimmten Behindertengruppen. 


 

Zitate aus: 

Daily Telegraph vom 24 .10.2000 „Australian cheetah hunts down rivals“

Marianne Buggenhagen (Hrsg.): „Paralympics 2000. Die 11. Sommerspiele in Sydney“. 
Sport-Verlag Berlin 2000

 


 

aus WeiberZeit Nr. 4/Juli 2004 I www.weibernetz.de/weiberzeit.html
Erscheinungsweise: vierteljährlich

Herausgeberin
Weibernetz e.V. - Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“
Kölnische Str. 99, 34119 Kassel, Tel.: 0561/72 885-85, Fax: 0561/72 885-53
e-mail: info@weibernetz.de, www.weibernetz.de

Alle Rechte vorbehalten. Copyright beim Weibernetz e.V. Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Autorinnen selbst verantwortlich.