Krüppel-Zeitung

Zeitung von Krüppel für Krüppel

Die 'Krüppeizeitung', 1979 mehrheitlich von der Bremer Krüppelgruppe gegründet, gilt selbst heutzutage, fast 30 Jahre nach ihrer Einstellung, unter den Aktivist*innen

der 'Krüppel- und Behindertenscene', als das Organ der bundesdeutschen 'Krüppelbewegung'. In der Zeit von Juni 1979 bis November 1985 erschienen unregelmäßig insgesamt 14 Ausgaben der Zeitschrift und symbolisierten während dieser Zeit die Existenz einer radikalen Gruppe behinderter Menschen, die allen Integrationsbestrebungen der Organisationen und der Politik widerstand.

 

Krueppelzeitung 1979 06 01 00Herausgegeben wurde die Zeitschrift von einem Redaktionskollektiv, das zunächst nur aus Mitgliedern der 'Krüppelgruppe Bremen' bestand, aber schnell Zulauf aus Hamburg, Emden und Berlin erhielt. Das Diskussions- und Sprachorgan der 'Krüppelbewegung' bot, wohl zum ersten Mal in der Geschichte bewegter behinderter Menschen ein Forum, das den radikalen Anspruch auf eine eigenständige, von Nichtbehinderten und Organisationen unabhängige Entwicklung postulierte und überdies nach Ansätzen einer eigenen behinderten- bzw. krüppelspezifischen Identität suchte. Bereits die erste Ausgabe der 'Krüppelzeitung' ('KrÜZ') bringt die Inhalte und Ansprüche des Projektes auf den Punkt:

 

„Warum heißt die Zeitung 'Krüppelzeitung', 'Zeitung von Krüppel für Krüppel' - und nicht 'Behindertenzeitung'? Dies ist kein Streit um Namen, sondern es geht um Inhalte. Der nichts sagende, etwas 'sachlichere' Begriff 'Behinderte' wird heutzutage nicht ohne Grund verwendet. Mit dieser Sprachregelung wollen die Gesellschaft und auch die Nichtbehinderten Integration und Partnerschaft vortäuschen.
Die Wirklichkeit ist: Die Gesellschaft, die Institutionen, die Nichtbehinderten beherrschen uns.
Der Begriff 'Behinderte' soll uns vormachen, daß wir zwar besondere Probleme haben, aber ansonsten sind wir Menschen, wie die anderen auch. Dies kommt auch zum Ausdruck, in wieviel anderen Bereichen 'behindert' verwendet wird, z. B. wird der Stürmer beim Fußballspiel auch sehr häufig vom gegnerischen Verteidiger behindert.
Wir sind jedoch nicht mehr bereit, unsere Probleme mit denen eines Stürmers auf eine Ebene stellen zu lassen; denn wir werden beherrscht, sei es durch Institutionen oder Nichtbehinderte, die uns vorschreiben, was wir zu machen haben. Wir sind permanent von einer Persönlichkeitszerstörung bedroht.
  • Sie bestimmen, was sie an Bildungsmaßnahmen in uns investieren wollen.
  • Im Rahmen der Integration stecken sie uns in Heime und Werkstätten, wo wir vor Gleichberechtigung geschützt werden.
  • Im Rahmen der Rehabilitation erhalten wir in diesen Einrichtungen eine Ausbildung, um anschließend arbeitslos zu werden.
  • Bei Bewerbungen, speziell auch in Behinderteneinrichtungen, erhalten Nichtbehinderte den Vorrang.
  • Im Rahmen des 'partnerschaftlichen' Verstehens mit Nichtbehinderten führen wir einen Konkurrenzkampf um die Anerkennung durch Nichtbehinderte.
  • Wir sind permanent von einer Persönlichkeitszerstörung bedroht.
Der Ehrlichkeit halber müssen wir zugestehen, daß es einigen von uns gelingt, einen Platz an der Sonne der nichtbehinderten Gesellschaft zu ergattern. Wir als Musterkrüppel werden von der Gesellschaft dazu gebraucht, um zu demonstrieren, daß das 'Elend' es noch zu etwas bringen kann. ... Die Situation des 'Behinderten' heute ist die des Bettlers und Almosenempfängers von früher, nur modernisiert. Das Wort Krüppel zeigt die bestehenden Verhältnisse offener auf. Warum haben wir noch Schwierigkeiten, uns als Krüppel zu bezeichnen? Indem wir uns an die Nichtbehinderten anpassen, reden wir uns ein, daß es mit der Persönlichkeitszerstörung nicht so schlimm ist: Ach eigentlich sind wir ja Menschen wie alle, haben zwar noch ein paar Probleme mehr, stoßen noch auf viel Unverständnis, was uns am meisten behindern würde... Wir meinen, daß der Begriff 'behindert' in diesem Zusammenhang zerstört werden muß, da wir es noch immer benutzen, um uns etwas vorzulügen. So denken wir, daß die zwei alten Begriffe Krüppel und Idioten, gerade weil sie so häßlich klingen, eher geeignet sind, die nicht vorhandene Harmonie zu zerstören..“

('KrüZ' Nr. 1/1979, S. 2)