Luftpumpe


Im Spannungsfeld der Krüppelgruppen

 

Zu den bestehenden Schwierigkeiten mit den Regionalredaktionen kamen 1981 noch eine weitere, die den Bestand der (bis dato beständigsten) Kölner-Redaktion in Frage stellte: Eine Spaltung innerhalb der Redaktion an der Frage der Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenarbeit von Behinderten und Nichtbehinderten im Projekt (die ein Abdruck des ersten Interviews zu Fragen der 'Krüppelbewegung' mit Franz Christoph in der 'LP' Nr. 2 und 3/1981 auslöste) und die in der Folge zum Austritt eines Redakteurs aus der Redaktion der 'LP' führte. Dessen Austrittserklärung erschien denn auch zugleich unter dem Titel: „Abgehakt?“ in der 'LP' Nr. 7/1981, S. 23f und in der 'Krüppelzeitung' Nr. 2/81 $. 32. Die Auseinandersetzung innerhalb der Redaktion mit der 'Krüppelbewegung' und den Thesen von Franz Christoph (s.a. 'Krüppelzeitung') begann im Sommer 1980 mit dem Eintritt von Tobias Reinarz in das 'LP'-Kollektiv. Aufgrund seines ersten Artikels ('Krüppel contra Sorgenkind' Nr 10/1980, S. 14f), in dem es um einen Fernsehauftritt von Franz Christoph in einer dem Artikel gleichnamigen Sendung im West 3 ging, beschäftigt sich „ToRe“, wie er seine Artikel fortan kennzeichnet, intensiver mit den Auseinandersetzungen der 'Krüppelbewegung'. Dies zeitigte Folgen: einerseits für die Gestaltung der 'LP' (in fast jedem der nachfolgenden Hefte bis zu besagter Juli-Nummer finden sich wichtige Auseinandersetzungen mit der Krüppelbewegung' in der 'LP'), andererseits auch für die Zusammenarbeit zwischen Behinderten und Nichtbehinderten innerhalb der Redaktion: ‚'... wir fanden einen Kompromiß: Arbeit am Projekt mit Nichtbehinderten, Arbeit an uns selbst in getrennten Arbeitskreisen. Dieses Ansinnen endete kläglich, und seltsamerweise arbeitete die Gruppe der Nichtbehinderten länger und wirksamer als der Krüppel-Arbeitskreis.“ (Lothar Sandfort, a, a.0.)

 

Die Auseinandersetzung im 'Krüppel-Arbeitskreis' scheiterte am Mangel von Reflexionsbereitschaft eines Großteils des Kreises. „Mir wurde deutlich, was ich u.a. die ganze Zeit über in der LP versucht hatte. Ich habe einmal mehr meine körperliche Minderwertigkeit versucht durch irgendwas wett zu machen. Meine Geilheit nach Anerkennung durch NBler; nach in-der-Öffentlichkeit-stehen; nach bekannt, berühmt und geachtet zu werden; nach begehrenswert-zu-sein; nach geliebt-zu-werden; nach Gleichwertigkeit mit NBlern. Deshalb die viele Arbeit, das Engagement, die Übernahme der Verantwortung für andere Unterdrückte, das Kämpfen für etwas Besseres. 'Das sind doch tolle Ziele und Vorsätze' wird jetzt jemand sagen, 'als politisch denkender Mensch muß... ! Auf diese Sprüche setze ich einen großen Haufen Scheiße, wenn ich durch ihre Erfüllung nur weiterhin verhindere, an meine Betroffenheit, Schmerzen, Leiden und Bedürfnisse heranzukommen,. Ich will nicht mehr gegen diese Regungen kämpfen, ich will beginnen sie kennenzulernen und zuzulassen, denn das bin ich. ...“ (Tobias Reinarz, in: 'LP' Nr. 7/1981, S. 24; ' 'KrüZ' ' Nr. 2/1981, S. 34f) Das Nichtverhalten der Redaktion hat zur Folge, daß Tobias Reinarz die Redaktion der 'LP' verläßt. „... mit großem Unbehagen wurde das Kölner Experiment für gescheitert erklärt. Der Kompromiß der Redaktion (Zusammenarbeit mit Nichtbehinderten dort ja, hier nein) trug nicht mehr. Es dauerte nicht lange und alle die verließen die Redaktion, die nicht am politischen Aspekt des Projektes weiterarbeiten wollten, wenn die Selbsterfahrungsarbeit nicht gelang. Das waren übrigens nicht nur Krüppel.“ (Lothar Sandfort, 'LP' Nr. 5/1983, S. 6)

 

Die Auseindersetzung um 'Krüppestandpunkte' versiegt in der Kölner Redaktion nach der Austrittswelle Ende 1981 fast vollständig. Der Zusammenbruch der Regionalredaktionen Rhein-Main und Berlin tat ein Übriges, um zu Beginn des Jahres 1982 ein desolates Bild zu bieten. Dennoch machen die Kölner- (mit 7 Personen) und Münchener-Redaktion (mit 8 Personen) weiter: „Konsequent wäre es ... die LUFTPUMPE aufzugeben... Dafür ist sie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aber zu wichtig und die große Abonnentenschar auch Verpflichtung und Bedarfsanzeige genug. Was die Leser der LUFTPUMPE von ihr haben, können wir nur aus Einzeikritiken schliessen: Inforrnationsbörse, Auseinandersetzungsforum. Denkanregung, Spiegelbild dessen, was läuft in der Scene, und ähnliches. Das deckt sich mit unseren Absichten, sonst kämen Redaktionen und Leser ja auch nicht zusammen.“ (ebd., S. 4) Aber die Situation der 'LP' spiegelt eben auch den Zustand wieder, in der sich die 'Scene' nach dem Krüppeltribunal Ende 1981 befindet: Außer sehr vereinzelten Aktionen ist insgesamt „die Luft raus“, behindertenpolitische Aktivitäten sind dünn gesät und der Rückzug in 'konkrete Projekte', wie den Aufbau von Fahrten- bzw. Ambulante Dienste, mit regionalen Bezug oder der Rückzug ins 'Private' scheinen gleichermaßen die Bedarfslage der Scene wiederzugeben. Dennoch wird die 'LP' von den Aktiven in Köln und München unermüdlich weiterproduziert. Ab Nr. 8/1983 macht die 'LP' zumindest einen layout-technischen, gewaltigen Sprung nach vorn, indem sie vom Schreibmaschinen-Satz auf Composer-Satz umgestellt wird, um in den Genuß der finanziell günstigeren Versendung mit dem Post-Zeitungsdienst zu kommen. Der Nebeneffekt, der sich mit dieser Veränderung einstellt, ist, daß die 'LP' in den folgenden Heften mit noch mehr Informationen aufwarten konnten. Doch die Seiten wollten gefüllt sein und die unterschiedliche Entwicklung der Redaktionen in München und Köln werden im 6. und 7. Erscheinungsjahr überdeutlich. Während die Münchener Redaktion einen Kurs verfolgt, der sich in weiten Teilen an der Münchener Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) ausrichtet und der 'LP' einen konservativen Ausdruck verleiht, verfolgt die Kölner Redaktion, allen voran Lothar Sandfort, einen Unterstützungskurs hin zur Partei 'DIE GRÜNEN' und ist daran interessiert, die Zeitschrift an einem radikal-emanzipatorischen Anspruch auszurichten. Der Konflikt befindet sich so lange im Schwelstadium, wie die Interessen und Möglichkeiten an der 'LP' auf beide Redaktionen gleichermaßen verteilt ist. Dies ändert sich erst, als das Hauptgewicht der Arbeit aufgrund des zeitweisen Ausfalls des Kölner Haupt-Protagonisten Lothar Sandfort an die Münchener Redaktion fällt. Die 'LP' verliert in dieser Zeit einen Großteil ihres radikal-emanzipatorischen Anspruchs. Leserinnen, die diesen Weg nicht mitgehen wollen, kündigen in Scharen ihr Abonnement; jedoch konnten Teile einer bisher nicht erfassten Leser*innenschaft eingebunden werden: Behinderte die dem sozialdemokratischen Spektrum nahestanden. Jedoch stagnierten die Abonnementszahlen und die Reaktionen der Leserinnen, die eine radikale politische Aussagekraft und Ausrichtung einforderten, wurden immer heftiger. Ende 1984 kam es zum 'großen Knall' zwischen den beiden Redaktionen und somit zur Machtprobe. Die Münchener Redaktion, die das Blatt auf einen regelmäßig erscheinenden und layouttechnisch hochwertigen Standard getrimmt hatte, mochte die Hauptverantwortung für das Projekt nicht wieder an die Kölner Redaktion abgeben. Zudem hofften die Münchener auf weitere neue Absatzmärkte, die sie mit einer künftig neugestalteten 'LP' einem größeren Kreis von Menschen zugänglich machen wollten. Hieraus erhofften sie sich ausreichende finanzielle Grundlagen, um künftig die Mitarbeiter*innen, die redaktionelle wie vertriebstechnische Arbeiten erledigen, bezahlen zu können. Doch dieses Konzept kommt nicht zum Zuge, die Kölner Redaktion unter Lothar Sanfort will den radikal-emanzipatorischen Weg der 'LP' gemeinsam mit der bereits eingestellten Hamburger 'Krüppelzeitung' weiter gehen und so eine neue Zeitschrift kreieren und setzt sich damit durch.